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Hochsprung der Frauen : Das Prinzip Belohnung

Angriffslustige Hochspringerin: Ariane Friedrich demonstriert Selbstvertrauen Bild: dpa

Beim Frühstück zeigt sich, ob Ariane Friedrich einen guten oder schlechten Wettkampf hinter sich hat. Wenn die Latte liegen bleibt, gibt's Leckereien. Im EM-Titelkampf an diesem Sonntag winkt der Hochspringerin Gold und eine Schinkenkeule.

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          Ariane Friedrich holt manchmal die Kalorien-Keule raus. Die Hochspringerin, die streng Verzicht übt für ihre Höhenflüge und bei fast 1,80 Meter Körpergröße weniger als sechzig Kilo wiegt, belohnt sich mit Leckereien für große Sprünge. Beim Frühstück zeigt sich, ob sie einen guten oder schlechten Wettkampf hinter sich hat. Sie isst nach dem Prinzip Belohnung. Nach der deutschen Meisterschaft in Braunschweig ließ sie sich Nougatcreme schmecken.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Zwar hatte sie lediglich zwei Meter gemeistert, sechs Zentimeter weniger als ihre Bestmarke. Doch war der Titelgewinn ihr dreißigster Wettkampf gewesen, den sie mit dieser oder einer größeren Höhe beendete. Den Satz zur Meisterschaft empfand sie als Sprung ihres Lebens. Sie strich Nutella auf ihr Brötchen und überlegte: „Wie das wohl ausgesehen hätte, wenn die Latte ein paar Zentimeter höher gelegen hätte?“ Sie wäre wahrscheinlich liegen geblieben.

          An diesem Sonntag springt die Hallen-Europameisterin und Dritte der Weltmeisterschaft von Berlin um die Europameisterschaft und um die Belohnung dafür. Eine Handvoll Hochspringerinnen kommt für den Titel in Frage. „Es kann passieren, dass man mit zwei Metern Vierte oder Fünfte wird“, sagt Ariane Friedrich: „Das wäre doof.“ Weltmeisterin Blanka Vlasic aus Kroatien, Olympiasiegerin Tia Hellebaut aus Belgien, die Russin Swetlana Schkolina und die spanische Lokalmatadorin Ruth Beitia gehören zu den Favoritinnen.

          Auf dem Sprung: Friedrich mit neuer Tätowierung auf dem Rücken
          Auf dem Sprung: Friedrich mit neuer Tätowierung auf dem Rücken : Bild: dpa

          „Ich weiß, dass mein Körper sehr empfindlich ist“

          Mit 1,90 Meter Einstiegshöhe und einer neuen Tätowierung auf dem Rücken, einem Tiger, demonstrierte Ariane Friedrich am Freitag in der Qualifikation ihr Selbstvertrauen. So hoch ist bei einer Europameisterschaft noch keine Hochspringerin eingestiegen, nicht mal im Finale. Doch der Wettbewerb hatte nicht erst damit begonnen.

          Schon im Juli schimpfte der Manager von Blanka Vlasic, der Österreicher Harald Edletzberger, lauthals darüber, dass seine Athletin nicht zum Hochsprung-Meeting in Madrid eingeladen wurde. Blanka Vlasic trete jederzeit an jedem Ort gegen jede Gegnerin an, so sein Tenor. Da sei es in höchstem Maße unfair, sie auf Wunsch von Tia Hellebaut von einem Wettkampf auszuschließen.

          „Wenn man nach der Geburt eines Kindes zurückkehrt, will man einen leichten Wettkampf haben“, erwiderte die Belgierin, seit gut einem Jahr Mutter, in Barcelona. „Das ist normal.“ Bei den Olympischen Spielen von Peking pokerte und sprang die Belgierin hoch. Sie schnappte, höhengleich mit 2,05 Metern, der siegessicheren Blanka Vlasic die Goldmedaille weg.

          Der Mut zum Risiko ist auch ein Schonprogramm

          Günther Eisinger findet es vertretbar, der Konkurrenz auszuweichen. „Es hatte seinen Grund, dass wir in Baunatal zurückgekommen sind und nirgendwo anders“, sagte der Trainer. Ariane Friedrich hatte einen Winter mit vielen Verletzungen hinter sich, hatte auf die Hallen-Weltmeisterschaft in Doha verzichten müssen, und bis heute ist ihre Technik nicht so stabil wie im vergangenen Jahr. Da Eisinger seine Athletin seit drei Jahren im Training nicht über die Latte springen lässt, um Fuß und Rücken zu schonen, mussten sich die beiden erst einmal orientieren in Zeit und Raum.

          Nun verblüfft Ariane Friedrich mit ihrer Einstiegshöhe zwar die Konkurrenz. Doch der Mut zum Risiko, der ungeheures Selbstbewusstsein signalisiert, ist auch ein Schonprogramm. Mit nur zwei Sprüngen war die 26-Jährige qualifiziert, schneller als jede andere. „Ich weiß, dass mein Körper sehr empfindlich ist und ich mit meinen Kräften haushalten muss“, sagt sie. Der Zehnkämpfer Frank Busemann, dessen Körper seinem athletischen Talent nicht gewachsen war, ist für sie mahnendes Beispiel.

          Je besser der Wettbewerb, desto besser der Schinken

          Um diese Fragilität weiß Edletzberger. Immer wieder versucht er, die freche Deutsche zum Duell mit seiner robusten Athletin herauszufordern. Ihm ist es nicht unrecht, wenn der Eindruck entsteht, die Gegnerinnen von Blanka Vlasic kniffen. Wohl keine Weltklasseathletin bestreitet so viele Wettkämpfe wie sie. Und wenn sie sich zurückzieht nach Split, springt sie in ihrer klimatisierten Trainingshalle weiter. Die Bestleistung der 1,93 Meter großen Kroatin liegt bei 2,08 Metern.

          Der bisher letzte Wettkampf, den die drei gemeinsam bestritten haben, war das Golden-League-Finale in Brüssel nach den Olympischen Spielen. Ariane Friedrich erinnert sich mit leuchtenden Augen daran, wie Tia Hellebaut sie auf der Fahrt ins Stadion ansprach. „Die Olympiasiegerin wollte ein Autogramm von mir, der Siebten“, erzählt sie: „Das fand ich sehr bewegend.“ Mit ihrem Sieg ruinierte Ariane Friedrich dann die Hoffnung von Blanka Vlasic auf einen Teil des Jackpots von einer Million Dollar. Seitdem steht fest, wer mit wem befreundet ist und wer nicht.

          Nun also will Ariane Friedrich in Barcelona einen großen Wettkampf liefern – und sich danach eine Schinkenkeule nach Hause schicken lassen, wie sie nach einem Stadtbummel verriet. Je besser sie abschneide, desto wertvoller solle er sein. Für Gold kommt nur „pata negra“ in Frage, Schinken von Schweinen, die in Eichenwäldern leben. Als ob Schlemmen und nicht Hungern zu Leichtigkeit und Höhenflügen führen würden.

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