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Marie-Laurence Jungfleisch : Die neue Leichtigkeit

Karriere endlich veredelt: Bei der EM in Berlin sprang Marie-Laurence Jungfleisch zu Bronze Bild: AFP

Hochspringerin Marie-Laurence Jungfleisch hat ihre Karriere veredelt – beflügelt von der Berliner Bronzemedaille geht sie als Star ins letzte Springer-Meeting von Eberstadt.

          „Lach’ nicht über jemanden, der einen Schritt zurück macht“, gibt Marie-Laurence Jungfleisch als Lebensmotto an: „Er könnte Anlauf nehmen.“ Die 27-Jährige spricht aus eigener Erfahrung, denn sie ist selbst lange Zeit unterschätzt worden, ehe sie bei der Leichtathletik-EM im August mit Bronze im Hochsprung erfolgreich war. Bei der letzten Auflage des traditionsreichen Springer-Meetings in Eberstadt an diesem Samstag (14.30 Uhr) tritt Marie-Laurence Jungfleisch nun zum ersten Mal als Topstar auf – und das, obwohl sie hier sogar schon dreimal gewonnen hat: Lohn ihres famosen Wettbewerbs von Berlin, bei dem sie alle Höhen bis 1,96 Meter auf Anhieb nahm und ihre erste Medaille bei großen Titelkämpfen gewann.

          Die Leichtigkeit, mit der sie im Olympiastadion ihre Aufgaben meisterte, und die Freude, die sie dabei ausstrahlte, schwappte auf das Publikum über, das sie frenetisch anfeuerte. Im Gegensatz dazu schaute die Russin Maria Lassizkene selbst nach ihrem Siegsprung noch, als hätte sie soeben die Qualifikationshöhe gerissen. Der Erfolg zauberte Marie-Laurence Jungfleisch dagegen ein Glücksstrahlen ins Gesicht, das über Tage nicht verschwinden sollte.

          In den Jahren zuvor hatte die für den VfB Stuttgart springende Athletin jeweils knapp das Siegerpodest verfehlt: Vierte bei der WM in London, Fünfte bei der EM in Amsterdam genau wie schon in Zürich. Sechste bei der WM 2015 in Peking, und das, obwohl sie 1,99 Meter überwand – eine Höhe, mit der sie ein Jahr später Olympiasiegerin geworden wäre. Die Traumgrenze von zwei Metern meisterte sie 2016 aber nicht in Rio, sondern erst in Eberstadt, bei ihrem „Lieblingsmeeting“. Seitdem nennt sie sich auf ihrem Instagram-Profil „Marielaurence 2.00“, in Anlehnung an die Höhe, die das Tor zur Weltklasse öffnet und den Sprachgebrauch für Neuanfang im Internetzeitalter.

          „Marielaurence_2.00“: Lächelnd zur Medaille

          Marie-Laurence Jungfleisch wurde 1990 in Paris geboren. Ihr Vater stammt aus dem französischen Überseedepartement Martinique, ihre Mutter aus Baden-Baden. Als sie sechs war, zog die Familie nach Deutschland, wo sie in Freiburg aufwuchs. Weil sie dort wegen ihrer karibisch geprägten Hauptfarbe gemobbt wurde, wechselte sie einmal die Schule, ehe sie „glücklich wurde“, wie sie heute sagt. Die negative Fußnote ihres privaten Werdegangs will sie nicht weg diskutieren, aber auch nicht überbewerten. „Jetzt bin ich so selbstbewusst und mega-stolz über meine Leistungen“, sagte sie in Berlin, sie lasse sich von Beleidigungen jeglicher Art nicht mehr aus der Bahn werfen. Gerade in der Leichtathletik sei Diskriminierung aber kein Thema. „Mir hat immer gefallen, wie offen der Sport ist.“

          Ihren Weg geht sie konsequent. Neben ihrer Spitzensportkarriere ist Jungfleisch bei der Bundeswehr angestellt. Zudem studiert sie „Soziale Arbeit“ an der Hochschule in Esslingen. Zuvor hat sie bereits die vierjährige Ausbildung zur Erzieherin mit Erfolg absolviert.

          Als Älteste von sechs Geschwistern ist sie schon von Hause aus im Umgang mit Kindern bestens geschult. Am meisten Freude bereitet ihr die Arbeit mit Drei- bis Sechsjährigen: „Mit ihnen kann man schon Sport machen“, meint sie: „Das macht viel Spaß.“ Ihr pädagogisches Talent lebte die 27-Jährige auch bei öffentlichen Trainingseinheiten und in Fernsehsendungen aus, in denen sie Dutzende Kinder fröhlich und erfolgreich zum Sporttreiben animierte.

          Privat neigt die sechsmalige deutsche Meisterin eher zu leichtem Spott als zu übertriebenem Ehrgeiz in eigener Sache. Dass sie sich im vergangenen Oktober die Augen lasern ließ, habe nichts mit Eitelkeit zu tun: Die Kontaktlinsen rieben oft und sorgten bei ihr für trockene Augen. Das störte sie im Wettkampf. Mit Brille zu springen sei von einer gewissen Höhe an aber nicht sinnvoll. Und ohne Brille von einer gewissen Dioptrienstärke an ebenso wenig.

          Nebenbei jobbt die 1,81 Meter große Sportlerin gelegentlich als Model, forciert dies aber nicht über die Maßen. „Wenn es Angebote für seriöse Fotoshootings gibt, bin ich bereit“, sagt sie. Was ihr vor der EM bereits eine attraktive Fotostrecke in der „Bunten“ einbrachte. Für Auftritte auf dem Laufsteg stehe sie aber generell nicht zur Verfügung: „Dafür bin ich zu tollpatschig.“

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