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Hochseilartist Johann Traber : Abgestürzt und wieder aufgestanden

Zurück auf dem Seil: Johann Traber Senior und Junior 2009 in Hamburg Bild: Picture-Alliance

Der Artist Johann Traber sollte die Familientradition weiterführen, als er 2006 schwer verunglückte. Seitdem kämpft er sich zurück ins Leben – aber alles um ihn hat sich verändert.

          Acht Jahre. Fünf Monate. Zwei Tage. Da war noch alles gut. Acht Jahre. Fünf Monate. Zwei Tage. Und drei Minuten. Und alles war schlecht. Seither gibt es ein „Früher“ und ein „Heute“ in Johann Trabers Leben, das alles trennt. Worte, die wie tausend Nadeln stechen. Jeden Tag.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Früher: Das war sein Leben auf dem Seil. Als einziger Sohn der berühmten Artistenfamilie Traber balancierte er nur mit einer Stange, ohne Gurt und Rettungsnetz, über Felsenschluchten und Jahrmarktplätze. Oder er raste in seinem Mercedes, den linken Arm lässig aus dem Fenster gehängt und zu dröhnenden Hip-Hop-Beats, über die Köpfe der Zuschauer hinweg. Es muss Zeiten gegeben haben, da sah Johann Traber von seinem Seil hinab und musste denken, die Gesetze der Menschen gälten nicht so recht für ihn. Ob Fuß auf Fuß oder mit 50 Stundenkilometern, immer bewegte sich Johann Traber zum nächsten Weltrekord. Ein Strahlemann. Ein Athlet.

          „Ein ekliges Gefühl“

          Heute: Das ist sein Leben in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung. Mit Medikamenten im Badezimmerschrank. Im Kalender steht nicht mehr der nächste Weltrekordversuch, sondern der Termin für die Ergotherapie. Auf dem Sofa sitzt heute ein Geschlagener. Ein kranker Mann. Aber das Wunder will: Er lacht. Wie geht es ihm, acht Jahre nach dem Sturz? „Eigentlich ganz gut.“ Johann Traber seufzt. „Eigentlich...“ Dabei gleicht es fast einem Wunder, dass er auf diesem Sofa sitzt und seine Geschichte erzählen kann.

          Wie geht es Johann Traber, Jahre nach dem Sturz? „Eigentlich ganz gut.“

          Es war Mai, es war Mittag, es gab eine Sturmwarnung. Die Hamburger feierten die Neugestaltung des Jungfernstiegs und hatten als größte Attraktion die Trabers eingeladen. Die Familie, Vater Johann Traber senior, sein Sohn Johann, die beiden Schwestern und die übrige Crew, reiste an, baute ihre Stangen und Plattformen auf und spannte das Seil. Der Höhepunkt sollte sein: Johann junior schwingt mit dem Mast erst vor und zurück und macht dann einen Handstand, in 52 Metern Höhe. So hatte er es schon so oft gemacht. „Ein ekliges Gefühl. Aber irgendwie auch geil.“ Es stimmt nicht, dass Seilartisten schwindelfrei sind. Sie können mit der Höhe nur besser umgehen als jeder andere. Sie haben ihre Furcht im Griff. „Eigentlich bin ich ja ein kleiner Feigling“, sagt Johann Traber.

          Es gibt Fotos, die Johann kurz vor dem Unfall zeigen. Er streckt sein Kinn vor, blickt herausfordernd. Er ist konzentriert. Sie gingen nie leichtsinnig auf das Seil und den Mast, versichern die Trabers. Wenn sie kein Auffangnetz unter sich spannen, dann meist, weil es dazu schlicht keinen Platz gibt. Johann schnallte für seinen Tanz in Hamburg auf dem Mast wie immer einen Gurt um die Hüfte, unsichtbar für die Zuschauer. Sie legten ihre Hälse in den Nacken. Johann Traber stieg auf. Der Himmel war grau.

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