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Mann der Woche : Der Meister geht zum Après-Ski

Besessen vom Siegen, und nun? Hirscher muss seine neue Rolle noch finden. Bild: AFP

Kein Volksheld und schon gar kein Popstar. Österreichs größter Ski-Artist sagt servus und sucht die Ideallinie nun jenseits eisiger Pisten und nationaler Erwartungen.

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          Die Rolle, in der er im vergangenen Jahrzehnt steckte, hat nie so richtig zu ihm gepasst. Als nationaler Held fühlte er sich nicht, der Hirscher Marcel, auch wenn er achtmal nacheinander den Gesamt-Weltcup der alpinen Skiläufer gewonnen hat. Und wie ein Popstar schon gar nicht, auch wenn er ähnlich umjubelt wurde, von Tausenden rot-weiß-roten Fans am Ganslernhang oder auf der Planai, die wie narrisch seinen Namen brüllten, wenn er nur die Bühne betrat.

          Die Bühne, die für ihn Slalompisten waren. Oder Riesenslalomhänge. Eisig, brutal, der Schwerkraft trotzend. Je schwieriger die Bedingungen, desto besser konnte er seine einzigartige Fahrkunst vorführen, Schräglagen meistern wie kein Zweiter, Ideallinien zwischen Torstangen finden, die unfahrbar schienen. Eigentlich wollte der Hirscher Marcel immer nur Schi foan. Nur eben besser als alle anderen. Und das konnte er auch. Weil er besessen war. Weil er mehr trainierte als alle anderen. Weil er ausgiebiger Material testete als alle anderen. Und weil er nie aufgab, bis er aus hundert Paar Ski das eine gefunden hatte, das ihm ein paar Sekundenbruchteile Zeitgewinn versprach. Denn Hirscher wollte immer gewinnen, wenn er eins nicht gut konnte, dann verlieren.

          Marcel Hirscher, geboren am 2. März 1989 als Sohn eines Hüttenwirts aus dem Salzburger Land und einer niederländischen Skilehrerin, hat ein begnadetes Talent für das Skifahren geerbt. Doch vor allem hat er mehr Biss gehabt als die meisten. Und er hatte einen Vater, Ferdinand, der das Projekt „Marcel“ mit einer Akribie vorantrieb, wie man es von Tenniseltern kannte. Der alte Hirscher war der erste Trainer des Jungen, und er galt während der ganzen Karriere seines hochbegabten Sohns als Antreiber auf der Jagd nach Zehntelsekunden, die letztlich den Unterschied ausmachen zwischen Stockerlplatz und Holzmedaille. Zwischen Siegertypen und Mitfahrern.

          Rote Stange, blaue Stange: Hirscher war zumeist auf der schnellsten Linie unterwegs

          Anfangs wurde der Stuhlalm-Wirt von Annaberg eher belächelt für seine Methoden. Und weil in der Alpenrepublik praktisch ein jeder ein Skilehrer ist und weil die Bestimmer im österreichischen Skiverband (ÖSV) göttergleich darüber wachen, welche Fahrweise gelehrt wird, wurde der Hirscher-Technik keine Zukunft vorhergesagt, denn sie entsprach nicht der aus dem Lehrbuch.

          An dieser Stelle ähneln sich die Heldengeschichten des alpinen Skirennsports. Auch der Stil des amerikanischen Skifreaks Bode Miller galt als nicht fahrbar. Auch Marc Girardelli wurde vom österreichischen Skiverband verstoßen – was dieser später bitter bereute, als „Skirardelli“ seine Medaillen für Luxemburg gewann. Und selbst der große Hermann Maier wurde erst mal nicht in den Nationalkader übernommen, ehe er es als Einzelkämpfer in den Weltcup schaffte, Rennen um Rennen gewann und schließlich zum „Herminator“ geadelt wurde, nachdem er seinen Horrorsturz von Nagano nicht nur unbeschadet überstand, sondern Tage später Doppel-Olympiasieger wurde.

          Hirscher hätte für Holland starten können, wegen seiner Mutter. Doch bevor dieser Gedanke spruchreif wurde, überhäufte ihn der ÖSV mit Sonderrechten, stellte Servicemänner, Trainer und Physiotherapeuten. Und ließ ihn schon mal mit dem Sponsoren-Helikopter ans Starthäuschen fliegen, um ihn bei Laune zu halten.

          Während all seine charismatischen Weggefährten von Aksel Lund Svindal bis Felix Neureuther mindestens eine Saison wegen eines Kreuzbandrisses verpassten, blieb Hirscher zeit seiner Karriere praktisch unverletzt. Und als er sich im August 2017 doch mal einen Knöchelbruch zugezogen hatte, gewann er schon im Dezember wieder seinen ersten Riesenslalom. Aus dem nur 1,73 Meter großen, eher schmächtigen Kerlchen hatte sich im Laufe der Jahre ein kompakter Bursche mit mächtigen Oberschenkeln entwickelt, die seine Carving-Ski stets auf Kante und Kurs halten konnten.

          Aus seinem Können hat Hirscher den maximalen Ertrag gezogen, doch nach 67 Weltcupsiegen, 20 Kristallkugeln und 14 Medaillen sind dem frisch verheirateten Vater nun die Kraft und der Wille abhandengekommen, sich länger an blauen und roten Stangen und hysterischen nationalen Sieg-Erwartungen abzuarbeiten. Geld verdiente er mit dem Skifahren genug. Ein Comeback schließt er aus. Seine Zukunft, so sagt der 30-Jährige, sei offen. Einen bürgerlichen Beruf hat er immerhin gelernt: Vor seiner Skikarriere schloss er die Hotelfachschule ab – als „bester Absolvent der Tourismusschulen Salzburg“.

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