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Hirscher schwingt ab : Das Leben nach dem Zirkus

  • -Aktualisiert am

Marcel Hirscher: „Das ist ein Leben, das man von heute auf morgen beendet.“ Bild: AFP

Skistar Marcel Hirscher hat seine Karriere und damit „sein Leben beendet“. Wird es dem Besten der Besten nun langweilig? Wohl eher bekommt der alpine Ski-Zirkus Probleme.

          2 Min.

          Die Gletscher schmelzen – und dann tritt auch noch Marcel Hirscher zurück. Der alpine Skirennsport steht vor einer Zäsur. Wenn Ende Oktober auf dem Rettenbachferner hoch über Sölden der Weltcup-Zirkus in die nächste Runde startet, werden nicht nur die international beliebten Sympathieträger Aksel Lund Svindal und Felix Neureuther fehlen sowie Lindsey Vonn, der glamouröseste Star des Zirkus, sondern auch der Beste der Besten. „Gibt es ein sinnvolles Skileben nach Marcel Hirscher?“, fragen die „Salzburger Nachrichten“ stellvertretend.

          Und bei allem Schmäh, die Frage ist nur halb im Scherz gestellt. Denn in der rot-weiß-roten Sportnation, die sich nicht unerheblich über ihre Erfolge im alpinen Rennsport definiert, lässt sich eine Ikone auf zwei Brettern, die den Hunger nach Helden stillt, nicht so einfach produzieren wie Kunstschnee beim ersten Herbstfrost, auch wenn Heerscharen von Übungsleitern in Hunderten von Skischulen Winter für Winter danach trachten, noch mal einen wie ihn hervorzuzaubern.

          Marcel Hirscher, Sohn eines ehemaligen Hüttenwirts und einer niederländischen Skilehrerin, hat im alpinen Skirennsport Maßstäbe gesetzt. Bei 245 Weltcup-Rennen ging der Torlauf-Spezialist an den Start, mehr als bei jedem zweiten fuhr er auf das Siegerpodest: 138 Mal. Und auch wenn er „nur“ nach 67 Rennen von ganz oben grüßte und den Rekord des Schweden Ingmar Stenmark (86) verfehlte, setzte der eher kleingewachsene Hirscher doch riesige Maßstäbe: Je sechs Mal gewann er Slalom- und Riesenslalom-Weltcup, gar acht Mal nacheinander den Gesamt-Weltcup. Dazu kommen die beiden Olympiasiege und fünf WM-Titel. „Mehr als Sie erreicht haben, kann man nicht erreichen“, würdigte ihn Österreichs Bundespräsident Alexander van der Bellen in einer Video-Botschaft.

          Hirscher wertete seinen ersten Weltmeistertitel 2013 in Schladming als größten persönlichen Erfolg – als die ganze Skination seinen Slalom-Sieg erwartete und er dem Druck standhielt. Danach konnte ihn nichts mehr schrecken. Doch nun hat dieser Hirscher genug von dem Wahnsinn und ist sich der Tragweite durchaus bewusst. „Dies ist kein Berufs- oder Jobwechsel“, sagte er bei seiner Rücktritts-Pressekonferenz, bei der er ein schlichtes weißes T-Shirt trug, als wollte er seine Unabhängigkeit demonstrieren: „Das ist ein Leben, das man von heute auf morgen beendet.“ Doch natürlich hatte ein Perfektionist wie er diesen Rücktritt von langer Hand geplant. Im Sommer heiratete er seine langjährige Freundin Laura, im Oktober kam der Sohn des Paares zur Welt. Und damit hatte sich seine Perspektive auf diese Welt verschoben: nun ist nicht mehr der beste Schliff auf den besten Kanten des besten seiner hundert Slalom-Ski das Maß, für das er nachts aufstehen möchte.

          Hirscher wollte immer mit dem Gefühl des Gewinnens abtreten, das ist ihm gelungen. Man kann ihm zu dem Schritt nur gratulieren, wie es Lindsey Vonn tat, die ihm zurief: „Das Leben im Ruhestand ist auch nicht so schlecht.“ Dagegen wirkte Österreichs Skiverbandspräsident Peter Schröcksnadel etwas verzweifelt, als er orakelte: „Irgendwann wird ihm fad werden.“ Andersrum wird ein Skischuh daraus.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

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