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Hip-Hop-Team Recycled : Nachtschicht für Las Vegas

  • -Aktualisiert am

Das Team ist recycelt - aus verschiedenen Tanzgruppen, aus zehn Ländern Bild: Hip Hop International

Hip-Hop-Tanz als Leistungssport: Eine Multikulti-Gruppe aus Berlin kämpft um ihre WM-Show. Doch das Vergnügen ist nicht billig: Wenn eine Megacrew nach Las Vegas fliegt, dann kostet das alle 250 Meter einen Euro.

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          Eine Tanzschule in Berlin-Mitte. Es ist 20 Uhr, so früh, dass außer Devin Ash-Quaynor und Tuan Ngoc Nguyen noch niemand zum Training da ist. Man geht noch eine Runde hinüber zur Jannowitzbrücke. Sie verbindet die Bezirke Mitte und Kreuzberg. Auf der anderen Seite der Spree ist das „Kater Holzig“, einer der angesagtesten Clubs der Stadt. Von der Brücke bis zur Tanzschule sind es etwa 250 Meter. „Das macht einen Euro“, scherzt Devin. „250 Meter kosten einen Euro, das haben wir ausgerechnet.“

          Das Tanz-Team Recycled ist mit 22 Tänzern in der Kategorie „Megacrew“ für die Weltmeisterschaften in Las Vegas im August qualifiziert. Auf der „Hip Hop International“ tanzen jedes Jahr 2500 Tänzer aus 40 Ländern. Dieses Jahr ist das Berliner Team in zwei Kategorien qualifiziert, als Megacrew, mit mehr als 15 Tänzern, und in der Kategorie bis acht Tänzer. Schon vergangenes Jahr war das Team Recycled als Megacrew bei der WM. Die Berliner tanzten sich in die Top Ten, besser, als es alle von deutschen Hip-Hoppern erwartet hätten. Vielleicht kommt es dieses Jahr aber gar nicht so weit, dass Recycled Deutschland vertritt. Wenn eine Megacrew nach Las Vegas fliegt, dann kostet das alle 250 Meter einen Euro. „Das ist unser Problem“, sagt Marc.

          Nach Las Vegas sind es sechzehntausend Mal 250 Meter. Das ist viel für Jungs wie Devin und Tuan. Devin ist in Wiesbaden aufgewachsen, seine Familie stammt aus Ghana. Devin ist 24 Jahre alt. Er verdient Geld mit Tanzen, aber vor allem tanzt er, ohne dafür Geld zu bekommen. Er ist aufgedreht, er ist begeistert, er lacht. Aber manchmal ist er auch nachdenklich.

          So wie Marc Cantarellas-Calvó, 27, der Organisator. Er ist müde. Die Tage sind lang nach durchgemachten Nächten. Marc ist nicht der Chef der Gruppe in dem Sinne, dass er Anweisungen gäbe. Er hat die Aufgabe zu organisieren. Und eine Tanzgruppe von 22 Leuten, die aus aller Welt und aus allen Stadtteilen Berlins kommen, zu organisieren - das ist eine echte Aufgabe. „Das Training geht in der Regel um 21 Uhr los, und es geht so lange, bis wir zufrieden sind“, sagt Marc. „Wenn du dann nach Hause gehst, triffst du die Leute, die aus den Clubs kommen. Die sind dann aus einer anderen Welt. Bei uns geht es Nacht für Nacht so, und dann muss man auch noch den Rest auf die Reihe bekommen. Tagsüber arbeiten die meisten aus dem Team oder studieren oder machen ihre Ausbildung.“

          „Ich fände es cool, wenn ...“

          Nachts geht dann irgendwann die Musik an, in dem großen Raum mit Parkett und Spiegel. Das Fenster ist offen, eine warme Sommernacht. Das erste Dutzend Tänzer ist da. In Leggings, mit Caps, Wollmützen. Die immer gleichen Musikabschnitte werden angespielt, abgebrochen und wieder angespielt. Wer in der Tanzschule ankommt, wirft seine Sachen an den Rand und nimmt seine Position ein. Jetzt ist keiner mehr müde. Tänzer aus zehn Nationen - von den Philippinen, aus Russland, Kasachstan, Vietnam, Polen, Frankreich, der Türkei, England, Ghana, Deutschland. Jeder Teil einer fünf Minuten langen, bis ins feinste Detail abgestimmten Choreographie.

          Jeffrey Jimenez ist 27 Jahre alt, er ist so etwas wie der Anführer. 2011, an seinem Geburtstag, wurde das Team für eine große Party mit Tanzshow gegründet. Jeffrey tanzt oft vor, macht die Musik an und wieder aus. Er sagt: „Ich fände es cool, wenn ...“ Und dann sagen die anderen, was sie cool finden. Vor allem die Profitänzer. Das Team hat fünf Profis, sie tanzen für Take That, Rihanna, wer immer sie bucht.

          „Für Choreographien braucht man auch Humor“

          Das Team ist recycelt - aus verschiedenen Tanzgruppen, aus zehn Ländern. Das Team, das Deutschland vertritt, ist die heterogenste Mannschaft in Las Vegas. „Die Leute glauben nicht, was sie sehen, wenn wir in Vegas sind. Auf der Bühne, abseits der Bühne, wir zeigen dort ein ganz neues Bild von Deutschland“, sagt Devin. „Für Choreographien braucht man auch Humor, und alle erwarten von uns typische Witze. Witze mit der deutschen Vergangenheit, das ist das Bild, das man dort im Kopf hat. Aber die wissen gar nicht, wie es hier wirklich ist, in Deutschland und in Berlin. Die Leute hier sind tolerant, und wir kommen von überall.“

          Die Geschichte, die das Team Recycled vergangenes Jahr auf der Bühne erzählt hat, spielt damit, spielt mit Gegensätzen. Mit „Ebony and Ivory“ von Paul McCartney und Stevie Wonder, „Black and White“ von Michael Jackson, „Black and Yellow“ von Whiz Kalifa. „Jede Choreographie hat einen roten Faden. Bei uns geht es um uns selbst, die Gruppe. Wir zeigen, wie das hier für uns ist.“ Es gibt ein Regelwerk für Las Vegas. Verschiedene Musik- und Tanzrichtungen müssen abgedeckt werden, die verschiedenen Ebenen auf der Bühne.

          Irgendwie wird es schon wieder klappen

          Vergangenes Jahr nahm die Gruppe einen Kredit auf, um nach Las Vegas zu fliegen. Durch Buchungen, Tanzshows, durch Spendenveranstaltungen, durch Auftritte auf der Straße - alles, was ihnen eingefallen ist, verdienten sie das Geld, um den Kredit schließlich zurückzuzahlen. 13.000 Euro waren das vergangenes Jahr. Vielleicht wird es dieses Jahr ähnlich. Die Weltmeisterschaften beginnen am 5. August. Thomas Fleckenstein hat sich bei der letzten Show an der Schulter verletzt. Wie das heilen soll, wenn er seine Schulter so gar nicht schont? Wie das Team nach Las Vegas kommen soll, ohne Geld - auch Marc hat nicht auf alles eine Antwort. „Vielleicht kommen wir so langsam an die Grenzen von dem, was möglich ist.“

          Ein Mädchen liegt gegen die Wand gelehnt und schläft. Die Musik ist laut, immer wieder werden die Abschnitte der Lieder angespielt und wieder abgebrochen. Es gibt noch viel zu tun. Bis Las Vegas muss die Show fertig sein. Irgendwie wird es schon wieder klappen.

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