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Herrentennis vor Wimbledon : Trau keinem über dreißig

Tommy Haas: Erstmals seit 2009 wieder einen Titel auf der ATP-Tour Bild: dpa

Antizipation und Fitness: Gealterte Tennisprofis sammeln eifrig Titel und denken nicht ans Aufhören. Den jüngeren Spieler gelingt es immer später, beim heutigen Powertennis mitzuhalten.

          Als Tommy Haas vor einer Woche Roger Federer besiegte und damit das Turnier im ostwestfälischen Halle gewann, war das eine doppelte Sensation: Zum einen bezwang der Deutsche den besten Rasenplatzspieler der vergangenen zehn Jahre, womöglich gar der Tennisgeschichte; zum anderen holte der stets aufs Neue von Verletzungen zurückgeworfene Haas erstmals seit 2009 wieder einen Titel auf der ATP-Tour.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zugleich war das Finale von Halle eine fast alltägliche Angelegenheit. Hüben der 34 Jahre alte Haas, drüben der fast 31-jährige Federer, ein derartiges Duell spiegelt eine aktuelle Erscheinung im Herrentennis wider. Denn Spieler, die ihr drittes Lebensjahrzehnt überschritten haben, zögern ihr Karriereende nicht nur hinaus - sie feiern in dieser Saison auch reichlich Erfolge und sammeln fleißig Titel. Von den ersten 50 der Weltrangliste sind 14 dreißig Jahre oder älter.

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          Und von den 32 ATP-Turnieren, die in dieser Saison bisher ausgespielt wurden, entfallen 13 Titel auf Herren aus der 30er-Altersklasse: auf den Schweizer Federer und den Spanier David Ferrer (jeweils 4) sowie die einmaligen Turniersieger Jarkko Nieminen, Jürgen Melzer, Michail Juschni, Tommy Haas und Andy Roddick, der am Samstag in Eastbourne gewann und in wenigen Wochen sein dreißigstes Lebensjahr vollenden wird. Das Alter, behauptet Haas, der an diesem Montag gegen seinen Landsmann Philipp Kohlschreiber als ältester Spieler ins Wimbledonturnier startet, „ist nur eine Zahl. Es geht nur darum, wie viel Spaß und Arbeit man reinsteckt.“ Und ob der Körper den gestiegenen Anforderungen des Tennisspiels standhält.

          „Agassi zeigte uns, dass es möglich ist“

          In den vergangenen Jahren ist der Sport schneller und strapaziöser geworden. Die Geschwindigkeit der Grundschläge, so haben Experten errechnet, sei um knapp dreißig Kilometer pro Stunde gestiegen. Was wiederum zur Folge hat, dass auch der körperliche Aufwand deutlich größer geworden ist, weil es wichtiger geworden sei, den Ball zu erlaufen und zurückzuspielen, als ihn selbst zu schlagen. Dass die Ü-30-Gruppe mit den Nachgeborenen trotzdem mehr als nur Schritt halten kann, hat vor allem mit deren Erfahrung und Spielintelligenz zu tun. Antizipation ist alles, behauptet beispielsweise Federers Fitnesstrainer Pierre Paganini. Entscheidend sei nicht allein, wie schnell die Spieler auf den Beinen seien: „Man muss auch geschickt laufen und das Tempo intelligent einsetzen.“

          Roger Federer: Immer wieder Auszeiten

          Um seine Antritte zu perfektionieren, baut Federer seit jeher drei Blöcke in seine Saisonplanung ein, um an Schnellkraft und Ausdauer zu arbeiten. Dass der Schweizer heute noch so fit erscheint wie vor zehn Jahren, liegt nicht nur an seinen fürs Tennis idealen körperlichen Voraussetzungen, sondern auch daran, dass er sich immer wieder Auszeiten gönnt. „Das Helferteam ist wichtig“, sagte Trainer-Legende Nick Bollettieri der „New York Times“. „Es wählt die Turniere sorgfältig aus und achtet darauf, dass die Spieler nicht jede Woche spielen und sich bei Schaukämpfen verausgaben.“

          Ein Altmeister der Antizipation war Andre Agassi. Der Amerikaner spielte nicht nur bis zu seinem 36. Lebensjahr Profitennis. Er war auch der Letzte jenseits der Dreißiger-Grenze, der ein Grand-Slam-Turnier gewinnen konnte - 2003 die Australian Open. „Agassi zeigte uns, dass es möglich ist, bis 34, 35, 36 erfolgreich zu spielen, wenn man sich in Form hält“, sagte Haas, der sich selbst erst wie 29 fühlt, weil er einige Tennisjahre wegen Verletzungen verstreichen lassen musste. Sollte es in nächster Zeit einen Nachfolger Agassis bei einem der vier großen Turniere geben, würde er wohl Federer heißen. Obwohl zuletzt spürbar von seiner Bestform entfernt, strebt der Schweizer auf dem Londoner Rasen nicht nur seinen siebten Triumph an. Er könnte im besten Falle sogar die Spitzenposition der Weltrangliste zurückerobern: falls Federer gewinnt und Vorjahressieger Novak Djokovic nicht über das Halbfinale hinauskommt. Auch Rafael Nadal kann den Serben stürzen, wenn er in Wimbledon triumphiert und Djokovic spätestens im Viertelfinale scheitert.

          Die Stille nach dem letzten Schlag

          Die Leidtragenden der demographischen Entwicklung sind die Jüngeren, die körperlich noch nicht ausgereift sind und denen es in der Regel erst mit Anfang zwanzig gelingt, beim heutigen Powertennis mitzuhalten. Der letzte frühvollendete Sieger, der wie einst Boris Becker, Michael Chang oder Pete Sampras als Teenager ein Grand-Slam-Turnier gewann, war Nadal 2005 in Paris. „Der Wettbewerb ist härter geworden“, sagt der knapp 31 Jahre alte Finne Nieminen: „Alle etablierten Spieler sind in sehr guter Verfassung, während die Jungprofis Jahre brauchen, um ihre Fitness aufzubauen.“

          Aber was treibt die Alten an, sich - anders als früher Becker, Stich oder Edberg - auch jenseits der dreißig weiter zu quälen, statt sich auf ihren Meriten und ihren Millionen auszuruhen? Die Lust am Wettkampf, der Reiz, sich mit jüngeren Herausforderern zu messen, der Kitzel, vor einem großen Publikum ihr Bestes zu zeigen. Einige der Jungsenioren zögern das Karriereende allerdings auch deshalb hinaus, weil es an Perspektiven für die Zeit danach mangelt. Sie fürchten, in ein Loch zu fallen wie einst Sampras: „Was kommt jetzt, fragst du dich, was fange ich als Nächstes mit meinem Leben an?“

          So freimütig sprach der Amerikaner im Interview mit dem englischen Journalisten Paul Kimmage über die Stille nach dem letzten Schlag. Die ersten zweieinhalb Jahre nach seinem Abschied 2003 hatte sich Sampras komplett in die Familie zurückgezogen, beim Pokern und Golfen sein Glück versucht: „Du stehst jeden Tag auf dem Golfplatz, du legst ein paar Pfunde zu, und eines Morgens wachst du auf und merkst, dass du unausgefüllt bist.“ Sampras kehrte auf die Senioren-Tour zurück.

          Heute spielen die Profis in seinem Alter einfach weiter. Dabei können, wie bei Haas und Federer, auch private Motive eine Rolle spielen. Die beiden Väter wollen so lange weitermachen, bis die ein- oder dreijährigen Töchter ihre Glanztaten bewusst würdigen können.

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