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Maske gegen Rocchigiani : „Hau dem Ossi auf die Schnauze“

  • Aktualisiert am

Straßenköter gegen Gentleman: Graciano Rocchigiani (links) boxt am 27. Mai 1995 in Dortmund gegen Henry Maske. Bild: dpa

Henry Maske gegen Graciano Rocchigiani: Vor 25 Jahren fand einer der größten Kämpfe der deutschen Box-Geschichte statt. Der Fight wurde zum Straßenfeger. Es war ein besonderes Duell – mit einem umstrittenen Ende.

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          Das sind die Duelle, die die Massen lieben: Straßenköter gegen Gentleman, Kotterschnauze gegen Feingeist, Skandalnudel gegen Gutmensch. Was vor 25 Jahren am 27. Mai 1995 in der ausverkauften Dortmunder Westfalenhalle über die Bühne ging, war einer der größten Kämpfe der deutschen Box-Geschichte: der frühere Weltmeister Graciano Rocchigiani kontra Weltmeister Henry Maske – Teil eins.

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          Der Fight wurde zum Straßenfeger. Er lockte bei RTL 13 Millionen Zuschauer an die TV-Geräte. Den Rückkampf, den Maske klar gewann, wollten gar 17,59 Millionen sehen. „Ein Riesending. Das war eine der Nummern, die dazu geführt haben, dass ich zu den Profis gegangen bin“, sagt der frühere Amateur-Europameister und spätere Profi-Weltmeister Sven Ottke.

          Der Ausgang ist bekannt. Maske gewann einstimmig nach Punkten, blieb Weltmeister der IBF im Halbschwergewicht. Das Urteil war umstritten. Für „Rocky“ sowieso: „Da wurde man beschissen und um seinen Lohn gebracht.“ In der neunten und zwölften Runde hatte Rocchigiani den IBF-Champion angeknockt. Maske torkelte, fing sich aber wieder. „Wäre Graciano bei uns unter Vertrag gewesen, hätte er gewonnen“, meint Jean-Marcel Nartz, damals Technischer Direktor beim Sauerland-Stall. Das Fernsehmotto von einst: „Eine Frage der Ehre.“ Rocchigiani, geboren in Duisburg-Rheinhausen, aufgewachsen in West-Berlin, hatte ein anderes: „Hau dem Ossi auf die Schnauze, hau dem Wessi auf die Schnauze!“

          Maske, dessen Kampfname „Gentleman“ an sich schon der Gegenentwurf zu „Rocky“ war, akzeptiert andere Meinungen zum Ausgang des Duells. „Es war ein unfassbar schwerer Kampf. Ich war mausetot, Graciano war am Rande dessen“, gesteht der DDR-Olympiasieger von 1988. Erst vor wenigen Tagen hat er sich das Duell zweier Rechtsausleger nach Jahren wieder angesehen. „Ich habe zwei Dinge mitgenommen. Erstens: Die Resonanz im tiefen Westen auf mich als Ossi war ausgesprochen positiv. Wir waren definitiv angekommen. Zweitens: Ich kann kämpfen. Obwohl ich am Ende war, habe ich den Kampf durchgestanden.“

          Rocchigiani, der am 1. Oktober 2018 im italienischen Belpasso als Fußgänger von einem Auto erfasst wurde und 54-jährig ums Leben kam, war ein Mysterium: außerhalb des Ringes ein Raubein, das Gefängnisse von innen kannte, zügellos im Privatleben. „Wat braucht der Mensch außer Glotze gucken, een bisschen bumsen und een bisschen Anerkennung“, lautete seine Einstellung. Meist wollte er jedoch mehr. Der verschwenderische Lebenswandel fraß die mit Boxen verdienten Millionen auf. Am Ende: keine Wohnung, keine Arbeit, Hartz IV. Im Ring zeigte er eine andere Seite: konzentriert, diszipliniert, taktische Vorgaben streng einhaltend – und immer hinter einer eisernen Doppeldeckung.

          Was damals als Abneigung aufgebauscht wurde, endete zwischen beiden früheren Boxern in Sympathie. „Wir hatten Gelegenheit, uns sehr lange und ungezwungen auszutauschen. Da haben wir gespürt, dass wir näher beieinander liegen, als wir das vermutet hätten“, sagt Maske. Respekt vor dem Kampfeswillen, der Leidenschaft des anderen einte sie, obwohl sie grundverschieden blieben. „Es macht mich traurig, dass Graciano so früh auf merkwürdige Art und Weise gehen musste“, bekennt Maske.

          Der einstige NVA-Oberleutnant trachtete stets nach klaren Strukturen in seinem Leben, verfolgte Visionen, organisierte sich Erfolg als Unternehmer in zehn McDonald’s-Filialen mit mehr als 300 Mitarbeitern. Rocchigiani, der eine Gebäudereiniger-Lehre abgebrochen hatte, war dagegen zeit seines Lebens ein Suchender, dem der Halt fehlte, der oft falschen Freunden und der Wirkung des Alkohols vertraute. „In vielen Dingen war er vielleicht selbst über sich erschrocken“, meint Maske.

          Ende vergangenen Jahres verkaufte der 56 Jahre alte „Gentleman“ seine Fast-Food-Restaurants. „Ich weiß noch nicht, was ich jetzt mache“, sagt der Mann, für den das halb leere Glas immer halb voll ist. Schaut er sich den Kampf gegen „Rocky“ am Jubiläumstag noch mal an? „Nein“, sagt Maske, „ich weiß ja, wie er ausgeht.“

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