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Olympiasieger Henri Junghänel : „Jeder ist sein größter Feind“

Schützenmeister: Henri Junghänel und sein Sportgerät – eine Verbindung mit durchschlagendem Erfolg. Bild: AFP

Henri Junghänel erfüllt sich in Rio 2016 mit dem Kleinkalibergewehr einen Traum. Olympia-Gold war eine Art Dankeschön für die vielen Entbehrungen. Doch der Schießsport ist nur ein Teil seines Lebens.

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          Ein Tag wie gemalt. Aber alles andere als geplant. Henri Junghänel hatte am 12. August anderes im Sinn. Der Sportschütze aus dem Odenwald, gerade so mit Ach und Krach als Achter und Letzter in das olympische Finale eingezogen, wollte mit seinem Kleinkalibergewehr in der Liegend-Konkurrenz „einfach nur einen guten Wettkampf schießen“. Kein Traum von Gold, kein Traum vom Olympiasieg. Gut vier Monate später. Die Erinnerungen an Rio de Janeiro, an den goldenen Freitag auf dem Schießstand von Deodoro, sind gegenwärtig. Der 28 Jahre alte Junghänel gewährt Einblicke in sein Innenleben.

          „Es ist immer mein Ziel gewesen, einmal bei Olympia dabei gewesen zu sein. Ich hätte gar nicht mit Gold gerechnet und mir das nie ausgemalt. Als Sportschütze versucht man das runterzurationalisieren. Ich wollte einfach nur die Technik sauber rüberbringen. Was im Endeffekt rauskommt, ist für mich persönlich eher zweitrangig, weil es im Schießsport auch nicht vorhersehbar ist. Wir schießen ja nicht gegeneinander. Jeder ist sein größter Feind, sein größter Gegner. Den zu besiegen war das Ziel. Eigentlich wollte ich schon 2012 in London dabei sein, aber das hat nicht geklappt.“

          Vier Jahre später klappt es in Südamerika, und für Junghänel ist es eine Art Dankeschön für all die Entbehrungen. „Ich empfinde eine Grundzufriedenheit mit der Investition, die man geleistet hat.“ 15 Jahre lang hat er für seinen Sport in den jeweiligen Landes- und Bundeskadern den Finger krumm gemacht. „35, 40 Wochenenden im Jahr bin ich unterwegs gewesen.“ Das Los eines Leistungssportlers, der trotz aller Leidenschaft für seine Disziplin früh wusste: Sportschießen ist der falsche Sport, um als Vollprofi über die Runden zu kommen.

          Ein paar Tage lang, als die Athleten des Deutschen Schützenbundes in Rio so viel Gold und Silber wie nie zuvor in der Geschichte der Olympischen Spiele gewonnen und das Debakel von London mit null Edelmetall vergessen gemacht hatten, eilten Henri Junghänel, Barbara Engleder, Lisa Unruh, Monika Karsch und Christian Reitz von Termin zu Termin, von Interview zu Interview. Gold- und Silbermedaillengewinner im Fokus der Öffentlichkeit.

          Nicht erhofft, aber groß gefeiert: Henri Junghänel nach seinem Sieg in Rio.

          Doch es waren nur Momentaufnahmen. „Es fehlt die Medienpräsenz im Schießsport. Ich mache es ja nicht wegen der Erfolge. Ich wollte einfach nur einmal bei Olympia dabei sein. Kleiner Kindheitstraum. Die größte Auszeichnung ist die, die man an dem Tag bekommt. Für die anderen Auszeichnungen hinterher bin ich schon dankbar, aber das ist nicht meine Motivation. Deshalb mache ich das nicht. Ich muss irgendetwas parallel machen. Disziplin, Struktur, Plan, Prioritätenliste - all das braucht es dafür.“

          Henri Junghänel hat einen Plan. Er heißt Maschinenbau und soll ihm beruflich das Auskommen sichern, das ihm das Schießen nicht bieten kann. In Darmstadt und Berlin bringt der zielstrebige Sportschütze sein Studium über die Ziellinie. Die entscheidenden Grundlagen dafür aber legt der in Leipzig geborene Junghänel fern der hessischen Heimat jenseits des Atlantiks.

          „Kentucky war unendlich hilfreich für meine Karriere“

          Weil der Deutsche, 2013 sogar zum „Weltschützen des Jahres“ dekoriert, nicht nur famos auf Scheiben schießen kann, sondern sich auch in der komplexen Materie Maschinenbau bestens auskennt, wird sein Ruf nach einem Stipendium in den Vereinigten Staaten erhört. Junghänel geht für mehrere Jahre an die University of Kentucky. Eine richtige, eine wegweisende Entscheidung, denn fernab jeglichen Trubels kann Junghänel seinen Traum einer perfekten dualen Karriere leben.

          „Kentucky war unendlich hilfreich für meine Karriere - sportlich wie beruflich“, sagt Junghänel. „Die Bedingungen vor Ort waren gigantisch. Von meinem Zimmer auf dem Campus waren es nur fünf Minuten bis zum Schießstand und bis zum Vorlesungssaal. Ich konnte mich auf beides optimal konzentrieren und Lebenserfahrung sammeln. Die Sportbegeisterung in den USA hat mich fasziniert und mich mitgezogen. Man war so unheimlich stolz, Teammitglied der University of Kentucky zu sein. Das hat mich immer angespornt, gute Leistungen zu zeigen.“ Trotz aller Anspannung, trotz aller Mühen.

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          Junghänels Wochen sind oft 70 Stunden lang gewesen. „Ich habe mich immer auf die vielen neuen Herausforderungen gefreut, auch wenn es mich eine Menge Überwindung gekostet hat - vor allem während der Master-Arbeit.“ An der gab es nichts auszusetzen. Junghänels Abschlussnote war perfekt: 1,0. In der Öffentlichkeit wurde er zu einer Art Superabsolvent gemacht, was nicht ganz der Wirklichkeit entsprach. „Manche Medien hatten es schöngeredet und aus dem Ergebnis der Master-Arbeit gleich den kompletten Master-Abschluss gemacht. Es war insgesamt nicht ganz 1,0.“

          In Kentucky, wo sportlich die Pferde im Fokus der Öffentlichkeit stehen, beim berühmten Derby um die Wette laufen und die Schützen eher wie in Deutschland auch ein Schattendasein fristen, hat Junghänel Freunde fürs Leben gefunden. Einer von ihnen ist vom Fach: Niccolò Campriani, Olympiasieger von London 2012. „Mit ihm habe ich immer wieder über den Schießsport philosophiert“, sagt Junghänel. Zwischen dem Italiener und dem Deutschen bestand von Anfang an eine Art Wesensverwandtschaft, denn beide wussten: „Das Wesentliche ist nicht das Gewinnen. Das Wesentliche ist der Weg dorthin. Das sind geniale, passende Worte.“

          „Man hat uns Athleten viele Freiheiten gegeben“

          So passend wie auch die gemeinsame Zeit mit Campriani auf dem Weg nach Rio, die sie beim Vorbereitungslehrgang in Kaltern verbracht haben. Der Aufenthalt in Südtirol, die Zeit mit dem italienischen Schießfreund, war wegweisend - nicht nur für Junghänel, sondern auch für die anderen Gold- und Silberschützen des Deutschen Schützenbundes. Erstmals nämlich gab es in Absprache mit Trainern und Vorgesetzten eine andere, eine mehr selbstbestimmte Form der Vorbereitung auf Olympia. „Man hat uns Athleten viele Freiheiten mit wenigen Pflichtveranstaltungen gegeben“, sagt Junghänel. Kaltern war dafür mit Bedacht ausgewählt worden, „denn wir wollten raus aus dem Trubel, mit freiem Kopf in die Spiele gehen. Ich bin ein eigenständiger Schütze. Ich weiß, was ich will. Wenn Probleme da sind, suche ich mir meine Gesprächspartner. Wir haben ein ausgewogenes Verhältnis gefunden.“

          Die alten Zeiten, möglichst viele Schüsse zu absolvieren, waren passé. „Man hat uns stattdessen gefragt: Was braucht ihr, was wollt ihr, wie soll es sein? In der Vergangenheit war Druck zu spüren. Wir wollten diesmal die Offiziellen unmittelbar vor dem Wettkampf nicht so eng haben.“ Frei, so frei wie vielleicht nie zuvor in seinem Leben, war für Junghänel die Zeit danach. Die Zeit nach Rio, nach dem kurzzeitigen Trubel um ihn, der ihm nach dem Eintrag ins Goldene Buch seiner Heimatstadt Breuberg fast sogar noch mehr der Ehre gebracht hätte. „Ich habe den Bürgermeister scherzhaft gefragt: Wie sieht es denn mit der Ehrenbürgerschaft aus?“

          Am Ende kam er mit Gold dekoriert auf Rio de Janeiro zurück.

          Nach einem „politischen Hin und Her“ wurde es zwar nichts mit dieser besonderen Form der Wertschätzung. Doch Ehrenmitglied in seinem Schützenverein Rai-Breitenbach, das wurde Henri Junghänel schon. „Ich habe jetzt eine kleine Tafel. Ich gehöre zum gesellschaftlichen Leben in Rai-Breitenbach. Gigantisch zu sehen, wie glücklich ich die Leute gemacht habe.“ Weitere große Momente folgten fern der Heimat. Auch wenn Junghänel nicht Gold in Rio geholt hätte: Die Reise quer durch Südamerika war schon vorher geplant.

          Dass er sie gemeinsam mit seiner Freundin durch die Olympiaprämie von 20.000 Euro, die er von der Stiftung Deutsche Sporthilfe erhielt, nochmals ausschmücken konnte, war eine willkommene Zugabe. Die finanzielle Grundlage hatte Junghänel schon vorab zu Beginn des Jahres in Wiesbaden gelegt. Der Kauf des richtigen Loses beim Ball des Sports war ein Glücksfall. „Wir haben einen VW Touran gewonnen und ihn in Geld umgesetzt.“ Knapp drei Monate Urlaub in Argentinien, Chile, Uruguay und Panama. „Geplant waren elf Wochen“, sagt Junghänel. „Aber Gold war nicht geplant, und dann gab es auch noch den Champion des Jahres in Südspanien.“ Am Ende waren es neun Wochen, die er gemeinsam mit seiner Freundin Südamerika bereiste, um Länder und Leute kennenzulernen.

          „Wegen meiner Freundin bin ich nach Berlin gegangen“

          Stets galt dabei der Fokus auch der Zeit danach. Der Zeit nach dem Sport, von dem er unmittelbar nach seinem Coup von Rio den Abschied ankündigte. „Schon im Vorfeld von Olympia hatte ich Bewerbungen abgeschickt.“ Als Junghänel schon südamerikanischen Boden unter den Füßen hatte, musste er zurück nach Deutschland. Kein Vorstellungsgespräch, sondern ehrenamtliche Verpflichtungen führten ihn für zwei Tage nach München. Als Vertreter im Athletenkomitee des internationalen Schießsportverbandes war Junghänels Expertise mehr denn je gefragt. „Liegendschießen soll aus dem olympischen Programm fliegen“, sagt Junghänel mit entsetzter Stimme.

          „Dabei gibt es riesige Teilnehmerzahlen weltweit“, fügt der bis 2018 in das Athletenkomitee gewählte Sportschütze an. „Ich finde es verwerflich, dass es aufgegeben werden soll.“ Der entsprechende Vorschlag, so Junghänels Kenntnisstand, soll Ende Januar dem Internationalen Olympischen Komitee gemacht werden. „Unser Schießen ist eine Breitensportart. Das kann man von 16 bis 80 machen. Die Tradition wird vergessen bei Olympia“, klagt Junghänel. „Man will stattdessen neue, coole Sportarten haben.“

          Junghänel wird für den Fortbestand seiner goldbringenden Schießsportdisziplin kämpfen. Ein Kampf gegen Windmühlen? Auf anderem Gebiet hat er schon gewonnen. Der Olympiasieger, der sich dank seiner vorzüglichen Master-Arbeit besser als die meisten anderen mit statischem und dynamischem Kriechverhalten von Draht auskennt, wird sich in den ersten Monaten des neuen Jahres 2017 geographisch verändern. „Wegen meiner Freundin bin ich nach Berlin gegangen“, sagt Junghänel. „Sie wird jetzt wegen mir in den Süden mitgehen.“

          Junghänel hat die entscheidenden Pflöcke für die Zeit nach dem Sport eingeschlagen. In Baden-Württemberg will Junghänel als exzellenter „Master of Engineering“ in das Berufsleben starten. Gold in Rio und eine erfolgversprechende Perspektive für die Zeit danach: Doppelsieger Henri Junghänel, ein Siegertyp 2016 mit Zukunft.

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