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Olympiasieger Henri Junghänel : „Jeder ist sein größter Feind“

„Kentucky war unendlich hilfreich für meine Karriere - sportlich wie beruflich“, sagt Junghänel. „Die Bedingungen vor Ort waren gigantisch. Von meinem Zimmer auf dem Campus waren es nur fünf Minuten bis zum Schießstand und bis zum Vorlesungssaal. Ich konnte mich auf beides optimal konzentrieren und Lebenserfahrung sammeln. Die Sportbegeisterung in den USA hat mich fasziniert und mich mitgezogen. Man war so unheimlich stolz, Teammitglied der University of Kentucky zu sein. Das hat mich immer angespornt, gute Leistungen zu zeigen.“ Trotz aller Anspannung, trotz aller Mühen.

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Junghänels Wochen sind oft 70 Stunden lang gewesen. „Ich habe mich immer auf die vielen neuen Herausforderungen gefreut, auch wenn es mich eine Menge Überwindung gekostet hat - vor allem während der Master-Arbeit.“ An der gab es nichts auszusetzen. Junghänels Abschlussnote war perfekt: 1,0. In der Öffentlichkeit wurde er zu einer Art Superabsolvent gemacht, was nicht ganz der Wirklichkeit entsprach. „Manche Medien hatten es schöngeredet und aus dem Ergebnis der Master-Arbeit gleich den kompletten Master-Abschluss gemacht. Es war insgesamt nicht ganz 1,0.“

In Kentucky, wo sportlich die Pferde im Fokus der Öffentlichkeit stehen, beim berühmten Derby um die Wette laufen und die Schützen eher wie in Deutschland auch ein Schattendasein fristen, hat Junghänel Freunde fürs Leben gefunden. Einer von ihnen ist vom Fach: Niccolò Campriani, Olympiasieger von London 2012. „Mit ihm habe ich immer wieder über den Schießsport philosophiert“, sagt Junghänel. Zwischen dem Italiener und dem Deutschen bestand von Anfang an eine Art Wesensverwandtschaft, denn beide wussten: „Das Wesentliche ist nicht das Gewinnen. Das Wesentliche ist der Weg dorthin. Das sind geniale, passende Worte.“

„Man hat uns Athleten viele Freiheiten gegeben“

So passend wie auch die gemeinsame Zeit mit Campriani auf dem Weg nach Rio, die sie beim Vorbereitungslehrgang in Kaltern verbracht haben. Der Aufenthalt in Südtirol, die Zeit mit dem italienischen Schießfreund, war wegweisend - nicht nur für Junghänel, sondern auch für die anderen Gold- und Silberschützen des Deutschen Schützenbundes. Erstmals nämlich gab es in Absprache mit Trainern und Vorgesetzten eine andere, eine mehr selbstbestimmte Form der Vorbereitung auf Olympia. „Man hat uns Athleten viele Freiheiten mit wenigen Pflichtveranstaltungen gegeben“, sagt Junghänel. Kaltern war dafür mit Bedacht ausgewählt worden, „denn wir wollten raus aus dem Trubel, mit freiem Kopf in die Spiele gehen. Ich bin ein eigenständiger Schütze. Ich weiß, was ich will. Wenn Probleme da sind, suche ich mir meine Gesprächspartner. Wir haben ein ausgewogenes Verhältnis gefunden.“

Die alten Zeiten, möglichst viele Schüsse zu absolvieren, waren passé. „Man hat uns stattdessen gefragt: Was braucht ihr, was wollt ihr, wie soll es sein? In der Vergangenheit war Druck zu spüren. Wir wollten diesmal die Offiziellen unmittelbar vor dem Wettkampf nicht so eng haben.“ Frei, so frei wie vielleicht nie zuvor in seinem Leben, war für Junghänel die Zeit danach. Die Zeit nach Rio, nach dem kurzzeitigen Trubel um ihn, der ihm nach dem Eintrag ins Goldene Buch seiner Heimatstadt Breuberg fast sogar noch mehr der Ehre gebracht hätte. „Ich habe den Bürgermeister scherzhaft gefragt: Wie sieht es denn mit der Ehrenbürgerschaft aus?“

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