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Sportstar der DDR wird 90 : Täve ungewendet

  • -Aktualisiert am

Ein Held des Systems: Radrennfahrer Gustav-Adolf Schur, hier bei der Siegerehrung der sechsten DDR-Rundfahrt 1954 Bild: dpa

Mit 90 kann Täve Schur auf eine einmalige sportliche Karriere in der DDR zurückblicken. Doch der Radprofi diente auch als rollende Reklametafel für ein Regime – aus tiefer Überzeugung.

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          Täve kreist immer noch. Auf einer Umlaufbahn. Es sagt viel über die Bedeutung eines Sportlers in den Köpfen der Menschen, wenn zu Ehren des längst abgestiegenen Radrennfahrers ein Asteroid nach ihm benannt wird. Es verrät auch etwas über den Wunsch, den „Pedalritter des Volkes“ („Die Welt“) Gustav Adolf alias Täve Schur unendlich in Bewegung zu halten. Auf dass seine Energie nie verglühe an der Mauer zur Erdatmosphäre.

          Die Verehrung für diesen Sportstar der DDR ist etwas einseitig. Obwohl die zählbaren Erfolge eine große Karriere illustrieren: neun Meistertitel, zweimal Sieger der Friedensfahrt, Silber und Bronze bei Olympischen Spielen, neunmal Sportler des Jahres, Träger der Vaterländischen Verdienstorden in allen Farben samt Ehrenspange obendrauf.

          Schur rollte hochdekoriert durchs Land, als überzeugter Kommunist ungebremst in der Politik mit, gehörte von 1958 bis zu ihrem Ende der Volkskammer an, saß von 1998 bis 2002 für die PDS im Bundestag. Keiner aus der Riege der Stars im sogenannten Sport-Wunderland ist so populär.

          Im Sinne der Partei

          Woran das liegt? Angeblich an der Gradlinigkeit Schurs. Am Montag hat der Mitteldeutsche Rundfunk in einer Würdigung den Kurs des Mannes aus Sachsen-Anhalt gelobt: „Er ließ sich nie verbiegen.“ Stimmt. Immer schön im Sinne der Partei an den verderbenden Verlockungen des Lebens vorbeigestrampelt. So einer wie Täve hätte damals mit einer Absetzungbewegung zum Profitum der Klassenfeinde ein prächtiges Auskommen gefunden.

          Es ging ihm aber auch daheim sehr gut. Was am Talent lag – und an der Fähigkeit, als radelndes Reklameschild für die Thesen der Parteiführung zu reüssieren: Die Mauer? Diente dazu, dem wirtschaftlichen Ausbluten der DDR ein Ende zu setzen. Die Toten an der Grenze? „Wer redet denn über unsre Jungs, die dort von drüben her erschossen wurden?“ Doping? Habe es leider auch gegeben, doch wenigstens sei es kontrolliert worden.

          Schur lässt sich das Wort nicht verbieten

          Die Wende: „Verrat an vielen ehrlichen Menschen, an den Arbeitern.“ Die Stasi: „So war die Sachlage damals.“ Tja, alles leider unvermeidbar, das Staatsgefängnis für die Menschen, die mit den Füßen abstimmten, der Schießbefehl, die fatalen Folgen des staatlichen Zwangs-Dopings, die Spitzelei in den Familien. Die „Sachlage“ hat sich für Schur nicht geändert. Er ist für eine andere „Gesellschaftsordnung“. Schur lässt sich das Wort nicht verbieten.

          Früher war so etwas gefährlich, als die Mauer noch stand, als der Sportkamerad Wolfgang Lötzsch mal ein unbedachtes Wort fallenließ und im Verlauf der Auseinandersetzungen quasi zum Staatsfeind erklärt wurde. Das vielleicht größte Radsporttalent der DDR vor Jan Ullrich verlor die Form mehr oder weniger im Knast.

          Das war auch so eine Sachlage, die sich im November 1989 änderte. Seitdem darf jeder fast alles sagen, was er will, ohne bestraft, geschweige denn von den Mühlen eines Geheimdienstes zermahlen zu werden. „Täve“ Schur hat das nun bald 31 Jahre erlebt. An diesem Dienstag wird er 90 Jahre alt. Gratulation. Vor allem jenen, die Meinungsfreiheit verteidigen und erhalten.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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