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Hansa Rostock : Gemeinsam neu anfangen

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Das Idol und die Spieler: Beinlich (r.) gratuliert Peter Schyrba zum Sieg bei Rot-Weiß Erfurt am 1. August Bild: ZB

Bei Hansa Rostock herrscht ein neuer Geist. Stefan Beinlich hat die Verantwortung übernommen bei seinem tief gesunkenen Stammverein. Ein Sieg im Pokalspiel gegen Hoffenheim am Samstag käme einer Aufbauspende für den Drittligaklub gleich.

          Eigentlich ist Stefan Beinlich seit Wochen im Stress. Oft sitzt er bis in die Nacht an seinem Computer. Zwanzig Spieler haben den FC Hansa Rostock verlassen, der Managernovize musste eine völlig neue Mannschaft aufbauen. Hinzu kommt, dass in der Dritten Liga die Saison bereits läuft. Und doch tauchte Beinlich kürzlich entspannt bei einem Fußball-Feriencamp für Kinder auf und zeigte sich volksnah. „So viel Zeit muss sein“, sagte er, „der Verein hat sich zuletzt abgekapselt und unter einer Käseglocke gelebt. Jetzt wollen wir die Menschen wieder erreichen.“

          Das scheint gelungen, denn nach den beiden siegreichen Heimspielen gegen Aalen und Koblenz liegt der Zuschauerschnitt bei 13.500, Beinlich und die Spieler werden gefeiert. „Nach zwei Jahren, in denen es immer nur bergab ging“, sagt der Achtunddreißigjährige, „spürt man endlich wieder, wie sehr die Mecklenburger an ihrem Verein hängen.“ Wo alles in Trümmern lag, herrscht Aufbruchstimmung. Das DFB-Pokalspiel gegen die TSG Hoffenheim an diesem Samstagnachmittag kommt da gerade recht.

          Beinlich stand lange im Abseits und musste tatenlos zusehen, wie alles zerfiel. Er wollte helfen, aber durfte nicht. Darüber reden will er heute nicht mehr: „Es geht wieder um Gemeinsamkeiten und nicht mehr um Eitelkeiten.“ Und doch, es ist ein Trauerspiel, was aus dem Vorzeigeklub des Ostens wurde, der in der ersten Nachwendesaison in der Bundesliga spielte, sich dann wieder bis 2005 zehn Jahre in der ersten Liga hielt und eine tadellose Infrastruktur aufbaute, dann zwar abstieg – aber 2007 prompt zurück kam. Beinlich war damals Regisseur und Kapitän.

          Erfahren und dynamisch: Trainer Peter Vollmann

          Viel Liquidität in den Steinen

          Als er die Karriere beendete, lief vieles schief. Beinlichs Wechsel in die Vereinsführung scheiterte am Veto derer, die wohl auch seine Popularität fürchteten. Stefan Beinlich, genannt Paule, ist ein Idol an der Ostsee. „Er ist unser Aushängeschild“, sagt Bernd Hofmann, der neue Vorstandschef. Für ihn, als Krisenhelfer Ost bei Union Berlin und in Magdeburg erprobt, und Vorstandskollege Beinlich lautet die Realität: neun Millionen Euro Verbindlichkeiten beherrschen. Der Etat sank von 14 auf knapp acht Millionen. 28 fest angestellten Mitarbeitern mussten sie im Sommer sagen, dass der erstmals in seiner Geschichte nur noch drittklassige Klub sie nicht mehr beschäftigen könne. „Es ging anfangs nur noch darum, den Fortbestand des Vereins zu sichern“, sagt Hofmann. „Nach dem tiefen Fall vom Profifußball in die Bedeutungslosigkeit herrschte große Ohnmacht. Dann haben alle die Ärmel hoch gekrempelt.“

          Gemeinsam neu anfangen. Nach zwei Abstiegen in drei Jahren haben sie in der ganzen Stadt die Parole plakatiert. Auf den Postern ist ein Baby mit blau-weißer Gesichtsbemalung Synonym für einen bei null beginnenden Verein, der daran gescheitert war, dass er auf der Führungsebene jahrelang im eigenen Saft schmorte. Heute wird Hansa auch klein gehalten von den Altlasten. „Man hat hier viel Liquidität in Steine gelegt“, sagt Hofmann: Stadion, Trainingsplätze, Leistungszentrum. Im Jahr muss Hansa für Kredite rund 1,8 Millionen Euro abstottern. Das war zu Zeiten dicker Fernseheinnahmen halbwegs zu schaffen, nun gibt es nur noch 751.000 Euro – und gespart wird überall: Ehrenmitglieder müssen für ihre Vip-Tickets zahlen, die Mannschaft übernachtet vor Heimspielen nicht mehr im Hotel. Sogar der Mannschaftsbus wird vermietet. Unter der Woche kutschiert das schmucke Gefährt Touristen von der Fähre nach Berlin. „Entschuldung in der dritten Liga, das ist eine Sisyphusarbeit“, weiß Hofmann.

          „Sechzig Siege - erste Liga“

          Sollte Hoffenheim im Pokal an der Ostsee scheitern – es wäre wie eine Art Spende für den Neuaufbau Ost. „Die Zusatzeinnahmen könnten wir aber nicht komplett in die Mannschaft stecken. Es gibt viele Bedürfnisse“, sagt Beinlich, der bei Vertragsverhandlungen mit Spielern alle Register zog: „Der FC Hansa ist immer noch eine gute Marke – aber wichtig war, dass bei den Gesprächen die Sonne schien.“ So konnte er beim Poker in Warnemünde vermitteln, was den Arbeitsplatz an der Küste auch attraktiv macht. „Hier herrscht noch echte Lebensqualität.“ Doch die, das weiß Beinlich auch, steht und fällt auch mit sportlichem Erfolg.

          Hansa ist gut gestartet mit dem erfahrenen Trainer Peter Vollmann und einer jungen Mannschaft, in der nur noch drei Stammspieler der vergangenen Saison stehen. Dafür aber drei Talente, die im Sommer deutscher Meister mit der A-Jugend wurden. Eine Million Euro lassen sie sich die Jugendarbeit weiter kosten – Verkäufe wie von Felix Kroos nach Bremen könnten letztlich das Überleben sichern, weiß Beinlich. Vom sofortigen Wiederaufstieg spricht er nicht. „Der ist Teil eines Zweijahresplans. Mit Geduld etwas entwickeln, das kann eine Chance sein.“ Doch zuletzt gab es im Stadion ein Plakat: „Sechzig Siege – erste Liga.“ Mancher will ganz schnell wieder raus aus der Babywindel.

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