https://www.faz.net/-gtl-12mso

Hans Wilhelm Gäb : „Ich bin Fan, und doch fürchte ich die Dominanz des Fußballs“

  • Aktualisiert am

Hans Wilhelm Gäb und Timo Boll (l.): Gemeinsame Leidenschaft für Tischtennis Bild:

Hans Wilhelm Gäb, Aufsichtsratschef der Stiftung Deutsche Sporthilfe, im Gespräch mit Jörg Hahn über die Gefahr einer Diskreditierung des gesamten Sports, den Stress-Test des FC Bayern und ein reformfeindliches Klima.

          5 Min.

          Hans Wilhelm Gäb, heute 73 Jahre alt, ist Aufsichtsratschef der Stiftung Deutsche Sporthilfe und gilt seit Jahrzehnten als ein Beobachter des deutschen Sports, der nüchtern analysiert und auf den Punkt kommt. Geradlinigkeit hat er in vielen Positionen bewiesen, auch im Beruf, etwa als er, 1998 schon, den Aufsichtsratsvorsitz der Adam Opel AG aus Protest gegen den Kurs der Konzernmutter General Motors aufgab. Gäb über die Gefahr einer Diskreditierung des gesamten Sports, den Stress-Test des FC Bayern und ein reformfeindliches Klima.

          Sehen Sie in einer Krisenzeit, wie wir sie gerade erleben, für den Sport nur Risiken oder auch Chancen?

          Die Risiken sind hoch, weil die vielen Doping-Fälle in lukrativen Profi-Sportarten zu einer Berichterstattung führen, die undifferenziert den gesamten Begriff Sport zu diskreditieren droht. Der eigentliche Sport, hinter dem in Deutschland 27 Millionen Mitglieder in 90.000 Sportvereinen stehen, muss sich gegen diese Vereinfachung wehren.

          Gäb und seine gescheiterte Nachfolgerin Ann Kathrin Linsenhoff: Weiterhin eine positive Rolle im deutschen Sport

          Ist es nicht schon zu spät, zu handeln?

          Wenn der Sport seine Chancen nutzen und seine Position in der Gesellschaft verteidigen will, müssen seine Organisationen eine politische und kommunikative Herausforderung bewältigen. Das gilt für den Deutschen Olympischen Sportbund und die Landes-Sportbünde, für die Fachverbände und auch für die Sporthilfe, die Athleten in 45 unterschiedlichen Sportarten unterstützt. Diese Athleten sind von Marketingeinnahmen, kommerziellen Interessen und Doping-Verstrickungen in der Regel überhaupt nicht berührt. Es ist aber dieser eigentliche Kern der Sportbewegung, der am sozialen Miteinander unserer Gesellschaft wichtigen Anteil hat und nach wie vor für die Prinzipien von Fairplay und für den Wettbewerb nach Regeln einsteht. Die Öffentlichkeit muss begreifen, dass dem relativ kleinen, durch Betrugsversuche gefährdeten Bereich des professionalisierten Leistungssports eine überwältigende Mehrheit des ganz normalen und sauberen Wettkampf- und Vereinsbetriebs gegenübersteht. Die Medien könnten helfen, die Proportionen deutlich zu machen – ohne aufzuhören, durch offensive Anti-Doping-Berichte für Angst und Beunruhigung unter den Betrügern zu sorgen.

          Welche Rolle spielt der nun drei Jahre alte Deutsche Olympische Sportbund, der ja die Aufnahme des Sports als Staatsziel ins Grundgesetz anstrebt, in dieser Diskussion?

          Der DOSB unterliegt den oftmals lähmenden Zwängen, Pressionen und Belastungen, mit denen eine Spitzenorganisation in einem föderativ aufgebauten Land eben zu kämpfen hat. Vom Problem Doping bis hin zur Unterfinanzierung dieser großen Organisation – unter den gegebenen Umständen fällt proaktive Arbeit schwer. Die Last und die Fülle der aktuellen Probleme machen es noch schwer, den DOSB schon mit einer gesellschaftspolitischen Idee oder einer klaren Vision vom künftigen Bild des Sports zu verbinden.

          Sie unterscheiden zwischen den im Fernsehen regelmäßig übertragenen „Geld-Sportarten“ und der Normalität des Sports. Ist der Sport nicht längst und endgültig in verschiedene Klassen zerfallen? Über allem der Fußball – und dann lange nichts. Wie sieht – Sie sind ja Verwaltungsbeiratsmitglied des FC Bayern München – Ihre Lagebeurteilung aus?

          Mit Uli Hoeneß habe ich einst die Marketing-Partnerschaft zwischen dem FC Bayern und Opel begründet, die dann 13 Jahre andauerte. Deswegen stehe ich den „Roten“ nahe. Als Fast-Frankfurter zittere ich mit der Eintracht, und als gebürtiger Düsseldorfer leide ich mit der unglücklichen Fortuna. Ich bin Fan, und doch fürchte ich mich vor der Dominanz des Fußballs, der mit seiner finanziellen und emotionalen Kraft alles andere im Sport zu überrollen droht. Es ist der Führung des Deutschen Fußball-Bundes und der Deutschen Fußball Liga hoch anzurechnen, dass man dort gesellschaftspolitische Verantwortung kennt und mit der gegebenen Macht vernünftig umgeht. Dass der DFB und vor allem die DFL jetzt aktuell mit ihrer Werbekampagne die Sporthilfe unterstützen und damit 4000 Athleten in den verschiedensten Disziplinen des Sports, das zeigt Bereitschaft zur Solidarität.

          Weitere Themen

          Emotionaler Abschied von Uli Hoeneß Video-Seite öffnen

          „Ich habe fertig“ : Emotionaler Abschied von Uli Hoeneß

          Seit 1970 war Hoeneß als Spieler, Manager oder Präsident beim FC Bayern tätig und wurde in dieser Zeit zu einer polarisierenden Persönlichkeit des deutschen und internationalen Fußballs. Am Freitag war es für den Weltmeister von 1974 an der Zeit, zu gehen.

          Topmeldungen

          Einst war beim Arbeits- und Gesundheitschutz das technisch Machbare die Richtschnur. Nun definiert das arbeitsmedizinisch Unbedenkliche den Maßstab – notfalls auch um den Preis, dass manche Arbeiten unterbleiben müssen.

          F.A.Z. exklusiv : Der Straßenbau droht gestoppt zu werden

          Ein Grenzwert soll in Zukunft verhindern, dass Arbeiter zu viele Asphaltdämpfe einatmen. Nun fürchtet die Branche, komplett lahmgelegt zu werden. In einem Brandbrief bittet man um eine Übergangszeit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.