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Hans Günter Winkler zum 90. : „Und ab ging die Post“

Immer vorwärts: Winkler springt bei Olympia 1956 in Stockholm zur Goldmedaille. Bild: dpa

Noch immer feiern ihn die Fans: Wenn Hans Günter Winkler die Reit-Arena betritt, erheben sich die Zuschauer. An diesem Sonntag wird der Olympiasieger, Weltmeister und erfolgreichste Springreiter der Welt 90 Jahre alt.

          Vergangene Woche hat Hans Günter Winkler wieder sein reitsportliches Wohnzimmer betreten. So nennt er selbst den berühmtesten Turnierplatz der Welt, die Aachener Soers. Die Zuschauer des CHIO standen von ihren Sitzen auf und applaudierten ihm, der mittlerweile nicht mehr bolzengerade und energiegeladen den Parcours abschreitet wie einst, sondern gebeugt und gealtert von Bundestrainer Otto Becker am Arm geführt werden musste. Das Publikum feierte und ehrte ihn am wichtigsten Schauplatz seines Lebens als Springreiter, dort, wo er 1955 Weltmeister wurde (er erhielt ein Gratulationstelegramm vom Fußball-Kapitän Fritz Walter) und 1986 seine letzte Ehrenrunde als aktiver Reiter drehte.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Dreißig Jahre ist das jetzt her. Und noch weitere dreißig Jahre zuvor beging Winkler seine größte Heldentat - oder sagen wir besser, seine Stute Halla tat es - am 17. Juni 1956 im olympischen Reitstadion zu Stockholm. Seit dieser Sternstunde des deutschen Sports ist und bleibt er ein Nationaldenkmal. Und Halla ist sowieso ein fester Begriff, das kluge, tapfere, leistungswillige Pferd, das für den Aufbaukampf der Nachkriegszeit Vorbildliches leistete.

          Ominöses „Riesenzäpfchen“

          Die Geschichte geht so: In der ersten Runde des Nationenpreises zog sich Winkler eine böse Muskelzerrung in der Leistengegend zu. Mit Hilfe eines ominösen „Riesenzäpfchens“ vom Tierarzt, dazu einer großen Menge Kaffee, damit er wieder klar wurde, konnte Winkler trotzdem die zweite Runde bestreiten. Bei jedem Sprung schrie er auf, doch es gelang ihm, Halla mit minimalen Hilfen durch den Parcours zu dirigieren. „Körper nach vorwärts, und ab ging die Post.“ Mit dem einzigen Null-Fehler-Ritt des Tages sicherten sie Deutschland die Goldmedaille - und sich selbst unverwüstlichen Ruhm. Halla ist schon lange tot, aber eine Bronzestatue der Stute wurde vor der Reiterzentrale in Warendorf aufgestellt. Für die Ehrung in Aachen hatte man sie holen lassen.

          Am kommenden Sonntag feiert Winkler seinen neunzigsten Geburtstag, seine Heimatstadt Warendorf gibt dann einen Empfang für ihn. Und natürlich wird in den Geburtstagsreden sein Erfolgsrekord wieder eine große Rolle spielen. Geht es nach der olympischen Medaillensammlung, so ist er immer noch der erfolgreichste Springreiter, den es je gab. Fünf Olympische Goldmedaillen hat er gewonnen, dazu einmal Silber und einmal Bronze. Zweimal war Winkler Welt- und einmal Europameister. Ludger Beerbaum mit bisher vier Olympiasiegen könnte zwar in Rio nach Goldmedaillen eventuell gleichziehen. Um ihn zu übertrumpfen müsste er aber mit der Mannschaft und in der Einzelwertung siegen, was nicht unmöglich ist, aber auch nicht leicht. Eigentlich, sagte Winkler, habe er geglaubt, sein Rekord würde schnell überholt. „Ich hatte gedacht, es dauert vielleicht ein paar Monate.“ Aber da könnte ein bisschen Koketterie mitschwingen, schließlich werden Olympia-Medaillen nicht alle paar Wochen verliehen. Auch Winkler brauchte bis zu seinem 50. Lebensjahr für seine Kollektion - die letzte Trophäe, Silber, holte er mit der Mannschaft 1976 in Montreal.

          Zuhause in Warendorf: Hans Günter Winkler in seinem Haus in Westfalen. Bilderstrecke

          Aber natürlich fingen die Männer seiner Generation auch erst sehr spät an, ihr eigenes Leben zu führen. Winklers Vater, ein Reitlehrer, fiel in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs an der Westfront, er selber wurde Ende des Krieges auch noch eingezogen und als Flakhelfer in Thüringen eingesetzt. Dort geriet er in Kriegsgefangenschaft. Weil seine Mutter Emmi in Frankfurt ausgebombt worden war, suchte er sich eine Anstellung beim landgräflichen Marstall in Kronberg im Taunus, der für die amerikanische Generalität weitergeführt wurde. Hier lernte er seinen künftigen Beruf, der ihm zu Wohlstand und Ansehen verhalf, nahezu autodidaktisch.

          Viermal war Winkler verheiratet, doch seit dem Jahr 2011 ist er allein. Seine damalige Frau Debbie stürzte vom Pferd und starb mit 51 Jahren. Trotz allem schaute er bei der Ehrung in Aachen gerührt auf sein langes Leben zurück: „Ich bin und bleibe euer dankbarer Hans Günter Winkler.“

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