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Sven Hannawald im Interview : „Normale Dinge erfreuen mich nicht mehr“

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Sven Hannawald: „Ich bin nach wie vor süchtig nach Adrenalin” Bild: F.A.Z. - Matthias Lüdecke

Sven Hannawald, Familienvater, Freizeitkicker und Vierschanzentournee-Sieger von 2002 spricht im Interview mit der Sonntagszeitung über sein Leben ohne Skispringen und ohne Beruf: „Füße hochlegen ist tödlich“.

          7 Min.

          Sven Hannawald, Familienvater und Freizeitkicker spricht im Interview mit der Sonntagszeitung über sein Leben ohne Skispringen und ohne Beruf: „Füße hochlegen ist tödlich“.

          Welche Frage können Sie nicht hören?

          In den schwierigen Zeiten, wo ich nicht wusste, wo oben und unten ist: Wie geht's? Wenn man total in den Seilen hängt, weiß man darauf keine Antwort.

          „Wenn man nicht mehr weiß, wofür man das alles macht, dann macht es einen depressiv”

          Was haben Sie erlebt in dieser Zeit?

          Ich wusste, dass das Thema Springen gegessen ist, aber ich habe ihm nachgetrauert. Man hält sich dran fest, weil es so schön war, aber man wird nie mehr so gut sein, wie man einmal war. Man sieht die jungen Hüpfer, die brennen vor Energie, und man sieht die Alten, die zwar noch können, aber nicht mehr hundertvierzigprozentig, wie es notwendig ist. Da konnte ich nicht sagen: Mir geht es schlecht. Aber ich konnte auch nicht sagen: Mir geht es gut. Wenn man nicht mehr weiß, wofür man das alles macht, dann macht es einen depressiv. Man hängt nur rum. Früher habe ich immer gesagt: Wenn ich aufhöre, will ich so viel Geld verdient haben, dass ich nicht mehr arbeiten muss. Dann baue ich ein Haus, habe ich eine Familie und lege die Füße hoch. Jetzt merke ich, dass das tödlich ist.

          Verdient haben Sie doch genug?

          Wann hat man genug, wenn alles teurer wird? Aber ich muss nicht arbeiten im Moment.

          Sie haben Frau und einjährigen Sohn . . .

          Das ist das Positive. Das mit dem Haus ist noch offen, weil ich nicht weiß, ob ich in Berlin alt werden will. Die Füße lege ich hoch, aber es macht nicht so einen Spaß, wie ich mir das vorgestellt hatte.

          Für einen Skispringer war die Zukunft immer nur der nächste Winter . . .

          Ich kann mich nicht erinnern, dass mir je langweilig war. Wenn ich im März dachte, jetzt ist endlich die Saison vorbei, dauerte es zwei Wochen, dann wurde ich unruhig und fing wieder an zu arbeiten. Der Sommer wurde lang, weil ich mich so auf den Winter freute. Später habe ich früher anfangen müssen, obwohl ich noch gar nicht bereit dazu war. Das war der Moment, in dem ich aufhören musste.

          Sie litten am Burnout-Syndrom, als Sie aufhörten. Wird man ausgebrannt, oder brennt man sich selbst aus?

          Das ist eine Frage des Typs. Martin Schmitt hat sicher auch Stress: zigmal Weltmeister, zweimal Gewinner des Gesamtweltcups. Wenn einer es kann, dann er. Und er ist Zeitungsleser. Er kriegt alles mit, was geschrieben wird, ob er nun als Favorit gilt oder als Versager. Obwohl ihm seit Jahren geraten wird, aufzuhören, kämpft er darum, dass wieder alle Details passen. Ich an seiner Stelle wäre wieder ganz schnell ausgebrannt.

          Hätten Sie Ihre Erfolge haben können ohne diese Folgen?

          Ich glaube, das ist der Preis. Ich musste alles geben. Ich konnte nie dieses Gefühl entwickeln: Die Welt kann mich mal. Burnout wird von Stress ausgelöst. Aber ob es der eigene Stress ist oder der von außen, ist nicht geklärt.

          Sie wirkten so zerbrechlich, dass man das Gefühl hatte, Sie gäben mehr, als Sie Substanz hatten. Ist das auch Ihr Gefühl?

          Vielleicht konnte ich mich trotz Müdigkeit und Leere so zusammenreißen, dass ich es doch geschafft habe. Und dass es zu viel war. Jemand anders wäre vielleicht Zehnter oder Zwölfter geworden. Aber ich wollte mir nie eingestehen, dass ich mich nur an wenigen Tagen gut gefühlt habe. Das geht irgendwann in die Birne.

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