https://www.faz.net/-gtl-73upk

Handballspieler Kraus : Das Sorgenkind dreht auf

  • -Aktualisiert am

Sucht die Lücke im Abwehrverbund: HSV-Spielmacher Michael Kraus Bild: dpa

Seit Spielmacher Michael Kraus von Lemgo nach Hamburg gewechselt ist, war er beim Handball-Spitzenklub nie mehr als eine Randfigur. Nun deutet der ehemalige Nationalspieler an, dass er sich doch noch beim HSV durchsetzen könnte - auch heute gegen Kiel.

          3 Min.

          Manches von dem, was der Handballprofi Michael Kraus auf dem Parkett aufführt, sieht immer noch hinreißend aus. Wenn er den Gegner durch ein, zwei schnelle Beinbewegungen austanzt und den Ball dann ins Tor schleudert. Wenn er eine Situation sofort erkennt, gedanklich einfach schneller ist als der Rest und Lücken ausspäht, um den Ball dann im Gehäuse unterzubringen. Es sind Aktionen, wie man sie von Kraus kennt. Es sind seine Markenzeichen. Doch seit er 2010 aus Lemgo zum HSV Hamburg gewechselt ist, war er hier stets nur eine Randfigur. Schwache Form, zu wenig Geduld und Umsicht, wenn er mal mitspielte, zu viele Verletzungen: Die Karriere des 29 Jahre alten Profis mit dem gewaltigen Talent versandete in Hamburg.

          Er darf öfter mitspielen

          Kraus verdient sein Geld jetzt im dritten Jahr beim HSV Hamburg, und in diesen Oktobertagen wächst zum ersten Mal die zarte Hoffnung, dass sich der Hochbegabte des Handballs doch noch durchsetzen kann: In den vergangenen fünf Pflichtspielen traf Kraus 32 Mal, acht Tore erzielte er zum Beispiel im DHB-Pokal beim 32:28-Sieg des HSV beim Bergischen HC. Er darf öfter als früher spielen im Team von Trainer Martin Schwalb - was auch daran liegt, dass der eigentliche Spielmacher Domagoj Duvnjak auf anderen Positionen im Rückraum aushelfen muss.

          Wieder einmal bleibt das Verletzungspech dem Meister von 2011 treu; derzeit fehlen die Rückraumschützen Lackovic und Lijewski, und ausgerechnet jetzt, da an diesem Samstag (15 Uhr) der große Rivale THW Kiel nach Hamburg kommt, ist auch noch Pascal Hens angeschlagen. Man könnte also sagen: Trainer Schwalb kommt gar nicht daran vorbei, Kraus spielen zu lassen. Und das tut allen gut.

          Ein bisschen mehr Verantwortung und Freiraum also für Michael Kraus. Die neue Rolle beim HSV fällt in eine Phase seiner Karriere, in der ein möglicher Wechsel zurück nach Göppingen die Schlagzeilen bestimmt. Dort spielte Kraus zwischen 2002 und 2007 und wurde unter den Fittichen des Trainers Velimir Petkovic zu einem der torgefährlichsten Regisseure weltweit. Inzwischen scheint Frisch Auf zu einer Rückholaktion bereit. Zum einen geht Stammspielmacher Michael Haaß im nächsten Sommer nach Magdeburg, zum anderen war es ein besonderes Verständnis, das Petkovic und Kraus verband. Ganz offensiv gehen die Göppinger mit ihrem Begehr um: „Wenn sich die Chance ergibt, Kraus zu verpflichten, greifen wir zu“, sagt der Göppinger Manager Gerd Hofele und fügt an: „Wenn es jemand schafft, dass Michael wieder durchstartet, dann ist es Velimir Petkovic. Er hat Kraus zu einem Spitzenspieler geformt.“

          Trainer des Vertrauens: In Göppingen arbeitete Velimir Petkovic (Foto) erfolgreich mit Kraus zusammen Bilderstrecke

          An dieses Verlangen der Göppinger schließen sich einige Fragen an. Zum einen hat Kraus in Hamburg einen Vertrag bis 2014. Und eine Ablösesumme will Frischauf nicht zahlen, das habe man noch nie getan. Zum anderen gibt es in Momir Rnic, Tim Kneule und Daniel Fontaine drei Profis in Göppingen, die auf der Position Mitte spielen können. Allerdings wäre die Rückholaktion höchst öffentlichkeitswirksam. Und in der derzeitigen Form könnte Kraus dem alten Klub sicher weiterhelfen. Dass die Hamburger ihren Kader weiter verschlanken und tendenziell eher sparen wollen, spräche auch für eine Trennung von Kraus. Er gehört zu den teuersten Profis.

          Dass das Hamburger Sorgenkind aufdreht, weil die Göppinger auf ihn schauen, er es aber hier allen zeigen will - das sieht Michael Kraus nicht so. Er sagt: „Das hat nichts miteinander zu tun. Ich habe immer gesagt, dass ich Spielzeit brauche, um gute Leistungen zu bringen. Und momentan spiele ich viel.“ Kraus profitiert davon, endlich mal über einen längeren Zeitraum unverletzt zu sein. Ein vorzeitiger Abschied aus Hamburg sei derzeit kein Thema, sagt er: „Ich will mich hier durchbeißen. Mir macht es nichts, wenn das ein Jahr länger dauert als geplant.“ Doch Kraus hat auch schon viel versprochen, was er nicht halten konnte.

          Zurück im Dunstkreis der Nationalmannschaft

          Immerhin hat er sich durch seine ordentlichen Leistungen wieder zurück in den Dunstkreis der Nationalmannschaft gespielt. Zwar verzichtet Bundestrainer Martin Heuberger in den Qualifikationsspielen zur Europameisterschaft 2014 in Dänemark Anfang November gegen Montenegro und Israel auf seine Dienste, doch hat Heuberger durchblicken lassen, dass für Kraus „immer eine Tür offen“ sei. Gern nähme Heuberger ihn zur Weltmeisterschaft im Januar 2013 mit nach Spanien - die entsprechende Form vorausgesetzt.

          Der ewig zuversichtliche und in seiner Karriere schon viel kritisierte Kraus hat darauf erfreut reagiert. Er hatte zuletzt bei der WM 2011 in Schweden für den Deutschen Handball-Bund gespielt, kam damals aber nur als Reservist zum Einsatz. Ein Jahr später pausierte er bei der EM in Serbien, weil er sich im Sommer 2011 bei einem Autounfall schwer am Knie verletzt hatte. „Ich spiele gern in der Nationalmannschaft“, sagt Kraus, „aber nur, wenn ich 100 Prozent fit bin.“

          Es wäre Michael Kraus zu wünschen, dass er in seinem 30. Lebensjahr wieder ein unentbehrlicher Bestandteil der ersten deutschen Auswahl wird. Dann dürfte ihn auch der HSV Hamburg kaum nach Göppingen ziehen lassen. Und Kraus könnte beweisen, dass es kein Fehler war, zu einem Spitzenklub zu wechseln.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Andreas Scheuer am Mittwoch in Berlin

          Verkehrsminister Scheuer : Im Porsche durch die Politik

          Verkehrsminister Andreas Scheuer hat einen Vorteil, der ihm beim Streit über die Pkw-Maut zum Nachteil gereichen könnte: eine gewisse Lockerheit.
          Christian Lindner hat bei der Grundrente bewiesen: Die FDP lebt. Hier spricht er bei einer Veranstaltung im Dezember 2017.

          Einigung auf Grundsteuer : Die FDP lebt

          Die FDP hat ihre Vetomacht im Bundesrat klug genutzt. Die neue Grundsteuer ist ungewohnt freiheitlich für Deutschland. Ein großes Manko des Steuer-Monstrums bleibt dennoch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.