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THW-Profi Dissinger : „Handballer haben unglaubliche Willenskraft – aber es ist zu viel“

  • -Aktualisiert am

Notwendige Pause: Der Körper von Christian Dissinger ist robust - hält aber nicht jeder Belastung stand. Bild: AP

Weil er dem THW Kiel aufgrund vieler Verletzungen zuletzt kaum helfen konnte, pausiert Christian Dissinger im Nationalteam. Im Interview erklärt der Handballprofi, warum der übervolle Terminplan diesen Schritt notwendig macht.

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          Christian Dissinger macht Reha, wieder einmal. Nach Kreuzbandrissen 2011 und 2013 musste der 24 Jahre alte Rückraumspieler sowohl von der EM in Polen als auch aus Rio früher abreisen. Seinem Klub, dem THW Kiel, konnte er seit Vertragsbeginn 2015 nur selten helfen. Deswegen wird der 202 Zentimeter lange Handball-Profi eine längere Pause im DHB-Dress einlegen.

          Aus einem harmlosen Pferdekuss über dem Knie wurde ein Kompartmentsyndrom mit einer Notoperation bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro - wie geht es Ihnen jetzt?

          Es geht mir ganz gut. Es wird langsam besser. Ich mache das Lauftraining komplett, steige mit dem Krafttraining wieder ein. Bloß, wann ich wieder spielen kann, ist ungewiss. Ich muss ehrlich sagen, dass mich diese Verletzung mehr beschäftigt hat als jede andere zuvor. Das Problem ist, dass es eine 30 bis 35 Zentimeter lange Schnittwunde ist. Die OP in Rio war nötig, um das Blut aus dem Muskel herauszubekommen. Jetzt habe ich nicht gerade die schönste Narbe auf dem Bein.

          Einschätzungen nach der Diagnose klangen dramatisch. Ihre Karriere könnte beendet sein, hieß es.

          Die ersten Prognosen waren nicht gerade schön. Aber die Ärzte wussten, was sie machen mussten. Ich bin ja nach Rio noch zweimal in Kiel in enger Absprache mit dem THW Kiel operiert worden. Ich möchte aber auch gar nicht mehr so viel darüber reden. Ich fühle mich fit und bin überzeugt, auch endlich mal wieder über einen längeren Zeitraum richtig fit zu werden.

          Die kommenden Monate will sich Dissinger voll und ganz auf den THW Kiel konzentrieren
          Die kommenden Monate will sich Dissinger voll und ganz auf den THW Kiel konzentrieren : Bild: dpa

          Ist es ein Zufall, dass Sie sich sowohl bei der EM in Polen als auch jetzt bei Olympia im Trikot der Nationalmannschaft verletzt haben?

          Das ist Pech, das kann überall passieren. Ein Problem ist aber auch die Belastung. Aus Sportmarketing-Gesichtspunkten ist der Terminkalender der Handballer vielleicht sinnvoll, betrachtet man die Belastung der Spieler, ist er das sicher nicht. Regenerationszeiten für Spieler sind zwischen den Spielen und den Turnieren viel zu kurz angesetzt. Ich habe dreieinhalb Wochen nach einem Meniskusriss wieder gespielt. Handballer haben eine unglaubliche Willenskraft, aber es gibt immer mehr Grenzfälle, die beweisen: Es ist zu viel.

          Sie waren in diesem Jahr dreimal verletzt, fielen lange aus. Was bedeutet das für Sie?

          Diese Verletzungen sind auch der Überbelastung geschuldet. Es hat einige Spieler wie mich erwischt, die in allen vier Wettbewerben, also neben der Bundesliga und dem Pokal auch in der Champions League und der Nationalmannschaft, spielen. Das ist ein unglaubliches Pensum.

          Aber es ändert sich nichts, von jetzt bis Weihnachten wird quasi alle drei Tage gespielt. Dann folgt die WM.

          Eben. Deswegen habe ich mit Bundestrainer Dagur Sigurdsson gesprochen und ihm gesagt, dass ich für den gesamten Rest der Saison meinen Schwerpunkt auf den THW legen und bei der Nationalmannschaft bis zum Sommer 2017 pausieren möchte.

          Eine Pause, aber kein Rücktritt?

          Ja. Ich war von den vergangenen acht Monaten fünf verletzt. So kann es nicht weitergehen. Ich habe viel nachgedacht und mir die Entscheidung nicht leichtgemacht - ich spiele sehr gern für den DHB, habe mich da wohl gefühlt und mich über die Erfolge mit dem EM-Titel und Bronze in Rio gefreut. Aber ich möchte auch ein starker Teil des THWs sein. Ich bin hier bis 2020 unter Vertrag und will mich so erfolgreich für den Klub einbringen, wie es die großen Generationen zuvor getan haben. Ich musste etwas ändern und habe mich entschieden, auf die Nationalmannschaft bis auf weiteres zu verzichten, denn zurzeit ist diese Belastung zu viel für mich.

          Wie hat der Bundestrainer reagiert?

          Er war sicherlich nicht begeistert, aber er versteht auch meinen Schritt. Dafür bin ich ihm dankbar.

          Hat ihr Vereinstrainer Alfred Gislason eine Rolle bei Ihrer Entscheidung gespielt? Er wollte Sie trotz ihrer vorigen Knieverletzungen vor einem Jahr unbedingt haben.

          Ich habe die Entscheidung komplett unabhängig von anderen Leuten getroffen. Der Trainer hilft mir sehr, er lässt mich aber auch mal in Ruhe. Ich finde die Zusammenarbeit in der Art perfekt.

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          THW-Manager Thorsten Storm kritisiert insbesondere die Überbelastung der Kieler Spieler, denn Sie und Steffen Weinhold aus dem THW-Rückraum fielen nach jeweils zwei Verletzungen beim DHB aus. Hat er Druck ausgeübt, dass Sie pausieren?

          Wie gesagt, es war meine Entscheidung. Da hat keiner mitgeredet oder Druck ausgeübt. Ich denke, es ist für alle Seiten der richtige Weg, und es muss vom mündigen Sportler kommen.

          Fürchten Sie, fortan keine Rolle mehr in Sigurdssons Planungen zu spielen? 

          Ich werde die WM in Frankreich Anfang 2017 definitiv verpassen. Ich weiß, dass es ein Risiko ist. Aber ich muss auch an meine Karriere denken und will vor 10 000 handballverrückten Kielern in unserer Halle am liebsten immer spielen.

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