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Ausländische Handballklubs : Mehr Kasse und weniger Stress

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Der große Wurf? Handball-Nationalspieler Uwe Gensheimer sucht sein Glück künftig in Paris. Bild: dpa

Handballklubs aus dem Ausland holen Stars der Bundesliga – so auch Nationalspieler Uwe Gensheimer. Sie bieten etwas, was es in Deutschland nicht gibt: Üppige Gehälter und die Aussicht auf eine geringere Belastung.

          Den Kitzel eines Spiels zweier großer Mannschaften vor beeindruckender Kulisse sollte Uwe Gensheimer an diesem Mittwochabend in Mannheim aufsaugen und konservieren. Er wird das von der nächsten Saison an in der schwachen französischen Liga womöglich vermissen. Spätestens seit der beste deutsche Handballspieler seinen Umzug nach Paris vermeldet hat, diskutiert man in der Handballszene darüber, ob die Bundesliga das Attribut „Stärkste Liga der Welt“ noch zu Recht trägt.

          Denn Gensheimers Wechsel zu Paris Saint-Germain verdeutlicht einen Trend: Die Stars kehren der hiesigen Vorzeige-Liga den Rücken. Und wenigstens ein Grund dafür liegt in der Natur der Bundesliga mit ihren 18 Vereinen. Ihn benennt der Kieler Geschäftsführer Thorsten Storm: „Von den sieben, acht Klubs, die die Champions League gewinnen können, sind die aus der Bundesliga die einzigen aus einer Liga mit sehr hohem Niveau. Das führt dazu, dass wir deutlich mehr Kilometer auf dem Buckel haben, wenn es zum Final Four nach Köln geht.“ Es ist wieder einmal die Belastung einer zehrenden Serie im Drei-Tage-Rhythmus, die Sorgen bereitet - und seit einiger Zeit viele namhafte Profis neben einem dort volleren Portemonnaie dazu bringt, aus Deutschland nach Frankreich, Spanien, Ungarn oder Polen zu wechseln.

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          Wenn an diesem Mittwochabend die ungeschlagenen Rhein-Neckar Löwen gegen den Meister THW Kiel antreten, liegen zwei Vereine im Clinch, die sich schon daran gewöhnen mussten, Spieler ungewollt dahin abzugeben, wo seltener gespielt und besser bezahlt wird. Gensheimer soll in Paris etwa 10 000 Euro brutto im Monat mehr verdienen als bei den Rhein-Neckar Löwen und auf knapp 500 000 Euro im Jahr kommen. Gern hätte Geschäftsführer Lars Lamadé seinen werthaltigsten Profi behalten. Doch das Pariser Angebot konnte der 28 Jahre alten Linksaußen der Nationalmannschaft nicht ablehnen. Wobei Gensheimer zu den Geringverdienern gehören wird - eine Million Euro brutto im Jahr soll der Däne Mikkel Hansen in Paris verdienen. Bei Nikola Karabatic wird es kaum weniger sein. PSG kommt so auf einen Jahresetat von 15 Millionen Euro; beim deutschen Krösus THW Kiel sind es sechs Millionen Euro weniger.

          Trotzdem sagt Geschäftsführer Storm: „Das hat es schon immer gegeben, dass einige Klubs mehr Geld haben als andere. Trotzdem haben sie auch mal verloren.“ Es ist aber nicht nur der von qatarischen Millionen aus dem Topf des Qatar Sports Investment (QSL) gespeiste französische Meister, der sich aus der Bundesliga bedient. So stehen fünf ehemalige Löwen im Kader des polnischen Klubs Vive Kielce. Beim 32:32 im Champions-League-Gruppenspiel traf man sich. Kielces Tkaczyk, Bielecki, Lijewski, Cupic und Szmal - sie alle spielten mal für die Mannheimer. Auch Nationalspieler Tobias Reichmann verdingt sich bei den Polen. Kielce wurde durch das Geld des niederländischen Recycling-Unternehmers Bertus Servaas zum Titelanwärter der Champions League. In Paris unter Trainer Noka Serdarusic sind es die französischen Heimkehrer Omeyer und Narcisse sowie Vori und Gunnarsson, die auf ihre alten Tage den Stress der Bundesliga nicht vermissen.

          Werden die deutschen Klubs dauerhaft abgehängt?

          Am deutlichsten benannte der ehemalige Kieler Filip Jicha seine Gründe. Beim FC Barcelona kassiere er nicht nur wegen des höheren Grundgehalts mehr als in Kiel - ihn zog es auch nach Spanien, weil er hier aufgrund der niedrigeren Belastung in der Liga länger spielen könne. Die Katalanen werden aus Einnahmen des großen Bruders Fußball querfinanziert. Eine staatliche Bank sorgt beim ungarischen Klub MKB Veszprem für Liquidität - und wie. Gleich drei ehemalige Kieler spielen dort: Aron Palmarsson, Momir Ilic und Christian Zeitz. Auch der frühere Hamburger Kreisläufer Andreas Nilsson steht bei den Ungarn unter Vertrag. Ein Champions-League-Endturnier in Köln Ende Mai 2016 mit den Klubs aus Paris, Kielce und den Vorjahresfinalisten aus Barcelona sowie Veszprem ist keine Utopie. Werden die deutschen Klubs nach den Triumphen 2012, 2013 und 2014 (Kiel, Hamburg, Flensburg) dauerhaft abgehängt?

          Es ist eine Entwicklung, die beim Ligaverband HBL natürlich registriert wird. Aber Frank Bohmann geht entspannt mit dem Thema um. Der HBL-Geschäftsführer sagt: „Es gibt diesen Trend. Gegen unbegrenzte Mittel, die nicht am Markt verdient werden, kommen wir nicht an. Aber so ist das Geschäft. Wir müssen uns dem stellen. Dazu gehört auch, dass unsere Klubs wieder so viel einnehmen, dass sie sich die Topspieler leisten können. Bei einigen Klubs im Ausland ist allerdings absehbar, dass es nicht allzu lange funktionieren wird.“ So gingen dem mazedonischen Team Metalurg Skopje Anfang des Jahres Geld und Luft aus. Stadtrivale Vardar soll es ohne die Unterstützung des Sponsors Gasprom schwer haben. Beide haben im Konzert der Großen ausgespielt. „In der Bundesliga setzen wir auf Stetigkeit“, sagt Bohmann, „kurzfristiger Erfolg zahlt sich nicht aus.“ Es gibt auch hierzulande Klubs, die sich finanziell verhoben haben und jetzt kleine Brötchen backen - der HSV Hamburg oder der TBV Lemgo.

          Bohmann sagt, dass die deutschen Spitzenteams die Terminflut über einen großen Kader auffangen müssen. Er sieht darüber hinaus die Chance für deutsche Talente, dass sich durch den Weggang der Stars freie Stellen bieten: „Der THW Kiel hat zehn deutsche Spieler im Kader. Das ist eine gute Entwicklung.“ Das kann man so sehen - doch wenn es in Richtung Champions-League-Finale geht, nützte Coach Alfred Gislason ein Entscheider wie Palmarsson mehr als drei junge Deutsche auf den Kaderpositionen 14 bis 16. Genau solche Schlüsselspieler suchen derzeit ihr Glück im Ausland. Wie Gensheimer.

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