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Handballer Michael Kraus : Neuanfang beim Entdecker

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Auf höchstem Niveau zurückentwickelt: Michael Kraus wirft nur nochnkurz für den HSV Hamburg Bild: dpa

Für Handballprofi Michael Kraus ist die Rückkehr nach Göppingen vielleicht seine letzte Chance.

          Michael Kraus ist noch einmal mittendrin, und er macht seine Sache gar nicht schlecht. Der HSV Hamburg braucht ihn in diesen Wochen. Eigentlich spielt Blazenko Lackovic im halblinken Rückraum, aber der Kroate bekommt mit seinem verletzten Wurfhand-Zeigefinger keinen Druck hinter den Ball. Also darf Kraus ran. Er hat auf der sogenannten Königsposition des Handballs seine besten Spiele für die Hamburger gemacht. Ein, zwei schnelle Schritte, dann ein überraschender Wurf, manchmal sogar knallhart aus dem Stand: In den aufreibenden Derbys, zuletzt beim THW Kiel und im Pokal-Halbfinale gegen die SG Flensburg-Handewitt, hatte Kraus wieder einige gute Szenen.

          Auch an diesem und dem darauffolgenden Sonntag im Champions-League-Viertelfinale gegen die Flensburger wird der Hamburger Trainer Martin Schwalb ihm vertrauen: Pascal Hens steckt im Tief, Lackovics Finger schmerzt, also darf Kraus ran.

          Es werden für längere Zeit Michael Kraus’ letzte Spiele auf diesem Niveau sein, denn bekanntlich wechselt er im kommenden Sommer zurück zu Frischauf Göppingen. Der bis 2014 laufende Vertrag mit dem HSV Hamburg wird aufgelöst. In Göppingen bekommt er angeblich nur die Hälfte der üppigen Hamburger Bezüge. „Es war eine Grundvoraussetzung, dass er in das Gehaltsgefüge des Teams passt“, sagt Frischauf-Manager Gerd Hofele. Im Ländle hoffen nun alle, dass Kraus seine sportliche Schaffenskrise bald beendet.

          Causa Kraus ist ein kleines Drama

          Kraus behauptet, er werde bis zuletzt alles für die Hamburger geben. Man glaubt es ihm, man sieht es ja auch. Nur bedeutet „alles“ bei diesem Hochbegabten des Handballs eben leider auch: alles Schlechte. In Kiel folgten auf eine gute Aktion wieder drei schwache oder überhastete. Da schüttelte Schwalb auf der Bank den Kopf. „Mimi hat seine Sache gut gemacht“, sagte er später, und es klang wie: Er kann es ja nicht besser. Auf der Mittelposition, dort, wo das Spiel angeleitet wird, lässt Schwalb längst Domagoj Duvnjak durchspielen. Er traut Kraus diesen verantwortungsvollen Job nicht mehr zu.

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          Die Causa Kraus ist ein kleines Drama. Da bringt ein junger Mann alles mit, was diese Sportart erfordert, spielt nach Lehr- und Aufbaujahren in Göppingen und Lemgo bei einem Spitzenklub - und entwickelt sich dann zurück statt weiter. „Mimi hat sein Talent verschleudert“, sagt Heiner Brand, Manager des Deutschen Handball-Bundes. 40 Partien verpasste der 29 Jahre alte Profi in drei Spielzeiten.

          Erkältet, von irgendeinem Virus geplagt, an der Wade verletzt, und dann kam noch der Autounfall dazu mit anschließender Pause wegen einer Knieoperation: Irgendetwas war immer. Einmal versäumte Kraus das Flugzeug zum Auswärtsspiel. In Hamburg nahm man die nächste Hiobsbotschaft bald nur noch achselzuckend hin. Auch, weil man diesem lieben Kerl und fairen Sportler einfach nicht böse sein kann, eigentlich.

          Kraus soll die Lösung sein

          Nun soll es die alte Heimat mit den bekannten Gesichtern richten. Als Dreiundzwanzigjähriger hatte Kraus Göppingen und seinen Trainer Velimir Petkovic verlassen. Nun also kehrt er zu seinem Entdecker zurück. Petkovic sagt: „Mimi ist zu früh gegangen.“ Sein Berater hatte ihm damals das Blaue vom Lemgoer Himmel versprochen, und Kraus glaubte alles - obwohl er Göppingen ein weiteres Jahr versprochen hatte. Petkovic nahm Kraus den Wortbruch lange übel, mied den Kontakt. Das soll nun vergeben, vergessen sein.

          Das ins Mittelmaß gestürzte Göppingen verliert in Pavel Horak, der zu den Füchsen Berlin geht, und Nationalspieler Michael Haaß (zum SC Magdeburg) zwei Spitzenkräfte im Rückraum. Es muss sich also etwas tun, und Kraus soll die Lösung sein: „Er soll mit seiner spielerischen Qualität den Ton angeben“, sagt Petkovic. Nun könnten einem erhebliche Zweifel kommen, ob Kraus in der Rolle, die er in Hamburg nie ausfüllen konnte, bei Frischauf zur tragenden Säule werden kann.

          Doch Kraus erhofft sich „von der heimatlichen Nestwärme positive Energie“, wie das „Handball-Magazin“ schrieb. Und er setzt auf Petkovics Erziehungsmethoden. Dass er selbstverständlich daran glaubt, seine letzte Chance zu nutzen, gehört zu diesem rundum zuversichtlichen Menschen. „Ich komme nicht zurück, weil ich um Platz sieben oder zehn spielen will“, sagte Kraus bei seiner Vorstellung. Eine mutige Äußerung.

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