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Handballer Ekdahl du Rietz : Schwedischer Balancekünstler

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Führungskraft wider Willen, Kim Ekdahl du Rietz: „Ich spiele Handball besser als viele andere, aber mehr ist da nicht.“ Bild: dpa

Kim Ekdahl du Rietz ist eine Führungsfigur bei den Rhein-Neckar Löwen. Doch der eigenwillige Profi möchte den Handball-Meister nun vorzeitig verlassen - und auf Weltreise gehen.

          Als Kim Ekdahl du Rietz vor gut vier Jahren die Bühne Bundesliga betrat, wunderten sich selbst Fachleute, was die Rhein-Neckar Löwen mit diesem Schlaks wollten. Der damals 27 Jahre alte Schwede war über Lugi Lund und HBC Nantes in Mannheim gelandet und schien Handball tatsächlich vor allem als Spiel zu begreifen, nicht als Beruf, und sein Körper war so gar nicht gemacht für diesen harten Vollkontaktsport. Manchmal schleuderte er den Ball aber doch unwiderstehlich ins Tor, lief lachend und jubelnd in die eigene Hälfte zurück, um dann so dilettantisch zu verteidigen, dass seine starke Offensivleistung direkt wieder verpufft war.

          Man muss anerkennen, dass Ekdahl du Rietz sich dann doch in der Bundesliga und bei den Löwen festgebissen hat - mit Spielfreude, Leichtigkeit und Wurfgewalt ist er längst zu einer der zentralen Figuren beim deutschen Meister geworden. Auch, weil er seine Physis entscheidend verbessert hat und bei 196 Zentimetern Länge inzwischen über 100 Kilogramm wiegt. Doch bei Ekdahl du Rietz, einem offenen, gesprächigen Typen, der aus seinem Herzen keine Mördergrube macht, schwang immer die Ahnung mit, dass Handball einfach nicht alles in seinem Leben sein könne. Der Schwede hat viele Talente.

          „Es gibt noch anderes als Handball“

          Der irgendwie andere Profisportler spricht fünf Sprachen, er liebt es zu reisen, er hat ein Psychologie-Studium begonnen, machte gerade seinen Segelschein und fährt einen Kleinwagen einer japanischen Marke. Vor zwei Jahren beendete er seine Laufbahn als schwedischer Nationalspieler mit dem Satz: „Es geht mir darum, die richtige Balance zwischen dem Sport und meinem restlichen Leben zu finden. Es gibt noch anderes als Handball.“

          Das haben sie ihm in Schweden sehr übelgenommen; Kim Ekdahl du Rietz verschwende sein Talent, hieß es, der Handball sei ihm nur Mittel zum Zweck gewesen. Ekdahl du Rietz hielt seinen Kritikern entgegen, es sei schön gewesen, die Europameisterschaft Anfang 2016 in Polen vor dem Fernseher zu verfolgen, und außerdem: „Ich spiele Handball besser als viele andere, aber mehr ist da nicht.“

          Die Zeit, die die Kollegen Jahr für Jahr bei den Großturnieren verbringen, hat Ekdahl du Rietz anders gefüllt, und zwar offenbar meistens ziemlich sinnvoll. Findet er selbst auch: „Das war rückblickend sicher eine meiner schwierigsten, aber auch meine beste Entscheidung“, sagte er. Zumal die anhaltenden Kniebeschwerden durch die Pausen nachgelassen haben.

          Nun sieht sich sein Arbeitgeber mit seiner speziellen work-life-balance konfrontiert, denn Ekdahl hat bei den Löwen angemeldet, seinen noch bis 2018 geltenden Vertrag aufkündigen zu wollen, um nach der laufenden Saison auf Weltreise zu gehen. Das hat die Löwen-Geschäftsführerin Jennifer Kettemann jüngst gegenüber dem „Mannheimer Morgen“ bestätigt: „Es stimmt, Kim ist mit dem Wunsch an uns herangetreten, zum Ende der Saison aus dem Vertrag auszusteigen“, sagte sie. Ob Karriereende mit 27 Jahren oder ein Sabbat-Jahr der Marke „Rund um die Welt“, um dann mit neuen Eindrücken und vielen Erlebnissen im Gepäck wieder Handball zu spielen - man weiß es nicht, denn Kim Ekdahl du Rietz schweigt.

          Bei aller Freude am Handball-Spiel: „Es geht mir darum, die richtige Balance zwischen dem Sport und meinem restlichen Leben zu finden.“

          Spätestens an diesem Donnerstag, wenn die Löwen in der Champions League in Frankfurt gegen RK Zagreb spielen, wird der Schwede einige Fragen beantworten müssen. Womöglich muss er sich selbst aus seinem Kontrakt herauskaufen, um sich den Traum der Weltreise erfüllen zu können. Eine solche Möglichkeit soll festgeschrieben worden sein.

          Die Suche hat schon begonnen

          Bei den Löwen geht offenbar niemand mehr davon aus, dass der Schwede länger als bis zum Saisonende bleibt. Das letzte Wort in der Angelegenheit sei zwar noch nicht gesprochen, behauptet Team-Manager Oliver Roggisch, er hoffe, dass Ekdahl die Vereinbarung mit den Löwen erfülle. Problematisch ist das Auffüllen der sich abzeichnenden Leerstelle aktuell vor allem deshalb, weil Ekdahl auf seiner Position im linken Rückraum besser denn je spielt, verletzungsfrei ist und mehr und mehr Verantwortung übernimmt.

          Jedenfalls hat die Suche nach dem Ekdahl-Erben schon begonnen. Der wurfgewaltige Nationalspieler Julius Kühn vom VfL Gummersbach könnte ein Kandidat sein, ebenso Filip Taleski von Metalurg Skopje. Am liebsten wäre den Löwen aber offenbar, sie bekämen Steffen Fäth. Der in Frankfurt geborene Rückraumspieler ist gerade aus Wetzlar zu den Füchsen Berlin gewechselt. Fäth hat schon einmal bei den Löwen gespielt; das war 2008/2009. Nach einer Verletzung im Sommer nähert Fäth sich in Berlin gerade alter Form an. Er hat dort wie Kühn in Gummersbach bis 2018 unterschrieben, sie wären also nur gegen Ablöse zu bekommen - keine ideale Lösung.

          Seit Jahren sind die Löwen auch deshalb so stabil, weil ihre Rückraumreihe mit Ekdahl, Schmid und Petersson feststand. Andere, wie Mads Mensah Larsen oder Harald Reinkind, kommen nur aufs Feld, um der Stammbesetzung eine Pause zu gönnen. Kim Ekdahl du Rietz wird den Löwen sehr fehlen ab 2017 - aber womöglich kommt er ja zurück, wenn er genug von der Welt gesehen hat.

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