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Handballer Kai Häfner : Es lief doch so gut

  • -Aktualisiert am

Am Ball: Kai Häfner Bild: dpa

Vom Nobody zum Helden und zurück? Kai Häfner warf Deutschland mit seinen Toren als Nachrücker zum EM-Titel. Jetzt will er auch bei Olympia in Rio dabei sein – doch da gibt es ein Problem.

          Ein angesagtes Lokal in der City zur Mittagszeit, Schlange stehen für eine Portion rotes Thai-Curry mit Tofu oder eine Möhren-Mango-Suppe. Aus den Lautsprechern kommen „The Killers“, „Mr. Brightside“. Ein ziemliches Gewusel, aber Kai Häfner ist die Ruhe selbst. Niemand spricht ihn an, keiner erkennt ihn – doch, der Chef des Restaurants, weil Häfner so oft hier ist und er sich für Sport interessiert. „Hannover ist eine Fußballstadt“, sagt Häfner lächelnd, „das ist aber gar nicht schlecht für uns.“ Während die Absteiger von 96 gerade alles abkriegen, behandeln die Zeitungen seine TSV Hannover-Burgdorf sehr wohlwollend. Erst recht, seit man zwei Handball-Europameister in der Stadt hat. Auch wenn sie unerkannt bleiben. Das hat Häfner in Göppingen und Balingen noch anders erlebt.

          Der Linkshänder hält seine Gabel in der rechten Hand. Über den linken Handrücken windet sich eine schlangenförmige Narbe, Erinnerung an eine drei Wochen zurückliegende Operation. Kai Häfner hat sich im Test gegen Qatar Anfang März die Mittelhand gebrochen, als er in typischer Manier seinen Wurf durchzog und die Hand dabei am Kopf seines Gegners landete. „Der Schädelknochen ist sehr hart“, schiebt er fröhlich nach. Häfner hat an der Universität Tübingen Sportmanagement studiert. Dazu gehörten zwei Kurse Anatomie. Die Hand heilt gut; Ende Mai kann er sie belasten. Spät, aber vielleicht nicht zu spät: Kai Häfner möchte sehr gern zu Bundestrainer Dagur Sigurdssons olympischer Auswahl für Rio de Janeiro gehören.

          Eine Woche im Januar hat aus dem nur in Fachkreisen bekannten Rückraumspieler keinen anderen Menschen, aber einen sehr begehrten Profi gemacht. Ähnlich wundersam wie die Geschichte des deutschen Titels ist nämlich seine – und das hebt den 26 Jahre alten Kai Häfner aus dem Kreis der deutschen Auswahlspieler hervor. Auch wenn er das nie so sehen würde. Im Rückblick sagt er es so: „Ich saß eben noch im Wohnzimmer auf der Couch, dann war ich mittendrin, wir sind Europameister, fliegen mit dem eigenen Flugzeug nach Berlin, und da feiern uns 10000 Leute in der Schmeling-Halle. Das muss man erst einmal verdauen.“ Im Handball wartet immer schon das nächste Spiel. Keine Zeit zu verarbeiten. Irgendwann will er das Finale mal auf DVD anschauen.

          Kai Häfner bei der Europameisterschaft

          Als Kollege Steffen Weinhold sich nach einem Zweikampf in den Schluss-Sekunden gegen Russland mit schmerzverzerrtem Gesicht an den Oberschenkel fasst, ahnt Kai Häfner am Abend des 24. Januar, was ihn jetzt erwartet. „Ein paar Sekunden später kam schon die SMS“, sagt Häfner. Dran ist Teammanager Oliver Roggisch. Er werde ihn gleich anrufen, schreibt Roggisch, und in Gedanken packt Häfner da schon seine Sachen und überlegt, wie er aus Hannover nach Breslau kommt. „Als ich bei der Mannschaft ankam, war es, als sei ich nicht weg gewesen“, sagt Häfner. Er schwärmt ein paar Mal vom Teamgeist, den Sigurdsson geweckt hat.

          Häfner erzählt sein persönliches Handballmärchen nüchtern, garniert mit viel Untertreibung. „Lief ganz gut“, sagt er schmunzelnd zu seinem Finalbeitrag. Sieben Tore beim Sieg gegen Spanien. Als Nummer drei der deutschen Linkshänder hatte ihn Sigurdsson aus dem Kreis der EM-Spieler gestrichen. Zu Hause wartete Häfner auf die SMS.

          „Ich scheue mich nicht vor solchen Momenten“

          Und plötzlich, weil die Nummer zwei, Fabian Wiede, im Finale von Krakau früh mit Pferdekuss rausmuss, war er der erste, der einzige Linkshänder im Rückraum. Ja, es lief gut, noch besser als im Viertelfinale gegen Dänemark: drei Tore. Ähnlich gut wie im Halbfinale gegen Norwegen. Noch zehn Sekunden zu spielen. Noch sieben. Häfner wirft den Ball ins Tor. Endspiel. „Es ist nicht so, dass ich sage, gebt mir den Ball, ich mach ihn rein“, sagt er, „aber ich scheue mich nicht vor solchen Momenten.“

          Schon seinem Auswahltrainer Kurt Reusch fiel auf, dass er Verantwortung übernimmt und locker bleibt. Zusammen mit zwei jüngeren Brüdern in einer rundum sportlichen Familie aufgewachsen, reifte die Entscheidung, Profi zu werden, mit 15 Jahren. Probetraining bei FA Göppingen, als A-Jugendlicher im Zweitliga-Einsatz für den TV Bittenfeld. Am Ziel der Träume angelangt, versauerte er unter Göppingens Coach Velimir Petkovic auf der Bank. Oder auf Rechtsaußen.

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          Kai Häfner ist zu höflich, als dass er die Schuld bei anderen sucht. Er spricht lieber von Rolf Brack, dem Trainer-Professor der HBW Balingen. Der machte ihn zum Nationalspieler. Spielintelligent, wurfstark, mutig. Als nach drei Jahren auf der Schwäbischen Alb der nächste Schritt folgen soll, klopft 2014 Hannover an. Genau richtig, ein grundsolider Klub mit Ambitionen, finden Kai Häfner und sein Berater Wolfgang Gütschow. Das erste Jahr verläuft mäßig. Danach findet er seinen Platz. Dann kommt Polen, und Häfner ist einer der Hauptdarsteller beim Europameister.

          „So viele Leute haben das Finale gesehen“

          Ehrungen, Empfänge, Feiern, Interviews. RTL-Frühstücksfernsehen. Häfner mag das, er will es, „wir müssen den Handball im Gespräch halten und haben in Rio wieder die Chance“, sagt er, „so viele Leute haben das Finale gesehen.“ Tauschen will Kai Häfner gerade mit keinem. Er möchte nach seinem Sportmanagement-Bachelor den Master in „General Management“ draufsatteln, Fernstudium. Zu eindimensional soll das Leben nicht werden. Das haben ihm schon früh seine Eltern eingeimpft.

          Im Sommer heiratet er seine Freundin Saskia, es läuft bei Kai Häfner. Wäre da nicht die gebrochene Hand. „Ich hasse es, an die Zukunft zu denken“, sagt er und meint Rio. Sigurdsson werde für seinen schmalen Kader, 14 Spieler, sicher nur zwei Halbrechte nominieren? „Das müssen Sie ihn fragen“, sagt Häfner und wirkt leicht genervt. Er wäre so gern dabei. So wie er sich auch unbedingt mal in der Champions League messen will. Dann müsste er aber zu einem der Top-3-Klubs nach Mannheim, Kiel oder Flensburg wechseln. In Hannover hat Kai Häfner gerade bis 2018 verlängert. Was man sicher sagen kann: In Kiel und Flensburg würde er nicht unerkannt Mittag essen.

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