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Handballer Jicha : Mehr als ein Kanonier

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Im Anflug: Der Tscheche Filip Jicha spielt in der Bundesliga für Kiel, in der WM-Qualifikation gegen Deutschland Bild: dpa

Filip Jicha wächst in Kiel zu einer Führungskraft heran. In der WM-Qualifikation fordert er am Donnerstag (17.15 Uhr) mit Tschechien die Deutschen heraus. Für beide Teams steht viel auf dem Spiel.

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          Als sich Ende vergangenen Jahres fast alle seiner Kollegen auf die Weltmeisterschaft in Spanien vorbereiteten, flog Filip Jicha für einige Tage nach Mallorca. Zusammen mit den Freunden Daniel Kubes und Daniel Stephan spielte Jicha nach Weihnachten ein paar Runden Golf. Zwar erzählt der Tscheche grinsend, dass Golfen für ihn durchaus kein entspannter Zeitvertreib sei, sondern im Wettstreit mit Kubes und Stephan Leistungssport unter befreundeten Konkurrenten, doch wäre er in den Tagen und Wochen danach lieber unter Seinesgleichen auf dem Handballfeld gewesen.

          Aber wieder einmal fehlte Jichas Länderauswahl bei einem Großereignis: Die tschechische Nationalmannschaft hatte im Sommer 2012 gegen Russland verloren, und anstatt bei der Weltmesse des Handballs vorzuspielen, reiste Jicha Anfang Januar erst nach Oslo, um mit Tschechien ein Turnier gegen andere Nichtqualifizierte zu spielen, und dann nach Kiel, um sich mit den wenigen zu Hause Gebliebenen des THW fit zu halten. Jicha sagt: „Es nervt, bei einer WM zu fehlen. Aber wir sind nicht konstant genug, um uns immer zu qualifizieren.“

          Das kann man auch für die gerade laufende Qualifikation behaupten. Im Wettkampf um zwei Plätze haben die Tschechen schon eine Niederlage einstecken müssen - 22:23 gegen Montenegro. Weil auch die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) den Spielern vom Balkan unterlag, geht es in den Partien Tschechien gegen Deutschland an diesem Donnerstag in Brünn (17.15 Uhr/ live in Eurosport) und am Sonntag in Halle/Westfalen schon um alles: Verlieren verboten, ist das Motto für beide. Wer noch einmal patzt, hat sich den Weg zur Europameisterschaft Anfang 2014 in Dänemark verbaut.

          Handball statt Eishockey

          Der Kieler Rückraumstar Jicha stammt aus dem 5000-Einwohner-Städtchen Stary Plzenec in Böhmen. Dort, wie in ganz Tschechien, kommt erst Eishockey, dann eine ganze Weile nichts, dann Fußball. Handball? Ja, sagt Jicha, seit er in Kiel spiele und dort mit seinen Toren mithilft, Titel en masse zu holen, sei Handball auch in seiner Heimat ein wenig bekannter. „Aber in den meisten Orten gibt es fünf Eishallen und vielleicht eine, in der du Handball spielen kannst.“ Lächelnd erzählt er, dass er auch deswegen zum Handball fand, weil sich für die großen Füße des kleinen Filip einfach keine Schlittschuhe finden ließen. Sein Vater war ein sehr guter Eishockeyspieler, zweite tschechische Liga, doch er erkannte schnell das wahre Talent seines Sohnes.

          Erfahrung im Kampf mit Deutschen: Jicha bei der EM 2012 gegen Sven-Sören Christophersen
          Erfahrung im Kampf mit Deutschen: Jicha bei der EM 2012 gegen Sven-Sören Christophersen : Bild: dapd

          Aus tschechischer Sicht ruhen fast alle Hoffnungen wieder einmal auf Filip Jicha. Der 30 Jahre alte Kieler Profi ist der Mann für die sogenannten leichten Tore: bei elf Metern hochsteigen und den Ball ins Gehäuse wuchten. Aber Jicha ist längst mehr als der Kanonier; in seinen Kieler Jahren seit 2007 hat er gelernt, das Spiel zu lesen und als Anführer vorweg zu gehen. Daran hat Trainer Alfred Gislason einen großen Anteil. Jicha ist sein verlängerter Arm auf dem Spielfeld; Gislason preist Jichas Vielseitigkeit und stellt ihn sogar bisweilen an den Kreis.

          Rückblickend auf seine Kieler Anfangsjahre, als ihn Gislasons Vorgänger Noka Serdarusic oft auf der Bank schmoren ließ, sagt Jicha: „Ich brauche einen Trainer, der mir verdeutlicht, dass ich wichtig bin. Dann kann ich helfen.“ Als Kritik an Serdarusic will er das nicht verstanden wissen. Er war damals einfach noch nicht die Führungskraft, die er heute ist. Serdarusic setzte auf andere, stärkere Spieler. Auch das hat Jicha als Lehre mitgenommen.

          Starallüren sind ihm fremd

          Die Führungsrolle wird noch ausgeprägter auf ihn zukommen, wenn im Sommer Marcus Ahlm, Daniel Narcisse und Torwart Thierry Omeyer in ihre Heimatländer zurückgehen. Jicha, der einen Vertrag bis 2016 hat, soll der Anker einer runderneuerten Kieler Mannschaft sein und wird dann in einer Linie mit Namen wie Wislander, Lövgren, Karabatic, Ahlm stehen. Das schreckt ihn nicht. Jicha sagt: „Ich darf mich nicht von Meinungen und Erwartungen anstecken lassen. Für mich ändert sich wenig, wenn ich irgendwann die Kapitänsbinde trage. Ich werde mich nie verstecken. Ich wollte schon immer Verantwortung übernehmen, aber nicht, weil es mir jemand vorschreibt. Hochnäsig werde ich deswegen nicht.“

          Die Kieler Handball-Erfolgsgeschichte - sie erzählt eben auch von guten Manieren. Wobei man die Jicha ohnehin nicht beibringen musste. Starallüren sind dem bodenständigen Tschechen so fremd wie andere Eskapaden: „Ich war in meinem ganzen Leben zwei Monate Single“, sagt Jicha lachend. Seine Ehefrau Hana kennt er seit der Schule. Mit den beiden kleinen Kindern lebt das Ehepaar im beschaulichen Ort Meldorf am Rande Kiels. Und wenn da nicht der ewige norddeutsche Winter wäre - Jicha fühlte sich pudelwohl in Kiel. Er sagt: „So richtig beginnt das Leben doch erst ab 20 Grad Außentemperatur.“ Solche Tage kann man an der Förde an zwei Händen abzählen.

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