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Großer Ärger um Handball-Regel : 7:6? Weg damit!

Gehört zu den Gegnern der Regel: Flensburgs Trainer Maik Machulla Bild: dpa

Der siebte Feldspieler im Handball war als taktische Variante und spektakuläre Neuerung gedacht – inzwischen stößt es viele Trainer ab. Kommt es zu einer Regeländerung?

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Die deutsche Handball-Nationalmannschaft brauchte damals in Varazdin Tore, um die führenden Spanier Mitte der zweiten Halbzeit einzuholen. Also riskierte Bundestrainer Christian Prokop etwas: Er brachte den siebten Feldspieler. Dafür musste der Torwart auf die Bank. Die Überzahl ging nach hinten los. Prokops Sieben verspielte Ball um Ball. Die Spanier trafen dreimal ins leere Tor. Der Deutsche Handballbund (DHB) verpasste das Halbfinale. Was die Auswahl bei der Europameisterschaft 2018 in Kroatien erfolglos anwendete, könnte bald abgeschafft werden.

          Seit 2016 lässt der Internationale Handballverband (IHF) den Wechsel des Torwarts gegen einen siebten Feldspieler zu. Es war als taktische Variante und spektakuläre Neuerung gedacht. Inzwischen stößt es viele Trainer ab. Zu den schärfsten Kritikern gehört Bundestrainer Alfred Gislason. Er sagt: „Ich glaube nicht, dass die Regel das Spiel attraktiver gemacht hat. Im Gegenteil. Der Handball ist dadurch langsamer geworden.“ Auch Frauen-Bundestrainer Henk Groener kann dem 7:6 wenig abgewinnen. Eine ganze Reihe Bundesligatrainer und europäischer Coaches sprach sich jüngst in einer Umfrage der „Handball-Woche“ dafür aus, die Regel zurückzunehmen.

          „Es wird mir zu viel Stehhandball gespielt“

          Bei der IHF ist das angekommen. „Wir sind mitten in der Diskussion“, sagte Dietrich Späte dem „Deutschlandfunk“. Späte ist Vorsitzender der Methodik-Kommission der IHF. Beim Weltverband will man die Regel überdenken, auch wegen des öffentlichen Drucks, der durch die mehrheitliche Meinung der Trainer und die begonnene Diskussion entstanden ist. Allerdings hält Späte den Kritikern entgegen, dass pro Spiel im Durchschnitt nur zehn Prozent der Tore im 7:6 erzielt wurden. Das habe eine Auswertung der WM 2019 ergeben. In den nationalen Ligen dürfte die Zahl indes höher liegen, denn Vereinsmannschaften haben viel mehr Zeit, um das 7:6 einzustudieren.

          Verwaister Arbeitsplatz: Ein siebter Feldspieler ersetzt den Torhüter.
          Verwaister Arbeitsplatz: Ein siebter Feldspieler ersetzt den Torhüter. : Bild: Imago

          In der Bundesliga gehört Maik Machulla zu den Ablehnern der Regel. Er vermisst Dynamik und Action auf dem Spielfeld, taktische Feinheiten blieben auf der Strecke: „Es wird mir zu viel Stehhandball gespielt. Die 1:1-Situationen, für die wir junge Handballer ausbilden, bleiben beim Spiel 7:6 auf der Strecke.“ Der Coach der SG Flensburg-Handewitt sieht die Abwehrarbeit als zentralen, interessanten Teil des Handballs. Etwas riskieren, offen decken, weit vom eigenen Kreis herausrücken, Spielzüge des Gegners erahnen: das gehört für Machulla zum modernen Handball. Wenn der Gegner ständig im 7:6 spiele, schwächt das seiner Meinung nach Teams mit offensiver Abwehr: „Wir müssen uns dann sehr defensiv aufstellen.“

          Machulla war vom Start der Regel weg kein Freund des 7:6. Er lässt es selten spielen, kaum trainieren. Auch seine Spieler lehnen es ab. Seine Beobachtung ist, dass das eigene Angriffsspiel statischer werde, sobald die Konstellation 7:6 eintritt: „Du schläferst dich selbst ein und nimmst diese Schläfrigkeit mit rein in deine nächste Abwehraktion.“

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          Eine weitere negative Folge sind nach Meinung vieler renommierter Trainer die Treffer ins leere Tor: Wenn vorn der Ball vertändelt wird, rennt der Torwart von der Bank Richtung Gehäuse, um den Ball des Gegners abzuwehren – das misslingt meist. Im besten Fall sorgt die Rettungstat für spektakuläre Bilder. Von den Rängen indes kommt nur Häme, wenn ein schludriger Angriff derart bestraft wird. Psychologisch ist das kein schöner Moment, und Gegenstöße mit Treffern ins leere Tor erinnern an Freizeithandball. Machulla sagt: „Wenn Trainer mit dem 7:6 Erfolg haben, lobt man ihren Mut. Wenn es Tore ins leere Tor gibt, sagt man: Wie konnte er nur?“

          Als die Regel geändert wurde, gab es zuvor viele Diskussionen um die Härte im Handball. Tatsächlich ist das Spiel seitdem härter geworden, denn eine Zwei-Minuten-Strafe wirkt viel milder, wenn die Mannschaft im Angriff aufgefüllt werden darf und weiterhin mit sechs Feldspielern auftritt.

          „Das wichtigste ist, dass die IHF uns Trainer jetzt einbindet“

          Natürlich gibt es auch Befürworter des 7:6. Nikolaj Jacobsen gehört dazu. Bei den Rhein-Neckar Löwen hatte der dänische Weltmeistertrainer Andy Schmid als Anführer. Schmid schien vom leeren Tor im Nacken unbeeindruckt und verlor selten die Übersicht. Auch mit der Nationalmannschaft vertraute Jacobsen oft dem siebten Feldspieler.

          Rolf Brack gehört als langjähriger Coach der HBW Balingen-Weilstetten ebenfalls zu den Freunden des Überzahlspiels. Bei der vergangenen EM spielten die Portugiesen fast durchgehend mit sieben Feldspielern und besiegten Frankreich. Kroatiens Nationaltrainer Lino Cervar schätzt das 7:6, versteht aber die Argumente der Gegenseite, er sagt: „Das wichtigste ist, dass die IHF uns Trainer jetzt einbindet.“ Das sieht Machulla ähnlich: „Das Thema ist plaziert und wird diskutiert. Das ist gut so.“ Machulla weiß, dass sich so schnell nichts ändern wird: Frühestens zum 1. Juli 2022 könnte der Weltverband die Regel zurücknehmen. Aus Machullas Sicht wäre es ein Anfang, die Regel zu modernisieren, also das leidige 7:6 nur für eine begrenzte Zahl an Angriffen zuzulassen.

          Eine andere Regelung ist schon zur Zufriedenheit aller angepasst worden. In der Bundesliga wird ab der nächsten Saison bei Punktgleichstand nicht mehr die Tordifferenz, sondern das direkte Duell zur Entscheidung herangezogen. Das war eine Forderung Gislasons an die HBL, um seine Nationalspieler zu entlasten. Kleine Änderung, große Wirkung, findet Machulla: „Du hast jetzt als Spitzenmannschaft nicht mehr den Druck, vom ersten Spieltag an auf Torejagd zu gehen.“ Tatsächlich könnten die Nationalspieler so mehr Pausen und die Ersatzspieler mehr Einsatzminuten bekommen.

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