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Christian Dissinger : Kein Handballer für den leichten Weg

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„Es ist ein unglaubliches Gefühl“: Christian Dissinger (links) holt mit Vardar Skopje den Titel in der Champions League. Bild: dpa

Er blieb immer unter dem Radar der breiten Handball-Öffentlichkeit. Nun aber gewinnt Christian Dissinger mit Vardar Skopje die Champions League. Es ist der Lohn in einer Karriere voller Rückschläge.

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          Es gab im Oktober 2018 bequemere Möglichkeiten eines Vereinswechsels. Aber den leichten Weg ist Christian Dissinger nie gegangen. Deswegen passte es zu ihm, den Vertrag nach enttäuschenden Monaten beim THW Kiel aufzulösen, ins nordmazedonische Skopje zu wechseln. „Was will der da denn?“ hieß es in Handballkreisen. Zum einen ist HC Vardar eine große Ansammlung von Stars aus vielen Ländern, zum anderen gibt es seit Jahren Gerüchte, dass der russische Finanzier und Vereinsbesitzer Sergej Samsonenko sich bald zurückziehen werde.

          Dieser Samsonenko stand dank seiner Finanzkraft für hochklassigen Handball beim Champions-League-Sieger von 2017, und gutes Geld ließ sich dort auch verdienen. Für Dissinger zählte vor allem die Aussicht auf mehr Spielzeit. Er wurde dann auch öfter als in Kiel eingesetzt, bei HC Vardar, dem Titelträger in der südosteuropäischen Seha-Liga. Doch als alles in ein geglücktes nordmazedonisches Abenteuer zu münden schien, verletzte sich Dissinger am 4. April im Finale der Seha-Liga gegen die Ungarn von Pick Szeged schwer: ein übler Schubser, Dissinger knallte aus der Höhe auf den Ellenbogen, kugelte sich die Schulter aus, zwei Bänder im Ellenbogen rissen. Vier bis sechs Wochen Pause hieß es. Dass Vardar den Titel in der Seha-Liga gewann, war zunächst schwacher Trost.

          Dissinger ist 27 Jahre alt. Die Hälfte seiner Profi-Karriere war dieser begabte und wurfstarke Rückraumspieler verletzt und bliebe deshalb immer unter dem Radar der breiteren Handballöffentlichkeit. Auch diesmal biss er sich aber zurück – und stand plötzlich im Halbfinale der Champions League am Samstagabend in Köln. Und wie: Vardar lag zur Pause 9:16 gegen den FC Barcelona zurück, kämpfte sich auch dank des starken Torwarts Dejan Milosavljev ins Spiel und gewann 29:27. Das letzte Tor erzielte Dissinger, und am Sonntag holte Vardar gegen Telekom Veszprem schließlich sogar Europas Krone mit einem 27:24-Sieg. „Es ist ein unglaubliches Gefühl, das ich gar nicht richtig beschreiben kann. In den vergangenen drei Jahren ist so viel schief gelaufen. Deshalb ist es genial, hier mit dem Pokal zu stehen“, sagte Dissinger.

          Am Rande des Turniers sagte Dissinger, es werde ihm zu breitgetreten, dass er der einzige Deutsche bei der Endrunde sei. Hiesige Klubs fehlten zum dritten Mal nacheinander. Auch Dissinger hält die Bundesliga nach wie vor für eine starke Liga. Die absoluten Spitzenleistungen aber werden inzwischen woanders erzielt. Das hatte jüngst auch Bundestrainer Christian Prokop moniert. In seinen Gedankenspielen könnte ein Halblinker mit gutem Wurf wie Dissinger eine zentrale Rolle spielen – bliebe dieser längere Zeit unverletzt.

          Denn beim DHB sucht man händeringend den „leichte Tore“ garantierenden Schützen im Rückraum. Allerdings müsste Dissinger erst einmal seine grundsätzliche Bereitschaft erklären, zurückzukommen. Im September 2016 war Dissinger nach zwei schweren Blessuren bis auf weiteres aus dem Nationalteam zurückgetreten, um den Körper wieder in Form zu bringen. Erst hatte er sich beim letzten Vorrundenspiel der EM im Januar 2016 in Polen gegen Russland an den Adduktoren verletzt und musste abreisen. Die DHB-Auswahl wurde ohne ihn Europameister.

          Im Finale setzten sich der Deutsche und sein Team gegen Veszprem durch.

          Dann erlitt er im August 2016 bei den Olympischen Spielen gegen Ägypten eine Prellung im Oberschenkel. Daraus wurde ein Kompartment-Syndrom mit drei Operationen. In der Folge verzichtete Dissinger zum Wohle des THW auf das Nationalteam. Kleinere Verletzungen folgten aber, und Dissinger, der sich 2011 und 2013 schon die Kreuzbänder gerissen hatte, kam über eine Reservistenrolle nicht hinaus, obwohl Trainer Alfred Gislason grundsätzlich viel von ihm hält. In dieser Saison nun waren die gereiften Jungstars Nikola Bilyk und Lukas Nilsson sowie Kapitän Domagoj Duvnjak auf seiner Position klar vor ihm: Dissinger zog die Konsequenzen.

          In Köln sagte der gebürtige Ludwigshafener, dass seine Zukunft bei Vardar offen sei. Sponsor Samsonenko hatte wieder seinen Rückzug angekündigt, wird dem Verein jetzt aber als Hauptgesellschafter erhalten bleiben. Ob das beinhaltet, dass alle Stars weiterhin für Skopje auflaufen, steht in den Sternen. Wie 2013, als Dissinger sich trotz seiner Knieverletzung Atletico Madrid anschloss, geht er auch diesmal ein Wagnis ein. Damals gingen die Spanier pleite, Dissinger war vereinslos, fand ab Januar 2014 in Lübbecke wieder zu seiner Form. Nun kämpft sein nächster Klub mit finanziellen Schwierigkeiten, und Dissinger weiß nicht, ob er seinen zwei Jahre gültigen Vertrag erfüllen wird.

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