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Handball : Urlaubsreife Stars - doch die Hatz geht immer weiter

Ständig an der Leistungsgrenze: Daniel Stephan wird hart gefordert Bild: AP

Bundesliga, Europameisterschaft, Bundesliga, WM-Qualifikation, Olympiavorbereitung, Olympische Spiele: Das Mammutprogramm im Handball bereitet nicht nur Bundestrainer Brand Sorge

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          "Natürlich könnte ich etwas Urlaub gebrauchen, aber daran denkt man jetzt besser nicht", sagt Christian Schwarzer. So wie dem Lemgoer Kreisläufer geht es vielen seiner Handballkollegen, die derzeit bei der Europameisterschaft in Slowenien beschäftigt sind. Im Grunde urlaubsreif nach einer anstrengenden Bundesliga-Hinrunde, die für viele noch gespickt mit Europapokalpartien und einigen Länderspielen war, aber Zeit zum Ausspannen haben Handballspieler kaum noch. In den nächsten Monaten sowieso nicht - nach der EM geht gleich wieder die Bundesliga los, dann folgen für viele die beiden WM-Qualifikationsspiele, die Olympiavorbereitung, die Olympischen Spiele - und dann wartet schon wieder die Bundesliga, die erst wieder Pause macht, wenn die nächste WM schon wieder in Sichtweite ist. "Das ist ein bißchen zu viel", ahnt nicht nur Bundestrainer Heiner Brand. "In zwölf Monaten drei Großereignisse zu spielen ist kompletter Wahnsinn. Das Spiel ist ja noch athletischer und schneller geworden. Handball hat sich in den letzten Jahren extrem verändert", sagt Brands ehemaliger Kotrainer Bob Hanning, der inzwischen den Bundesligaklub HSV Hamburg trainiert.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Der deutliche 41:32-Sieg über Polen brachte den Deutschen nicht nur die vorzeitige Qualifikation für die Hauptrunde ein. Der ungefährdete Erfolg ermöglichte einigen Spielern zumindest in der zweiten Halbzeit eine Pause. "Die Reservespieler, die hier noch nicht so viel gespielt haben, werden wir noch dringend brauchen", sagt Brand, dem nicht nur das Mammutprogramm bei der EM mit acht Spielen in elf Tagen zunehmend Sorge bereitet. "Die Spieler aus den Topklubs absolvieren rund 90 Partien im Jahr." Und das bei rund zehn Monaten Spielbetrieb, was in der Praxis alle drei, vier Tage ein Spiel bedeutet. Das allein wäre schon genug, aber die Mehrzahl dieser Spiele muß auch mit vollstem Einsatz bestritten werden. Die Bundesliga ist so Fluch und Segen gleichzeitig für die Nationalmannschaft - zum einen können sich Brands Stars in der stärksten Liga der Welt ständig mit den Besten messen, zum anderen müssen sie aber auch ständig an ihre Leistungsgrenze gehen.

          Der Bundesliga aber ist vor allem die Terminierung der großen Meisterschaften ein Dorn im Auge. "Ich mag gar nicht daran denken, in was für einem Zustand die beiden zurückkehren", sagt Hanning über seine beiden französischen Stars, die Brüder Guillaume und Bertrand Gille. In welchem schon - äußerst müde und kaputt eben, und das vor der Bundesliga-Rückrunde. 1998 wurde die Europameisterschaft zum letzten Male im Mai/Juni gespielt, 1999 zum letzten Male die Weltmeisterschaft, die zudem mit dem Wechsel in den Zweijahres-Rhythmus die Hatz zwischen den Terminen noch erhöht hat. Von der Verlegung an den Jahresbeginn versprachen sich der Europäische und der Internationale Handball-Verband mehr Übertragungszeiten und mehr Geld, weil der große Konkurrent Fußball dann in vielen Ländern seinen Winterschlaf hält. Das Argument allerdings gilt noch mehr für die Vereine, die ihre mittlerweile immer teureren Spieler bezahlen müssen. Vor allem in der Bundesliga sind die Gehälter in die Höhe geschossen, weil sich immer noch ein Verein fand, der den anderen überbot. Die Spielpause bis in den Februar hinein ist da besonders ärgerlich.

          Dafür erwartet die Bundesliga von der Nationalmannschaft einen Imagegewinn, den die Auswahl des Deutschen Handball-Bundes ihrem Sport mit den beiden zweiten Plätzen bei der EM 2002 und WM 2003 auch bescherte. "Deutschland ist Handballland" - korrekt nach der Rechtschreibreform formuliert, konnte Brand schwarz auf weiß auf dem Fan-Transparent lesen, was er längst weiß: "Wir können nicht zu einem Turnier fahren und sagen, wir schicken da mal mit Blick auf 2005 oder 2006 eine Mannschaft mit ein paar jungen Spielern hin und gönnen den älteren mal eine Pause." Darin läge aber auch aus einem anderen Grund eine große Gefahr: Die Leistungsdichte hat enorm zugenommen, und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen. "Wenn man sich das Durchschnittsalter beispielsweise der Polen anschaut, kann man sich leicht ausrechnen, wie stark die in ein paar Jahren sind", sagt Brand. Wie schnell man bei einem großen Turnier durchgereicht werden kann, erlebte mit Schweden bei der WM 2003 ausgerechnet die erfolgreichste Nation der vergangenen Jahre. Mit Platz neun verpaßte der Europameister die direkte Olympiaqualifikation. Und während es für die Schweden in Slowenien so auch um den letzten freien Platz für Athen geht, könnten sich die deutschen Spieler ein paar Tage mehr Urlaub sichern. Die ersten drei Teams dieser EM dürfen sich die WM-Qualifikationsspiele im Sommer ersparen. Wär' doch was, so ein bißchen Urlaub vor den Olympischen Spielen.

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