https://www.faz.net/-gtl-7gst6

Handball : Überall Baustellen

  • -Aktualisiert am

Meister mit Schwierigkeiten: Der THW Kiel und Rene Toft Hansen stürzen über Flensburg mit Rene Toft Hansen Bild: dpa

Die Niederlage im Supercup kann der THW Kiel verschmerzen - die desolate Leistung aber verheißt nichts Gutes. Die SG Flensburg macht derweil Hoffnung auf eine abwechslungsreichere Bundesligasaison.

          3 Min.

          Sie wollten ganz ungerührt wirken, als sei gar nichts geschehen. Aber der Jubel in der Kabine und die fröhlichen Gesichter ließen erahnen, dass es innen drin ganz anders aussah. „Es ist ja doch immer sehr schön, gegen den THW zu gewinnen“, sagte der Flensburger Außenspieler Anders Eggert, „wir haben jetzt am Anfang der Saison schon einen Pokal. Das finde ich richtig gut.“ Zuletzt war die SG Flensburg-Handewitt beim Pokalfinale im April nahe dran gewesen, dem THW Kiel einen Titel zu entreißen. Am Dienstagabend in Bremen ließ sich Flensburg nicht abschütteln, gewann den Supercup durch ein sicheres 29:26 und bestätigte diejenigen, die die eingespielte SG als Favorit im Titelrennen vor den neuformierten Kielern und Hamburgern sehen.

          Der smarte Flensburger Coach Ljubomir Vranjes ist deswegen schon seit einiger Zeit damit beschäftigt, die Erwartungen zu dämpfen, indem er die bestehenden Größenordnungen vergleicht: „Kiel und Hamburg haben drei Millionen Euro mehr als wir, wie sollen wir da Favorit sein?“ Auch den ersten nationalen Titelgewinn seit dem Pokalsieg 2005 ordnete Vranjes am Dienstag angemessen ein: „Es ist ein kleiner Titel vor der Saison, mehr nicht.“

          Dass Flensburg daraus eine dauerhafte Überlegenheit ableiten könnte. Zweitens sei es doch ein großer Unterschied, wenn Kiel einen Rasmus Lauge, dänischer Europameister, als kommenden Regisseur verpflichtete, die SG aber nur Jim Gottfridsson, einen unbekannten Youngster aus Ystad. Und außerdem: „Auch wenn es langweilig ist: Nein, wir sind auch jetzt nicht der Favorit. Wir müssen den THW erst in einem richtigen Wettkampf schlagen.“ Damit war - bei aller Freude der Spieler - alles gesagt über den Wert des Spiels Pokalsieger gegen Meister. Beziehungsweise Meister gegen Pokal-Zweiten.

          Zurück mit Sorgen

          Flensburg wird trotz der Zurückhaltung selbstbewusst in die am Samstag mit dem Spiel in Minden beginnende Saison gehen. Der THW Kiel hingegen verließ Bremen doch auch mit Sorgen. Die Leistung in der zweiten Halbzeit war streckenweise desolat, da lief dem Anführer Filip Jicha vieles aus dem Ruder. Die Folgen der kuriosen Momente, als Kiel nach vier Zeitstrafen gegen sich für 22 Sekunden mit nur zwei Feldspielern auskommen musste, hielten sich zwar in Grenzen; die Unterzahl-Phase eine Viertelstunde vor Schluss überstand der THW mit einer 1:2-Torfolge. Trotzdem erklärte Trainer Alfred Gislason die Niederlage auch mit dieser Spielsequenz: „Da wurde ein bisschen heftig gegen uns entschieden. Das hat uns richtig aus dem Tritt gebracht - obwohl, wir waren nie richtig in Tritt heute.“

          Gruppenbild mit Trophäe: Die SG Flensburg gewinnt den Supercup
          Gruppenbild mit Trophäe: Die SG Flensburg gewinnt den Supercup : Bild: dpa

          Stimmt. Alle „Baustellen“, wie Gislason immer sagt, waren am Dienstag von den 7500 Zuschauern in Bremen zu besichtigen. Angefangen hinten: Da erwischte weder der neue Torwart Johan Sjöstrand einen guten Tag, noch überzeugte Andreas Palicka. Vorn spielte Jicha Kreisläufer René Toft zwar häufig gut frei, aber zu seinem neuen Nebenmann Wael Jallouz fehlte jede Bindung. Der lange Tunesier mit dem Spitznamen „Willi“ wirkte bei seinem ersten Pflichtspieleinsatz für den THW verschreckt, wie schnell und hart es in der Bundesliga zur Sache geht. Da auch Rasmus Lauge an Tempo und Durchsetzungsfähigkeit wird zulegen müssen, um Jicha als Spielmacher ein paar Pausen zu gönnen, blieb von diesem Spiel der Befund haften, dass Kiel sicher Monate brauchen wird, um eine Einheit zu werden. Denn ein Daniel Narcisse, den Gislason immer kurz bringen konnte und der dann verlässlich Tore lieferte, ist nun ebenso wenig noch dabei wie Torwart Thierry Omeyer, der sich oft nach 55 mauen Minuten noch zum Spielentscheider aufschwang. Gislason hat eine Menge Arbeit vor sich mit diesem THW-Jahrgang 2013/2014. Er sagte: „Es war nicht anders als erwartet. Wir haben viele Schwankungen. Es war heute noch eines der besseren Spiele.“

          Groß genug für Experimente

          Flensburg ist ein gutes Stück weiter und konnte wie eigentlich immer den Fähigkeiten des Torwarts Mattias Andersson vertrauen. Allerdings gibt es auch weiter nördlich eine Problemzone. Im linken Rückraum ist Nationalspieler Lars Kaufmann nach seiner Knieoperation noch nicht einsatzbereit; Vertreter Petar Djordjic ist zum HSV gegangen, und die jetzige Besetzung mit dem Neuen Drasko Nenadic und Olafur Gustafsson entspricht nur Mittelmaß. Vielleicht versucht es Vranjes mit zwei Linkshändern im Rückraum, Steffen Weinhold und Holger Glandorf, und Thomas Mogensen auf halblinks. Mogensen wird mit seiner Wucht aber eigentlich in der Mitte gebraucht.

          Es gehört ja zu Ljubomir Vranjes’ Philosophie, immer mal wieder etwas auszuprobieren. Sein Kader mag nicht der namhafteste der Liga sein, groß genug ist er für viele Experimente. Das ist ein Komfort, den es selten gab in Flensburg.

          Weitere Themen

          Ohne viel Brimborium in die Bundesliga

          HSV Hamburg : Ohne viel Brimborium in die Bundesliga

          Der HSV Hamburg möchte in der Handball-Bundesliga als sympathischer Konkurrent wahrgenommen werden. Nicht als großkotziger Klub aus der Metropole. Das gelingt – auch dank Trainer Torsten Jansen.

          Topmeldungen

          Innen nur 2-G: Und trotzdem bleibt, auch in diesem Braunschweiger Gasthaus, die Ansteckungsgefahr relativ groß.

          Vorschlag von Forschern : Acht Parameter gegen Corona

          Trotz 2-G-Regeln bleibt die Gefahr für eine Corona-Ansteckung in Innenräumen groß. Wissenschaftler um den Virologen Hendrik Streeck haben eine Checkliste entworfen, wie sich die Gefahr etwa in Restaurants verringern lässt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.