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Handball-Torwart Heinevetter : Plötzlich nur noch ein Minuten-Mann

  • -Aktualisiert am

Wirkungstreffer: Für Silvio Heinevetter ist es ein harter Schlag, dass der Bundestrainer derzeit keinen Platz für ihn hat. Bild: dpa

Torhüter Silvio Heinevetter hat zwar weiterhin eine Zukunft in der Bundesliga, doch in der Handball-Nationalmannschaft spielt er vorerst keine Rolle mehr. Wie konnte es dazu kommen?

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          Hat er gespielt? Und wenn ja, wie lange? Wer sich in der Hauptstadt und anderswo für Handball interessiert, hat diese Frage bestimmt schon einmal gestellt bekommen – oder sich selbst gestellt. Seit Silvio Heinevetter bei den Füchsen Berlin nicht mehr der Chef im Ring, pardon, im Tor ist, wird seine Einsatzzeit meist nach Minuten gemessen. Unbefriedigend für einen Handball-Profi wie Heinevetter, der neben Nationalmannschafts-Kapitän Uwe Gensheimer und dem Torwart-Riesen Andreas Wolff zu den bekanntesten deutschen Handballspielern der Gegenwart gehört.

          Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. 60 Minuten gegen die Stuttgarter, 60 Minuten gegen die Ludwigshafener. Keine Sekunde gegen die Leipziger und Göppinger, zehn Minuten in Flensburg: Wenn es gegen die starken Teams der Bundesliga geht, setzt Trainer Velimir Petkovic meist auf den neuen Keeper der Füchse, Dejan Milosavljev. Der Serbe kam vom Champions-League-Sieger aus Skopje und ist mit 23 Jahren der Mann der Gegenwart und Zukunft gleichermaßen. Heinevetter gehört mit zehn Jahren Vereinszugehörigkeit sozusagen zum Inventar und mit knapp 35 Jahren zu den ganz Erfahrenen.

          Doch während seine persönliche Perspektive mit dem Wechsel nach Melsungen zum 1. Juli 2020 geklärt ist, steht Heinevetters Verbleib in der ersten Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) seit Wochenbeginn in den Sternen. Bundestrainer Christian Prokop berief für die Lehrgangswoche samt den beiden Länderspielen gegen Kroatien Ende Oktober nämlich Wolff und den Neu-Kieler Dario Quenstedt. Ein harter Schlag für Heinevetter, der nicht nur auf die Teilnahme an der Europameisterschaft in Norwegen, Schweden und Österreich im Januar 2020 gehofft hatte, sondern auch mit den Olympischen Spielen in Tokio liebäugelte. In einem Telefonat hatte Prokop dem „enttäuschten“ Heinevetter mitgeteilt, dass er zunächst einmal nicht berücksichtigt werde. Die Tür zum Nationalteam sei aber weiterhin offen, sagte Prokop, der von vier Torhütern sprach, die für die zwei Plätze in Frage kämen. Auch Till Klimpke (21 Jahre alt) aus Wetzlar darf sich berechtigte Hoffnungen machen, bald wieder nominiert zu werden. Der Stammkeeper der deutschen Junioren-Nationalmannschaft bei der WM in Spanien im Sommer ist ein wichtiger Baustein im Team von Trainer Kai Wandschneider.

          Herr im Ring: der Berliner hegt noch immer große Pläne.

          Wolff, Quenstedt, Heinevetter und Klimpke also. Doch der Fingerzeig des Bundestrainers ist klar. Mit seiner Entscheidung für Quenstedt setzt er nicht auf die Jugend; der Magdeburger ist 30 Jahre alt. Sondern auf etwas Neues, ein neues Gespann – und einen Torhüter, der mit seinem Schritt aus Sachsen-Anhalt nach Schleswig-Holstein etwas gewagt und gewonnen hat. Zwar ist Niklas Landin beim THW Kiel die Nummer eins, doch der neue Handball-Lehrer Filip Jicha setzt durchaus auf Quenstedt. Es läuft bei den aktuell frisch, erfolgreich und attraktiv spielenden Kielern – das liegt auch an dem harmonischen Torhüter-Duo.

          Hinzu kommt, dass Mattias Andersson Torwart-Trainer der Kieler auf Honorarbasis ist. Eine Funktion, die der Schwede bald auch beim DHB einnehmen wird: vom 1. Februar 2020 an wird Andersson leitender DHB-Torwarttrainer. Zu seinem Kompetenzteam werden dann Henning Fritz, Carsten Lichtlein, Johannes Bitter sowie Clara Woltering, Christine Lindemann und Katja Kramarczyk gehören. Für Axel Kromer, den Vorstand Sport beim DHB, ist Anderssons Verpflichtung ein wichtiger Punkt bei der Professionalisierung rund um die Nationalteams. Und Quenstedt wird es nicht schaden, wenn sein Vereins-Torwarttrainer auch beim Nationalteam Verantwortung trägt.

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          Heinevetter ließ seine Nichtnominierung unkommentiert. 192 Länderspiele hat der Berliner auf dem Buckel, die Olympiateilnahme mit der Bronzemedaille 2016 von Rio inklusive. Neben Erfolgen gab es für ihn auch schon eine schwere Enttäuschung, als ihn Prokops Vorgänger Dagur Sigurdsson 2016 nicht für die EM in Polen einlud – und Deutschland mit einem überragenden Wolff überraschend den Titel holte. Heinevetter kämpfte sich zurück. Zuletzt bei der Weltmeisterschaft in Dänemark und Deutschland passte es gut zwischen ihm und der deutschen Nummer eins, Wolff. Heinevetter hatte den Status als zweiter Mann klaglos hingenommen und stark pariert – beispielsweise in der Schlussphase des verlorenen Bronze-Spiels gegen Frankreich.

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          Doch im Sommer folgte das Gezerre um seinen nächsten Kontrakt bei den Füchsen. Heinevetter wäre wohl gern noch länger geblieben, Sportchef Bob Hanning aber wollte eine Verjüngung. Die zahlungskräftigen Melsunger machten Heinevetter ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte. Aber erst von 2020 an. So geschieht es, dass in Berlin Milosavljev vor Heinevetter kommt – mit gravierenden Auswirkungen für seine internationale Karriere. Dass Heinevetter am Sonntag beim Berliner Sieg gegen den Bergischen HC 37 Minuten stark hielt, hatte offenbar keinen Einfluss mehr auf Prokops Entscheidung.

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