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Handball-Torwart Bitter : „Ich möchte noch mal tief reinbeißen“

  • -Aktualisiert am

Mit Stuttgart vorne dabei: Johannes Bitter Bild: dpa

Für Handball-Torwart Johannes Bitter erweist sich sein Wechsel nach Stuttgart als Glücksfall. Er spielt wieder im Nationalteam und der ewige Abstiegskandidat steht in der Spitzengruppe der Bundesliga.

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          Tabellenführer TVB Stuttgart? Wie das klingt! „Wir wissen auch, dass das wahrscheinlich nicht bis Weihnachten hält“, sagte Johannes Bitter, „aber wir wollen jetzt gar nicht so viel nachdenken und analysieren, sondern uns freuen, dass wir da oben stehen.“ Nach den Spielen vom Wochenende war es schnell vorbei mit Platz eins. Kiel, die Rhein-Neckar Löwen, Flensburg und Melsungen zogen vorbei. Doch auch Platz fünf, nur einen Punkt hinter dem Spitzenreiter ist eine ziemlich positive Überraschung.

          Nach dem Sieg beim SC Magdeburg am Wochenende davor hatte die Mannschaft des Nationaltorwarts am vergangenen Donnerstagabend auch gegen den SC DHfK Leipzig gewonnen – und wie. 30:24 hieß es vor 500 Zuschauern in der Porsche-Arena. Bitter wehrte 40 Prozent der Würfe ab, mal wieder eine herausragende Leistung des 38 Jahre alten Profis. Doch nicht nur hinten überzeugte der Klub, der plötzlich für kurze Zeit ganz oben stand in der Handball-Bundesliga. Mit dem neuen Halbrechten Viggo Kristjansson entfachte der TV Bittenfeld einen ansehnlichen Angriffswirbel. Bitter sagt: „Momentan passt einfach vieles zusammen. Wir sind eingespielt, und Viggo hilft uns sehr. Er ist jemand, dem man immer den Ball geben kann.“

          Es fügt sich in diese bislang so unterhaltsame Saison voller Favoritenstürze, dass die ewigen Abstiegskämpfer aus Stuttgart so verblüffen. Im sechsten Jahr erstklassig, will der TVB unter Trainer Jürgen Schweikardt mehr als einen Platz im unteren Mittelfeld. „Es ist definitiv das Ziel, mittelfristig die europäischen Plätze anzugreifen“, sagt Bitter, „das muss an einem Standort wie Stuttgart auch so sein.“ Bitter wechselte nach der Pleite des HSV Hamburg Anfang 2016 in den Südwesten. Aus dem avisierten halben Jahr sind vier geworden. In der fünften Spielzeit beim TVB hat Bitter in Primoz Prost einen erfahrenen Gespannpartner bekommen – zusammen sind die Keeper 75 Jahre alt. Bitter sagt: „Er hält mir den Rücken frei. Wir haben jetzt eine sehr gute Trainingsqualität im Tor.“

          Für Johannes Bitter hat sich Stuttgart als Glücksfall erwiesen. Dort mit den nötigen Freiheiten ausgestattet, was Heimflüge zu seinen drei Söhnen angeht, hat er in den vergangenen Jahren andere Angebote ausgeschlagen. „Es tut mir gut, einfach nur von Jahr zu Jahr zu schauen“, sagt Bitter, der in seiner Laufbahn an Lockerheit und Charisma hinzugewonnen hat. Den ungewöhnlichen Karriereweg des Weltmeisters von 2007 veredelte die Nominierung durch den damaligen Nationaltrainer Christian Prokop Ende 2019.

          Plötzlich war der Routinier wieder Auswahlspieler. Bitter sagt: „Ich war in Stuttgart nicht mehr so im Fokus, und die Nationalmannschaft war nach meinem Rücktritt 2011 weit weg. Als ich dann für die EM 2020 berufen wurde, habe ich mir gedacht, ich möchte noch mal richtig tief reinbeißen in den Kuchen und den Handball genießen.“ Als Führungsspieler mit Ausstrahlung und Humor schritt Bitter durch die Europameisterschaft. Prokops Nachfolger Alfred Gislason hat ihn wieder berufen: Donnerstag und Sonntag folgen EM-Qualifikationsspiele gegen Bosnien und in Estland.

          „Mal sehen, was in zwei Monaten ist“

          „Ich möchte mehr sein als Spieler“, sagt Bitter, auf die Rollen in seinen Mannschaften angesprochen: „Meine Aufgaben gehen über das Spiel hinaus.“ Es sind selbstgesteckte Ziele. Wann immer es zuletzt um die großen Themen des Handballs ging, hat er sich zu Wort gemeldet. Gerade in diesen Zeiten ist er den Verantwortlichen bei der HBL und dem DHB eine wichtige Gesprächsperson. Jüngst sprach er mit HBL-Chef Frank Bohmann über das Thema Gehaltsverzicht. Zusammen mit dem früheren Torwart Marcus Rominger vertritt Bitter bei „Goal Deutschland“ die Interessen der Handballprofis. „Wir sind noch keine Tarifpartner“, sagt Bitter, „aber wir sind ein gutes Korrektiv. Die Zusammenarbeit mit der HBL ist eng und wir können den Spielern gegenüber im Vorwege Wogen glätten.“

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          Der Profihandball habe „einen richtig guten Job“ gemacht, was die Risikovermeidung in Zeiten der Pandemie betrifft, findet Bitter, der sehr gehofft hatte, dass das honoriert würde – und der Handball mit Zuschauern weitermachen darf. Es kam anders. Bitter, der die Energie von den Rängen saugt, fehlen die Fans sehr – natürlich. Er sagt: „Wir Handballer haben uns an das neue Normal gewöhnt. Jetzt kriegen wir das nächste Normal. Mal sehen, was in zwei Monaten ist.“ Es klingt nicht, als würfe ihn diese Ungewissheit aus der Bahn.

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