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Handballer Tobias Karlsson : „Ich verliere den besten Abwehrspieler der Welt“

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Bald ist Schluss: Tobias Karlsson beendet seine Karriere nach dieser Saison. Bild: Picture-Alliance

Kapitän, Abwehrspezialist und „Integrationsminister“: Tobias Karlsson prägte die SG Flensburg – und engagierte sich über den Sport hinaus. Bald verlässt er die Handball-Bühne.

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          Sie hatten auf ihn eingeredet und ihm alles Mögliche versprochen. Sie hatten seinen Wert für die Mannschaft herausgestellt und die Bedeutung hervorgehoben, die er im Projekt Flensburg-Handewitt 3.0 habe. Nach den Meisterschaften 2004 und 2018 entsteht im Norden gerade ein junges, frisches Handballteam, das über das Jahr 2020 hinaus Titel sammeln soll. Für solche ambitionierten Pläne braucht man aber nicht nur hungrige Anfänger. Sondern Typen, die wie Maschinenöl das große Getriebe am Laufen halten – einen wie Tobias Karlsson eben.

          Als der 37 Jahre alte Schwede vor der Saison gesagt hatte, er gehe „sehr wahrscheinlich“ in seine letzte Spielzeit als Profi, glaubten Sportchef Dierk Schmäschke und Trainer Maik Machulla, dass das letzte Wort vielleicht noch nicht gesprochen sei. Karlsson selbst weigerte sich, seinen endgültigen Abschied zu konkretisieren. Ob er nicht vielleicht doch noch ein Jahr dranhängen, dann eben nach der Spielzeit 2019/2020 aufhören würde?

          Am Dienstag aber, nach einer alles in allem trostlosen Reise in die ukrainische Stadt Saporoschje, verbunden mit der sechsten Niederlage in der diesjährigen Champions-League-Kampagne, verkündete die SG Flensburg, dass ihr Kapitän am Ende der Saison die Koffer packen werde und gemeinsam mit seiner Frau und den beiden Kindern nach Hause geht. Karlsson will sich in Schweden einer Unternehmensberatung anschließen. Dort soll er Führungskräfte schulen, damit sie „normalen Angestellten“ mehr zutrauen und flache Hierarchien herstellen. Ein maßgeschneiderter Job für einen modernen Chef wie Karlsson, der auf dem Handballfeld und daneben jeden jungen Spieler an die Hand nahm, ohne ihm gleich die Welt zu erklären.

          Zehn Jahre Flensburg werden es Ende Juni für den Abwehrspezialisten aus Karlskrona sein. In der vergangenen Saisonvorbereitung hatte Karlsson betont, wie schwer es ihm gefallen war, sich nach anhaltenden Rückenproblemen durch die dunklen Monate im Winter 2017/18 zu kämpfen. Doch mit dem Abklingen der Schmerzen war er dann wieder der Anführer, der voranging: Im Juni 2018 wurde die SG Flensburg überraschend Meister. Als „Integrationsminister“ hat Karlsson gerade wieder alle Hände voll zu tun, die sechs neuen Spieler in die Welt der SG Flensburg einzuführen. Für diese weichen Werte neben der harten Schufterei in der Abwehrmitte wird Trainer Machulla nun einen geeigneten neuen Mann suchen müssen.

          Aber es war nicht nur der Handball an sich, den Karlsson prägte. Als es rund um das Allstargame Anfang Februar in Stuttgart zwischen dem Nationalteam und einer Bundesliga-Auswahl um das Dauer-Thema Überbelastung ging, hatte Karlsson seine Finger schon im Spiel gehabt. Zusammen mit Andy Schmid von den Rhein-Neckar Löwen und dem Kieler Domagoj Duvnjak hatte er die Verantwortlichen angesprochen und die Sicht der Spieler erläutert. Vor allem der Urlaub sei viel zu kurz, hieß es. Dass sich tatsächlich etwas getan hat und es von 2020 an eine längere Sommerpause geben wird, gilt in Handballkreisen als erstaunlicher Durchbruch.

          Beendet Karlsson seine Karriere mit einem Titel?

          Handball bedeute für ihn Respekt und Toleranz, hat Karlsson gern betont, und dafür hat er sich auch eingesetzt. Bis es der Europäische Verband verbot, trug er als Spielführer der Schweden bei der Europameisterschaft vor drei Jahren in Polen eine Binde in den Regenbogenfarben. Sein unaufdringlicher, beharrlicher Kampf für eine offene Gesellschaft fand in vielen Meinungsäußerungen statt – und in einem bemerkenswerten Statement, als er sich im September 2018 beim Derbysieg der SG Flensburg gegen den THW Kiel in Schuhen mit den Regenbogenfarben und dem Aufdruck „Vielfalt“ zeigte. Das hat nicht jedem in Flensburg gefallen. Karlsson war das gleichgültig. Er hat Haltung bewiesen.

          Nun wird er die große Handball-Bühne verlassen. Vor allem Machulla, der noch mit ihm zusammenspielte, verliert seinen verlängerten Arm, sein Sprachrohr, seine Kontaktperson zum Team. Meistertrainer Machulla wird künftig andere mit großen Aufgaben betrauen, Karlssons Nebenmann Anders Zachariassen vielleicht, soeben mit Dänemark Weltmeister geworden. „Ich verliere den besten Abwehrspieler der Welt“, sagte Machulla. Nicht nur ihn: Neben Karlsson wird auch Spielgestalter Rasmus Lauge im Sommer gehen.

          Bei so viel Trennungsschmerz hilft es, den Alltag im Auge zu behalten. Der ist bezogen auf die Bundesliga mit 40:0 Punkten erfreulich. Deshalb sagte Schmäschke: „Ich wünsche mir, dass Tobias seine große Karriere mit einem Titel für die SG beendet.“ Meister, Pokalsieger und Champions-League-Sieger ist er mit den Flensburgern immerhin schon geworden.

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