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Handball-Star Sander Sagosen : Genie und Gänsehaut

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Kieler Hoffnungsträger: Sander Sagosen Bild: dpa

Sander Sagosen, der weltbeste Rückraumspieler, soll für den THW Kiel die Champions League erobern. Was macht den Handball-Ausnahmekönner so besonders? Und warum beschäftigen sich Wissenschaftler mit ihm?

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          Beiläufig bringt Sander Sagosen Sätze unter, die verdeutlichen, welches Selbstvertrauen ihn antreibt. „Ich spiele Handball, seit ich drei oder vier Jahre alt bin, ich weiß, wie das geht“, oder: „Ich will in der nächsten Saison der beste Spieler der Bundesliga sein, und das möchte ich dann für den Rest meiner Karriere kopieren.“ Oder: „Die besten Handballer spielen selten auf ihrem schlechtesten Level. Ich möchte nie schlecht spielen.“

          Sagosen spricht Englisch, er kann auch Französisch, weil er drei Jahre bei Paris St-Germain spielte. Sein Deutsch reicht für unfallfreien Smalltalk. „Ich konnte nach fünf Tagen hier besser Deutsch als Französisch nach einem Jahr“, sagt er. Zusammen mit seiner norwegischen Freundin Hanna Oftedal wohnt Sagosen citynah und nur einen Spaziergang von der Förde entfernt. Die Kieler Kollegen haben ihre Häuser im Umland, nahe der neuen Trainingsanlage in Altenholz. Sagosen sagt lachend: „Ich habe keine Kinder, was soll ich dort?“ Seit zwei Wochen arbeitet der 24 Jahre alte Norweger jetzt mit den neuen Kollegen. Sagosen sagt: „Ich war so heiß auf das erste Training, den ersten Wurf, und ich kann sagen: Yeah, ich habe nicht alles vergessen!“

          Metropolen haben ihn müde gemacht

          Sein Teamkollege Rune Dahmke ist mit der älteren Oftedal-Schwester Stine zusammen. Das hat den Einstieg beim THW vereinfacht – wobei er sich vom ersten Tag an heimisch fühlte. „Kiel ist meiner Heimatstadt Trondheim ähnlich“, sagt Sagosen, „ich habe es genossen, in Paris zu leben, aber am Ende war ich echt müde, in so einer großen Metropole zu sein. Als andere von Kiel erzählten, dachte ich, das wäre übertrieben, aber hier spüre ich die Liebe zum Handball wirklich an jeder Ecke, und die ganze Organisation atmet Handball.“

          Der Sagosen-Deal und die Hoffnungen, die sich mit dem weltbesten Rückraumspieler verbinden, sind selbst für die Größenordnung des deutschen Rekordmeisters enorm. Mit Sander Sagosen – 195 Zentimeter lang, 95 Kilogramm schwer – als torgefährlichem Spielmacher will der THW die Champions League gewinnen. Es ist eine mutige Ausrichtung der Kieler, eine, die die ganze Bundesliga erfrischen soll, machten die Stars der Szene doch zuletzt einen großen Bogen um die Eliteklasse – zu hart, zu stressig, zu viele Reisen. Sagosen tickt anders, er sagt: „Ich weiß, wie schwierig es ist, Spiele in der Bundesliga zu gewinnen. Deswegen bin ich hier.“

          Er weiß, dass alle auf ihn schauen werden, dass er den Claim „stärkste Liga der Welt“ wahr machen soll, indem Kiel auch europäisch wieder dominiert. Sagosen sagt: „Es ist doch cool, wenn andere das über mich sagen. Ich nehme den Druck an. Ich habe 100 Prozent Vertrauen in meine Qualitäten.“

          Wohin blickt er vor seinem Wurf? Forscher wollen die Handball-DNA von Sander Sagosen entschlüsseln.
          Wohin blickt er vor seinem Wurf? Forscher wollen die Handball-DNA von Sander Sagosen entschlüsseln. : Bild: dpa

          Sagosen hätte Anfang 2019 überall hingehen können, als er sich entschied, seinen im Juni 2020 auslaufenden Vertrag bei PSG nicht zu verlängern. Es gab für ihn einen Hauptgrund: „Ich habe viel gesehen in meiner Karriere, aber das THW-Trikot gibt mir Gänsehaut. Ich komme zu dem Klub, der die größte Handballgeschichte der Welt hat. Das macht mich stolz.“ Die geschätzten 50 000 Euro, die er beim THW brutto im Monat verdienen soll, hätten andere überbieten können.

          Mit seinem Vater, der ebenfalls Nationalspieler war, hat Sagosen schon als Junge THW-Spiele geschaut und sich an der Stimmung in der vollen Halle berauscht. Dahin soll es gehen. In Paris hat sich außer Liebhabern niemand für diesen Sport interessiert. In Kiel, im Norden, ist er Stadtgespräch oder besser: war er Stadtgespräch, vor Corona. Ein kompliziertes Thema. Sagosen sagt: „Ich bin weder Philosoph noch Wissenschaftler. Ich kann nur glauben, was die Verantwortlichen sagen, nämlich dass mit wenigen Zuschauern gestartet wird, es dann mehr werden. Natürlich haben die Klubs Probleme. Es trifft jeden hart. Aber die Menschen werden hungrig sein, wieder in die Halle zu kommen. Und dann werden wir da sein.“ Das erste Pflichtspiel des THW soll der Supercup gegen die SG Flensburg-Handewitt Ende September sein.

          Im Fokus der Wissenschaft

          Sander Sagosens Eltern haben seine Karriere behutsam aufgebaut. Schon als Zehnjähriger galt er als Ausnahmetalent. Früh versuchte er sich als Auslandsprofi, in Aalborg in Dänemark. Mit 21 Jahren wagte Sagosen den Schritt nach Paris. Unter Trainer Noka Serdarusic, neben Nikola Karabatic und Mikkel Hansen reifte Sagosen zum besten Angriffsspieler der Gegenwart. Davon profitiert die ganze Sportart: Durch vordere Plätze bei den vergangenen Großturnieren ist in Norwegen jetzt auch der Männerhandball in. Die Frauen waren schon lange gut und beliebt. Den Karren zieht Sander Sagosen – scheinbar mühelos. Er sagt: „Ich möchte den Handball vorantreiben. Aber ich sitze nicht im Marketing. Mein Job ist, Spieler zu sein. Mein bestes Argument, um Handball größer zu machen, ist, gut zu spielen. In Norwegen hat das funktioniert.“

          Zuletzt haben norwegische Wissenschaftler sogar vermessen, wohin er guckt, bevor er wirft, um die Handball-DNA des Genies zu entschlüsseln. Man findet die Bilder im Internet. Heraus kam, dass sich Sagosen bei Würfen und Spielzügen vor allem auf seinen Instinkt verlässt, dazu natürlich auch von Wurfhärte und Absprunghöhe profitiert. Er sagt: „Der Schlüssel vieler Topathleten ist, nicht zu viel zu denken.“

          Sagosen, ein Superstar? Das findet er albern. „Ich habe noch nie eine Mütze aufgesetzt, um nicht erkannt zu werden. Es geht nicht darum, dass ich mich toll finde, weil ich in etwas besser bin als die meisten Menschen. Ich weiß nämlich, dass ich in vielen anderen Dingen nutzlos bin“, sagt er laut lachend. Und fügt an: „Es kommt eine Zeit nach der Karriere, und da bringt mir Prahlerei gar nichts, wie toll ich mal Handball gespielt habe. Es geht im Leben auch darum, ein feiner Mensch zu sein.“

          Feiner Mensch, großer Sportler, in Trainer Filip Jichas Team soll Sagosen den Unterschied ausmachen zu Paris, Barcelona, Veszprem. Er und Domagoj Duvnjak als Anführer: Viel mehr geht nicht. Kiel startet als großer Favorit in die neue Bundesliga-Saison. Sagosen sagt: „Ich bin 100 Prozent sicher, dass wir Meister werden, aber es wird schwierig, auch für mich. Ich komme in ein neues Land, eine neue Liga, eine neue Mannschaft.“ Nüchtern klingt das, respektvoll der Konkurrenz gegenüber, aber keineswegs nach Selbstzweifeln.

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