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Doku auf „Amazon Prime“ : Hier ist nur Handball – aber wie!

  • -Aktualisiert am

Nah am Team: Innenansichten aus der Umkleide Bild: SG Flensburg-Handewitt/Semicolon

Die Doku-Serie „Inside SG Flensburg-Handewitt“ präsentiert einen ehrlichen und emotionalen Blick auf den Sport. Firlefanz und Glamour sind anderswo.

          3 Min.

          Für Johannes Golla hatte der Umstand, dass über seine Kollegen und ihn nun ein Film gedreht werden sollte, zunächst ganz praktische Folgen: „Es ist sehr eng in unserem Bus und der Kabine. Und plötzlich waren noch zwei mehr da.“ Die Mannschaft habe sich aber schnell an die beiden „Neuen“ vom Produktionsteam gewöhnt, schiebt Golla hinterher: „Es sind sehr angenehme Menschen. Wir haben irgendwann nicht mehr gemerkt, dass sie dabei sind.“ Kreisläufer Golla ist einer der Hauptdarsteller des Sechsteilers „Inside SG Flensburg-Handewitt“. Die erste Folge läuft an diesem Freitag beim Streamingdienst „Amazon Prime“.

          Handball als mehrteilige Sport-Doku? Geht das? Den Wunsch, sich zu öffnen, mehr zu zeigen als bei den bekannten Übertragungen der Bundesligaspiele, hatte die SG selbst. Ein Geschäftsstellen-Mitarbeiter kannte jemanden bei „Amazon Prime“, stieß dort auf offene Ohren. Das Ganze kam ins Rollen. „Das müssen wir machen!“, sagte Trainer Maik Machulla. Johannes Golla ergänzt: „Wir haben es sofort als Chance für den Verein und den Handball an sich erkannt. Es war klar, dass wir alle mitziehen.“ Also ließen sich die Flensburger ein knappes Jahr lang begleiten. Vom ersten Spiel in Melsungen bis zum letzten bei den Füchsen Anfang März – dann kamen Corona und der Abbruch. Natürlich hätte er lieber bis nach dem 34. Spieltag gefilmt, sagt Produzent Stefan Kleinalstede: „So war es ein unbefriedigendes Ende. Wir hätten gern gezeigt, wie die SG am Schluss der Saison etwas gewinnt oder verliert.“

          „Handball braucht keine Effekthascherei“

          Im Unterschied zu Dokumentationen aus der Welt des Fußballs verzichten diese sechsmal 45 Minuten auf Heldenverehrung. Dazu sagt Johannes Golla: „Viele haben ja keine Vorstellung, wie unser Alltag aussieht. Jetzt sieht man, dass wir trainieren, im Bus sitzen, spielen, zum Arzt gehen – es ist gar nicht spektakulär.“ Er selbst schaut gern Serien, hat „The Last Dance“ über Michael Jordan und die Chicago Bulls gesehen: „Die waren ja Rockstars. Das sind wir nicht.“ Golla mit Fischbrötchen am Hafen, Kapitän Lasse Svan beim Familien-Frühstück in Handewitt, Göran Sögard kauft Obst auf dem Südermarkt. Jim Gottfridsson unterschreibt seinen neuen Vertrag. Die Norweger beim Deutschunterricht. Produzent Kleinalstede sagt: „Handball braucht keine Effekthascherei.“

          „Inside SG Flensburg-Handewitt“ funktioniert, weil Machulla seine Türen öffnet. Die starken Szenen spielen in der Heim-Kabine, den Halbzeit-Pausen und der schlichten Trainingshalle. Besonders, wenn es nicht läuft. Wenn Machulla den Halblinken Michal Jurecki wegen schlampiger Pässe anschnauzt und das Training abbricht: „Fuck“, ruft der Trainer, „wir müssen nicht immer etwas Geiles machen! Sondern einfach spielen! Und Tore machen!“ Wenig später schaltet Machulla in normale Tonlage um. Die Spielzüge laufen. Oder nach der heftigen Pokal-Niederlage gegen Hannover-Burgdorf, als der neue Kapitän Lasse Svan die Mitspieler anfährt: „Wir dürfen fucking Handball spielen als Arbeit – wisst ihr, wie privilegiert ihr seid? Das, was wir heute gemacht haben, war nicht SG Flensburg-Handewitt!“

          Nah an der Mannschaft sein

          Man sieht der Mannschaft beim Wachsen zu und lernt Charaktere besser kennen – so funktionieren Serien. Lücken füllen sich, die die Anführer Tobias Karlsson (Karriere-Ende) und Rasmus Lauge (nach Veszprém) hinterlassen haben. Da ist manches bedächtig erzählt. Geduld ist vonnöten. Die Dynamik des Handballs entfaltet sich in den vielen Spielszenen: unterlegt mit hartem Hip-Hop kracht und scheppert es, oft in Zeitlupe, wenn die SG bei den Löwen siegt, nachdem sie zwei Tage vorher in Ludwigshafen verloren hat. Würfe, Paraden, Fouls, Stürze, Freude. Im Auge des Orkans Machulla, meist ruhig, selten wild: Das ist gute Werbung. Diese Bilder wecken Sehnsüchte – volle Ränge, Jubel mit den Anhängern, Fans zu Tausenden am Einlass: Handball aus den Zeiten vor der Pandemie.

          Bodenständig, respektvoll, schlau, bescheiden, höflich. So habe er die Handballspieler erlebt, sagt Kleinalstede. „Ihr Beruf ist für sie mehr als ein Job“, sagt er, „deswegen sind sie am Ende auch traurig: Man hat ihnen weggenommen, was sie am liebsten machen.“ Kleinalstede ist beeindruckt von dieser Einstellung, und der Pragmatismus hat ihn verblüfft: Als der verdiente Veteran Holger Glandorf realisiert, dass Corona ihm einen Strich durch die geplante Verabschiedung macht, sagt er lapidar: „Es gibt wichtigere Sachen als mein Abschiedsspiel.“ Überhöhung, Firlefanz und Glamour sind anderswo. Hier ist nur Handball. Wem das reicht, sollte ab Freitag zuschauen.

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