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Handball-Profi Kohlbacher : Ein Turner am Kreis

  • -Aktualisiert am

Hängt sich rein: Nationalspieler Kohlbacher von den Rhein-Neckar Löwen. Bild: dpa

Jannik Kohlbacher ist ein Athlet, der auch von seiner turnerischen Ausbildung lebt. Das Attribut „Kreisläufer der Zukunft“ will der Handballer von den Rhein-Neckar Löwen dennoch hinter sich lassen. Das hat einen Grund.

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          Es ist eine Sache von Millimetern. Den getippten Pass an den Kreis fischt Jannik Kohlbacher mit einer Hand zwischen zwei gegnerischen Riesen weg. Er dreht sich blitzschnell, springt ab und wirft den Ball ins Tor. Sechs Treffer sind dem „nur“ 193 Zentimeter langen Kreisläufer der Rhein-Neckar Löwen am Samstagabend beim umjubelten 29:28 in Veszprem gelungen. Und das gegen Kerle im Abwehrzentrum, die zehn Zentimeter größer sind. Nach Siegen gegen Barcelona, Brest, Kristianstad und nun Veszprem steht der Handballverein aus Mannheim sehr gut da in der Champions League. An diesem Mittwoch (19.00 Uhr) sollen gegen Titelverteidiger Montpellier die nächsten Punkte hinzukommen.

          Kohlbacher hatte in seiner Begründung für den Wechsel von der HSG Wetzlar zu den Löwen ausdrücklich darauf hingewiesen, wie sehr er sich auf das Zusammenspiel mit Andy Schmid freue. Der Regisseur liebt das Zusammenspiel mit dem Kreis. Und nun, da Hendrik Pekeler zum THW Kiel gegangen war, kam Kohlbacher, ein anderer Typ des Ringkämpfers am Kreis. Kleiner, aber wendiger und mit sehr viel Wucht. Athletisch ist Kohlbacher schon mit 15 Jahren gewesen, als er 1,90 Meter lang war. Hinzu kommt eine turnerische Ausbildung, die es ihm erlaubt, Drehungen und Absprünge auf engstem Raum derart zu balancieren, dass er den Verteidigern knapp über dem Hallenboden entwischt und trotzdem eine gute Höhe für seine Würfe erreicht. Schmid hat Pekeler oft und gern mit einem hohen Pass angespielt.

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          Bei Kohlbacher ist es der nicht minder riskante Tipp-Pass, der aber, gut einstudiert, auch hünenhafte Deckungen verblüffen kann. Ein gar nicht so kleines Kraftpaket ist dieser 23 Jahre alte Handballprofi. Und ein Spieler, der schon in seinen Jahren als DHB-Nachwuchsakteur immer mit dem Attribut „Kreisläufer der Zukunft“ versehen wurde, weil er die nötige Kraft mitbrachte. Inzwischen wiegt er über 110 Kilogramm. So gern hört Kohlbacher die Belobigung nicht, klingt sie doch, als sei er kein Mann der Gegenwart. Eher ein Talent. Dieses Stadium hat der Athlet aus Birkenau im Odenwald aber längst hinter sich gelassen.

          Und dreht sich frei: Kohlbacher ist ein Kreisläufer von besonderer Güte.
          Und dreht sich frei: Kohlbacher ist ein Kreisläufer von besonderer Güte. : Bild: dpa

          Über die Stationen Leutershausen und Großwallstadt kam Kohlbacher nach Wetzlar. Wie andere spätere Nationalspieler genoss er die besondere Aufmerksamkeit Kai Wandschneiders. Der Trainer hat schon viele Talente zu Stammspielern der Bundesliga gemacht. „Ich hatte in Wetzlar das Vertrauen des Trainers, die unbestrittene Nummer eins zu sein“, hat Kohlbacher gegenüber dem Magazin „Handball Inside“ gesagt.

          Nach drei Jahren bei Wandschneider tat sich im Sommer eine Lücke bei den Rhein-Neckar Löwen auf, als klarwurde, dass Pekeler den Klub verlassen würde. Die Löwen sind für cleveres und frühzeitiges Kadermanagement bekannt und schlugen bei Kohlbacher zu. Nun wohnt er im Heidelberger Stadtteil Rohrbach und hat es weder weit zum Training noch nach Hause, wo die Eltern und der Großvater seine Karriere seit langem fördern und begleiten. Dass er sich so gut eingefügt hat und im Schnitt sechs Tore pro Bundesligaspiel erzielt, freut nicht nur Geschäftsführerin Jennifer Kettemann und den Sportlichen Leiter Oliver Roggisch, sondern auch Trainer Nikolaj Jacobsen. „Jannik ist auf dem Weg, der beste deutsche Kreisläufer zu werden“, lobt Jacobsen, dem besonders die Professionalität und der Behauptungswille Kohlbachers gefallen.

          Dahin allerdings ist der Weg steinig. Deutlich größer und erfahrener sind die Kollegen in der Nationalmannschaft. An Finn Lemke, Pekeler und Patrick Wiencek kommt Kohlbacher nur schwer vorbei; Pekeler und Wiencek gelten im Innenblock als gesetzt, Lemke ist in entsprechender Form ein überragender Abwehrspieler und Motivator. Kohlbacher kann sich in der Deckung behaupten, hat durch die fehlende Länge aber Nachteile. Es wird spannend, wen Bundestrainer Christian Prokop für die Weltmeisterschaft auswählt. Aus dem Kreis der Genannten ist Kohlbacher der Einzige, der in der Champions League spielt. Gerade das ist eine neue Herausforderung. Auswärtsreisen, die sich über drei Tage strecken, der harte Kampf am Kreis gegen ausländische Abwehrstars und überragende Torhüter wie zuletzt Arpad Sterbik: Kohlbacher lernt dazu und saugt alles auf.

          Dass der Druck bei einem Titelanwärter genauso groß ist wie bei einem Abstiegskandidaten, hat Kohlbacher in der vergangenen Woche erfahren. Anführer Schmid war unzufrieden mit Form und Spielweise der Löwen und sprach das im „Mannheimer Morgen“ aus. So äußern sich hohe Ansprüche, denn Schmid und Co. sind in allen Wettbewerben aussichtsreich im Rennen. Prompt folgten überzeugende Siege beim Bergischen HC und als Sahnehäubchen beim KC Veszprem – auch dank der Tore Kohlbachers.

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