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Handball-Nationalmannschaft : Das Ja zum Trauzeugen

  • -Aktualisiert am

Der neue Handball-Bundestrainer: Alfred Gislason Bild: dpa

Eine erstaunliche Wendung im Handball: Uwe Schwenker macht Alfred Gislason in aller Eile zum Bundestrainer. Der Isländer soll nun der große Fels sein.

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          Es muss eine kuriose Situation gewesen sein, die Alfred Gislason am Montagnachmittag auf einem Berliner Flughafen erlebte. Der 60 Jahre alte Handball-Lehrer hatte in Moskau mit dem russischen Verband über ein Engagement verhandelt; dort wird der Nachfolger des zurückgetretenen Eduard Kokscharow gesucht. Weitgehend handelseinig sei man gewesen, sagte Gislason. Doch kaum zurück in Deutschland, meldete sich Uwe Schwenker am Smartphone: „Wir müssen reden!“ Aus diesem Telefonat kam eine Personaldiskussion in Gang, die den Handball bewegt, besser: schwer durchschüttelt.

          Am Donnerstagabend trennte sich der Deutsche Handballbund (DHB) von Bundestrainer Christian Prokop und installierte Gislason. Der Isländer soll die Deutschen über das Olympia-Qualifikationsturnier vom 17. bis 19. April in Berlin gegen Slowenien, Schweden und Algerien nach Tokio führen.

          Plötzlich ist eine Entwicklung in Gang gebracht, die vor vier Wochen utopisch schien: Plötzlich steht Schwenker nach Jahren am Rande der Szene im grell ausgeleuchteten Mittelpunkt des Interesses, war er doch derjenige, der den DHB überhaupt erst darauf brachte, dass Eile geboten sei: „Ich habe am Montag auf der Präsidiumssitzung des DHB gesagt, dass Alfred Gislason am Ende der Woche nicht mehr zur Verfügung steht. So ging die Tür für ihn auf.“

          So wurde Schwenker, der Präsident des Ligaverbandes HBL mit Sitz im DHB-Präsidium, zum Spin-Doctor – und er genoss diese Rolle am Freitag bei Gislasons Vorstellung in Hannover. In der Deutlichkeit seiner Aussagen stellte er alle anderen auf dem Podium in den Schatten: „Wir haben einen Philosophiewechsel im DHB. Wir hatten einen jungen Systemtrainer, jetzt haben wir einen souveränen, charismatischen Trainer, der wie ein Fels in der Brandung steht. Wir haben im Vergleich mit der Weltspitze keinen Unterschiedsspieler in der Nationalmannschaft. Jetzt haben wir einen Unterschiedstrainer.“ Es ist eine erstaunliche Wendung, dass Schwenker seinen Trauzeugen nun zum Bundestrainer gemacht hat.

          Eile um Gislason brachte Stein ins Rollen

          Während Gislason souverän wirkte und Schwenker mit viel Energie die Szenerie bestimmte, verhielt sich die fünf Mann starke DHB-Führungsriege defensiv, fast kleinlaut. Das Präsidium hatte am Montag gegen einen Verbleib Prokops gestimmt, die genauen Mehrheitsverhältnisse wollte Andreas Michelmann nicht verraten. Dem Präsidenten und seinem Vize Bob Hanning blieb es überlassen, Prokop in einem Telefonat am Donnerstag zu unterrichten. Prokop sei überrascht, ja, entsetzt gewesen, berichtete Michelmann. „Es tut mir leid für Christian“. Beim DHB hatte Prokops fachliche Analyse nach der EM keine Notwendigkeit zum Handeln hervorgerufen: „Seine Präsentation ist ihm nicht auf die Füße gefallen“, sagte Sport-Vorstand Axel Kromer. Gleichwohl hatte der DHB tags zuvor seine eigene Analyse als Trennungsgrund genannt. Es war die Eile um Gislason, die den Stein ins Rollen brachte.

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