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Handballer „Mimi“ Kraus : Der Sündenbock darf wieder ran

  • -Aktualisiert am

Erst aussortiert, nun zurückgeholt: Michael Kraus Bild: dpa

Im Alter von 30 Jahren spielt der Handball-Chaot Michael Kraus wieder für die Nationalmannschaft. „Als mich der Bundestrainer anrief, gab es kein Überlegen“, sagt er. Heute spielt er erstmals wieder im Test gegen Ungarn (19 Uhr).

          Die Laune ist wie immer bestens. „Wir machen viel Taktiktraining“, erzählt Michael Kraus fröhlich, „das ist etwas erholsamer als Krafttraining mit der Langhantel.“ Keine Frage, was Kraus besser gefällt. Überhaupt scheint er sich gerade richtig wohl zu fühlen in der niedersächsischen Stadt Cloppenburg. Zurück in der deutschen Handball-Nationalmannschaft, eine Wiedervereinigung mit 30 Jahren - kaum einem gelingt es so eindrucksvoll wie dem ewig zuversichtlichen Kraus, Misstöne und Verstimmungen der Vergangenheit einfach wegzuschieben und fröhlich den x-ten Neubeginn auszurufen: „Als mich der Bundestrainer anrief, gab es kein Überlegen“, behauptet Kraus, „jeder, der mich kennt, weiß, dass ich durch und durch Nationalspieler bin.“ Kraus hat mit der Nationalmannschaft Erfolge gefeiert und Demütigungen erlitten; zuletzt schlug das Pendel klar in die letzte Richtung aus. Aus dem Hoffnungsträger war ein Sündenbock geworden.

          Dass Kraus nun, wo es lichterloh brennt im deutschen Handball, zurückkehrt, als sei nichts gewesen, spricht zunächst einmal für ihn. Forderungen will er keine stellen: „Ich bringe da nichts durcheinander, halte mich erst einmal zurück und schaue es mir an.“ Der Deutsche Handballbund (DHB) in Person von Präsident Bernhard Bauer, Vizepräsident Bob Hanning und Bundestrainer Martin Heuberger mobilisiert gerade alles, um die Spiele gegen Polen im Juni zu gewinnen. Setzt sich Heubergers Sieben in Danzig und Magdeburg durch, darf sie zur WM nach Qatar 2015.

          Im Verein hat Kraus sein Ziel verpasst

          Weil die Karte Jugend ihm dann doch zu wenig stichhaltig erschien, hat sich Heuberger auf sanften Druck von oben entschlossen, die Karte Erfahrung auszuspielen. Torwart Johannes Bitter ist wieder da, und seit Montag nach fast dreijähriger Pause eben auch „Mimi“ Kraus. Am Freitag in Oldenburg (19 Uhr, live bei Sport1) und am Samstag in Lingen gegen Ungarn wird Kraus also in seinen Länderspielen 114 und 115 auflaufen. Dass sein Vereinskollege Tim Kneule dann mit ihm spielen wird, ist nur ein Kuriosum der Rückholaktion. Denn bei Frischauf Göppingen hat Kraus zwar eine ordentliche Saison gespielt - er hat viele Tore geworfen und sich zuletzt deutlich gesteigert -, aber auf der Spielmacherposition gilt Kneule in Göppingen und beim DHB (notgedrungen) als Nummer eins, vor allem auch, weil er in der Abwehr spielen kann.

          Kneule und Kraus haben sich mal abgewechselt, mal gemeinsam gespielt (Kraus weicht dann in den linken Rückraum aus). Göppingen hat eine schwache Saison mit vielen knappen Niederlagen hinter sich; Trainer Velimir Petkovic musste gehen. Und Kraus hat sein Ziel deutlich verpasst, Frischauf in den europäischen Wettbewerb zu führen. Aber da hatte er den Mund nach seinem Wechsel vom HSV ohnehin zu voll genommen.

          Schöne Vergangenheit: Kraus beim WM-Titelgewinn 2007 mit Torwart Johannes Bitter

          Im DHB-Team nun symbolisiert Kraus die anhaltende Unzufriedenheit mit den Regisseuren, seit Markus Baur nicht mehr spielt. Michael Haaß, Tim Kneule, Martin Strobel - keiner von ihnen hat die Klasse eines formstarken Michael Kraus. Er ist an guten Tagen torgefährlich, schnell, überraschend, beweglich, unerschrocken. Der letzte richtig gute Tag war allerdings der 2. Juni 2013. Da machte er den HSV Hamburg nach grandiosem Schlussspurt zum Champions-League-Sieger gegen Barcelona. Stetigkeit war nie seine Stärke.

          Als Wunderheiler taugte Kraus nie

          Schon beim HSV hatte Kraus die Rolle inne, die auch Heubergers Drehbuch für ihn vorsieht: Joker, nicht Stammkraft. Womöglich kann Kraus damit besser umgehen. Mal ein Siebenmeter, mal fünf Minuten als Muntermacher im deutschen Rückraum. Heuberger sagt: „Mimi soll uns mit seiner Erfahrung weiterhelfen.“ Als Wunderheiler hat Kraus nie getaugt. Er war lange Jahre das Talent, das große Erwartungen weckte, die dann unerfüllt blieben. 2007 bei der Heim-WM faszinierte er gegen Frankreich, danach folgte ein Auf und Ab unter Heiner Brand.

          Sein größter Förderer kritisierte ihn öffentlich besonders heftig. Ernannte ihn zum Kapitän, sortierte ihn aus. Dem Vorwurf der fehlenden Professionalität leistete Kraus durch Verfehlungen Vorschub. Wenn er mal die Sportschuhe vergaß, bei der Abreise fehlte oder seinen Porsche zu Schrott fuhr - es stand in der Zeitung. „Nicht alles war gerecht“, sagt Kraus heute, „aber ich komme damit klar.“ Seinerseits war einiges ungeschickt: Als er im Sommer 2013 seine Abiturprüfungen den Qualifikationsspielen gegen Montenegro vorzog, schüttelten die Verantwortlichen den Kopf. „Ich musste damals leider die Voraussetzungen für meine Zukunft schaffen“, sagt Kraus, „die Prüfungen waren nicht länger zu verschieben.“

          Ohne ihn verlor Deutschland und verpasste letztlich die EM. „Ich bin grundlegend positiv“, sagt Michael Kraus dieser Tage wieder, „wenn man seine Aufgaben mit Optimismus angeht, fällt vieles leichter.“ Der Nationalmannschaft könnten Johannes Bitters Ernsthaftigkeit und Michael Kraus’ Zuversicht das entscheidende Stückchen weiterhelfen.

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