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Handball-Nationalmannschaft : Baur fehlt, Schwarzer kommt wieder zurück

  • -Aktualisiert am

Ersatzführungsfigur für Baur: Christian Schwarzer Bild: REUTERS

Die deutschen Handball-Weltmeister müssen ohne ihren „Chef“ Markus Baur zu den Olympischen Spielen nach Peking. Dafür hat Bundestrainer Heiner Brand mal wieder Christian Schwarzer aus dem Hut gezaubert.

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          Es werden lange und anstrengende Wochen für die deutsche Handball-Nationalmannschaft bis zum 8. August, wenn in Peking die Olympischen Spiele beginnen. Am Montag hat die Auswahl von Bundestrainer Heiner Brand ihre Vorbereitung auf das olympische Turnier aufgenommen, traditionell mit einem Konditionslehrgang in der Sportschule Kamen. Doch es geht nicht nur um Kondition und Kraft. Es gilt in diesen rund zwei Monaten bis zu den Olympischen Spielen, eine Leerstelle zu füllen.

          Es ist eine prominente Leerstelle in der Mitte des deutschen Spiels. Seit bekannt ist, dass Markus Baur, Regisseur, Siebenmeterschütze und Kopf der Mannschaft, aufgrund seiner Verpflichtungen als Trainer beim TBV Lemgo in Peking fehlen wird, ist Brand auf der Suche nach einer Lösung. Es wird eine Notlösung sein, denn das deutsche Team kann auf den 37 Jahre alten Anführer eigentlich nicht verzichten.

          Brand: „Ich hätte das Ganze lieber früher gewusst“

          Brand weiß das natürlich, und man hört immer noch den Ärger heraus, wenn man sich mit ihm über die Personalie Baur unterhält, die ihn seit Anfang Mai beschäftigt. „Es gibt im Nachhinein nichts mehr zu sagen“, meint Brand, „aber natürlich hätte ich das Ganze lieber früher gewusst. Da hat es wohl ein Kommunikationsproblem gegeben.“

          Bundestrainer Heiner Brand mit Krone: Der Weg bis zur Krönung in Peking ist noch weit
          Bundestrainer Heiner Brand mit Krone: Der Weg bis zur Krönung in Peking ist noch weit : Bild: REUTERS

          Noch im Januar bei der Europameisterschaft in Norwegen war Brand fest davon ausgegangen, dass Baur trotz fehlender Spielpraxis als Trainer des TBV Lemgo auch im Sommer für Deutschland aktiv sein werde - so war es zwischen Brand, Baur und dem Klub abgesprochen. Doch je näher das Turnier rückte, desto weniger wollte man sich beim TBV an die Vereinbarung erinnern.

          „Durch das Fehlen von Markus Baur sind unsere Aussichten gewiss nicht gestiegen“

          Zwischen dem Ende des olympischen Turniers und dem Beginn der Bundesliga-Saison 2008/2009 liegen gerade mal zehn Tage - wäre Baur nach Peking gereist, hätte der durch den Sponsor Heristo (mit rund zwei Millionen Euro pro Jahr) hochgepäppelte TBV die unmittelbare Saisonvorbereitung ohne den Trainer durchziehen müssen. Das wäre schlichtweg unprofessionell gewesen. Aber so lautete eben die Absprache. Offiziell hat Brand Verständnis für Baur: „Markus hätte von Beginn an unter Druck gestanden. Das hätte keinem geholfen.“

          Der Trainerposten in Lemgo ist einer der interessantesten der Liga, und viele gute, junge deutsche Trainer gibt es nicht. Doch für die Ambitionen der Nationalmannschaft ist das Fehlen des „Chefs“ Baur ein herber Rückschlag. Brand sagt: „Wir wollen in Peking ganz nach oben, das wollen sieben bis acht andere aber auch. Durch das Fehlen von Markus Baur sind unsere Aussichten gewiss nicht gestiegen.“ Die Entscheidung der Lemgoer hätte er gerne früher erfahren, sagt Brand, um womöglich schon in Norwegen einen anderen Spielmacher unter Wettkampfbedingungen auszuprobieren.

          Michael Kraus muss sich beweisen

          Aber wen? Ohne Baur ist Michael Kraus, ebenfalls Lemgo, die erste Wahl. Doch der 24 Jahre alte Göppinger hat eine durchwachsene Saison hinter sich und oft nicht in der Mitte, sondern im linken Rückraum gespielt. Er ist auch kein Führungsspieler. „Für ihn gilt nach wie vor, dass er sich weiterentwickeln muss“, sagt Brand mit aller Vorsicht. In seiner Not hat der Bundestrainer den 31 Jahre alten Wilhelmshavener Regisseur Oliver Köhrmann nachnominiert, der zur neuen Serie zum TV Großwallstadt wechselt. „Er kann ein Spiel lenken“, sagt Brand, „aber er hat kaum Erfahrungen auf diesem Niveau.“

          Als Männer dahinter gelten der Balinger Martin Strobel, 21 Jahre alt, und der Mindener Michael Haaß, 23 Jahre alt. Strobel wäre eine spannende, weil überraschende Option, Haaß konnte sich zuletzt bei den Rhein-Neckar-Löwen nicht durchsetzen. Die deutsche Mitte ist zur Problemzone geworden. „Als die Mannschaft vom Fehlen Markus Baurs gehört hat, war die erste Reaktion Betroffenheit“, sagt Brand. „Ich hoffe jetzt, dass wir noch enger zusammenrücken.“ Das muss das Team auch, um überhaupt eine Medaillenchance zu haben. Es gibt viele Sorgenkinder: Christian Zeitz und Lars Kaufmann haben als Ergänzungsspieler für den Rückraum schwache Spielzeiten voller Verletzungen hinter sich; Hoffnungsträger Oleg Velyky wird nach seinem Kreuzbandriss nicht spielen können.

          Christian Schwarzer als Ersatz-Führungsfigur

          Immerhin kann Brand nun doch wieder auf Kreisläufer Christian Schwarzer bauen, der - wenn auch in anderer spielerischer Funktion - eine Führungsfigur wie Baur ist. Der Bundestrainer hat den 38 Jahre alten Kreisläufer am Dienstag in seinen Olympiakader berufen und holt den Weltmeister damit zum zweiten Mal nach der Heim-Weltmeisterschaft 2007 aus dem internationalen Ruhestand in die Nationalmannschaft zurück. „Ich habe mich entschlossen, Christian Schwarzer als Kreisläufer für Peking zu nominieren“, sagte Brand.

          Schwarzer soll am 9. Juli zum Lehrgang in Meran/Südtirol zur Mannschaft stoßen und dürfte damit sein Peking-Ticket in der Tasche haben, da ein reines „Trainings-Comeback“ kaum vorstellbar ist. Eine Woche Bedenkzeit benötigte Schwarzer, dann gab er Brand die Olympia-Zusage. „Das war äußerst schwierig“, sagt Schwarzer, der zunächst Bedenken hatte, einem jüngeren Spieler den Platz wegzunehmen: „Auf der anderen Seite will ich natürlich der Mannschaft helfen und Heiner nicht im Stich lassen. Ich habe gesagt, dass ich bereit bin, wenn Not am Mann ist. Jetzt werde ich zu meinem Wort stehen.“

          Es gibt wenig Wechselmöglichkeiten für Brand und kaum Erholung für die gesetzten Spieler Glandorf, Hens, Jansen, Kehrmann und Roggisch. Ein bisschen Hoffnung schöpft Brand daraus, dass es vor den großen Turnieren immer geklemmt und gehakt hat bei den Deutschen. „Wir hatten ja immer mit Widrigkeiten zu tun und sind gut damit zurechtgekommen“, sagt er, „ich lasse mich gern positiv überraschen.“ Doch ein wenig fürchtet auch Brand, dass der schöne deutsche Handball-Boom nach den Spielen von Peking erst einmal beendet sein könnte.

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