https://www.faz.net/-gtl-a8n1d

Handballtrainer nach Hamburg : Schwalb zieht es zu seinem Baby zurück

  • -Aktualisiert am

Der Chef: Schwalb wird ein intaktes Team in Mannheim übergeben. Bild: EPA

Unter Martin Schwalb waren die Rhein-Neckar Löwen auf dem Weg, wieder ein Spitzenteam zu werden. Doch nun kehrt der Handballtrainer plötzlich nach Hamburg zurück. Dort wartet bereits ein altes Herzensprojekt auf ihn.

          3 Min.

          Am Telefon wirkt Martin Schwalb frisch und voller Tatendrang. Am Sonntag Bundesliga, Dienstag und Donnerstag Europapokal, nächsten Sonntag das Liga-Spitzenspiel seiner Rhein-Neckar Löwen gegen die Füchse Berlin: Für solche Wochen ist Schwalb Handballtrainer geworden. Dass der Spielplan wegen vieler coronabedingter Ausfälle dicht gedrängt ist, will er nicht beklagen: „Viele andere Menschen kämpfen um ihre Existenz. Wir dürfen unseren Beruf ausüben. Da werden wir nicht jammern, dass wir ein Spiel mehr haben.“

          Wissen war nie wertvoller

          Sichern Sie sich mit F+ 30 Tage lang kostenfreien Zugriff zu allen Artikeln auf FAZ.NET.

          JETZT F+ LESEN

          Diese Haltung des 57 Jahre alten Handballlehrers hat den Löwen gutgetan. Ausreden verboten. Konzentration auf das Kerngeschäft. Alle hören auf des Trainers Kommando. Das war unter Schwalbs Vorgänger Kristján Andrésson anders. Der Bundesliga-Neuling musste sich den Respekt der erfahrenen Mannschaft verdienen. Ehe es so weit kommen konnte, hatte ihn die Löwen-Führung um Geschäftsführerin Jennifer Kettemann und Sportchef Oliver Roggisch schon entlassen – Schwalb übernahm vor einem Jahr mit dem Spiel der Löwen in Kiel.

          „Alles andere als eine normale Saison“

          Was dann kam, ist bekannt. Und war ein Grund dafür, dass Schwalb sein Engagement bei den Löwen nicht mehr verlängert hat. Er sagt: „Mir macht es einen Riesenspaß hier. Doch Handball lebt von Emotionen auf den Rängen, von der Intensität des Zusammenseins in der Kabine, vom Teamgeist. Davon fehlt vieles in diesen Zeiten. Auf der anderen Seite kommen viele Themen in die Mannschaft rein. Wir hatten selbst Corona-Fälle im Team. Die Jungs haben viel Zeit, nachzudenken. Es ist schon anstrengend. Es ist alles andere als eine normale Saison.“

          Es ist keine allzu gewagte These, dass Schwalb ohne die Pandemie bei den Löwen weitergemacht hätte. Kettemann und Roggisch waren sehr dafür und sollen dem Vernehmen nach überrascht gewesen sein, als ihnen Schwalb im Januar sagte, dass er nach Hamburg zurückkehren werde. Denn mit Schwalb rafften sich die verstärkten, verjüngten Löwen auf, wieder ein Spitzenteam zu werden, standen Ende 2020 sogar an der Spitze der Tabelle – ehe Niederlagen wie die am Sonntag in Göppingen den großen Wurf vorerst verhinderten.

          „Ich sehe meine Arbeit hier total positiv“

          Nach vorn gebracht hat Schwalb dieses Team im Umbruch trotzdem, gerade im Tempospiel. „Ich sehe meine Arbeit hier total positiv“, sagte Schwalb, „diese Entscheidung ist nicht gegen die Löwen getroffen, sondern für die nächsten zehn Jahre.“ Die sollen vom Sommer an in Hamburg weitergehen, wo Schwalbs Frau und Sohn leben.

          Hamburg? Deutscher Meister war Schwalb in seinen acht Jahren als Trainer mit dem HSV, Champions-League-Sieger. Als der Verein 2016 nach 13 Jahren Bundesliga in der Insolvenz verschwand, wollte Schwalb das nicht hinnehmen, gründete und baute mit eigenem und dem Geld von Freunden einen neuen Verein in der dritten Liga auf: den Handball Sport Verein Hamburg, kurz ebenso: HSV. „Das ist mein Baby“, sagt er. Seinen Posten als Vizepräsident ließ er mit dem Engagement bei den Löwen ruhen. Und natürlich war da immer der Blick auf die zweite Liga, in der der HSV seit 2018 spielt und derzeit ziemlich überraschend einen Aufstiegsplatz innehat.

          Frischer Wind beim HSV Hamburg

          Schon jetzt zeichnet sich ab, dass von der Saison 2021/22 an frischer Wind ins Projekt HSV kommen wird. Am Montag gab Nationaltorwart Johannes Bitter bekannt, dass er zur neuen Spielzeit vom TVB Stuttgart nach Hamburg wechseln werde – beim alten HSV hatte Bitter neun Jahre gespielt. Torwart Bitter, Trainer Torsten Jansen, beide Weltmeister von 2007, dazu Schwalb als Vizepräsident und vielleicht auch als etwas mehr, wenn er sagt, er sehe seine Rolle in der Entwicklung eines Vereins: da steht dann schon einiges bereit, um nächste Saison drin zu bleiben oder hochzugehen, sollte der Aufstieg dieses Mal doch noch misslingen, was in der ausgeglichenen zweiten Liga vorkommen kann.

          „Der HSV steht auf einem breiten Fundament, das ist keine One-Man-Show“, sagt Schwalb und nennt Geschäftsführer Sebastian Frecke als Fels in der Brandung. Der Aufstieg sei kein Muss. Es ist eine junge Mannschaft; Jansen hat seit 2017 aus vielen A-Jugendlichen Profi-Handballspieler gemacht. Mit dem alten HSV und seinem vielen Geld hat dieser Klub nichts mehr zu tun.

          Bleibt die Frage, was die Löwen machen. Gar keine leichte Aufgabe für Roggisch, nun idealerweise denjenigen zu finden, der wie Nikolaj Jacobsen eine Vereins-Ära begründen kann – der Däne wurde mit den Löwen zweimal Meister (2016 und 2017). Zu hören ist der Name Ljubomir Vranjes. Der frühere Flensburger Coach ist seinen Job in Kristianstad los. Er kennt die Bundesliga. Und die vielen Schweden im Team der Löwen. Vranjes wäre selbstbewusst genug, sich in einem solchen Großverein durchzusetzen.

          Doch ob die Familie bereit ist, nach Veszprem und Kristianstad schon wieder umzuziehen? Die Löwen müssten sich zudem darauf einlassen, einen Chef in Doppelfunktion einzustellen, trainiert Vranjes doch aktuell die slowenische Nationalmannschaft. Viele Fragen also rund um den möglichen neuen Löwen-Coach. Worauf er sich verlassen kann, ist indes eines: dass Martin Schwalb ihm eine intakte Mannschaft übergeben wird.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Söder am Dienstag in München

          Entscheidung für Laschet : Wie Söder sich verkalkuliert hat

          Tagelang hatte es so ausgesehen, als könnte Markus Söder sich im Ringen um die Kanzlerkandidatur durchsetzen. Doch Armin Laschet gelang es offenbar am Sonntagabend, das Blatt zu wenden – bei einem denkwürdigen Zusammentreffen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.