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Handball : Löwen im Anmarsch

Auf seine Tore zählen sie: Christian Schwarzer Bild: ddp

Die SG Kronau-Östringen - das war gestern. Die Rhein-Neckar-Löwen: Das ist das Heute, das Morgen. Der kleine Handball-Dorfklub will eine neue Macht in der Branche werden. Der Angriff auf die etablierten Größen ist voll im Gange.

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          Die Handball-Krieger kommen, mit Schurz und Speer und Schild. Oliver Roggisch verkörpert diese Rolle eindrucksvoll, er mimt den entschlossenen Kämpfer, den Gladiator. Henning Fritz, der Torwart, tritt als edler Prinz auf, Kreisläufer Christian Schwarzer als eine Waldgestalt. Die Rhein-Neckar-Löwen setzen sich in Pose, sie lassen sich in historischen Kostümen aus dem Fundus des Heidelberger Stadttheaters fotografieren.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Dokumente eines Imagewandels: Deutschland soll sehen, dass aus einem ehemaligen Dorfklub eine neue Macht im nationalen Handball werden kann. Die SG Kronau-Östringen - das war gestern. Die Rhein-Neckar-Löwen: Das ist das Heute, das Morgen. Und der Angriff auf die etablierten Größen des deutschen Handballs, auf den THW Kiel vor allem. Mit dem Meister aller Klassen messen sich die aufstrebenden Nordbadener schon wenige Tage vor der am kommenden Wochenende startenden Bundesliga-Saison - im Supercupspiel an diesem Dienstag (20 Uhr) in München.

          Im Training das WM-Finale nachspielen

          Die Löwen, sportlich beheimatet in der Mannheimer SAP-Arena, stürzen sich im Wortsinn in die Zukunft. Mit einem Kader, der spektakulär besetzt wurde - für die bevorstehende Saison, aber auch schon für 2008. Nicht nur, dass die Badener die Weltmeister Fritz, Roggisch und Schwarzer verpflichteten, sie nahmen unlängst auch die beiden Polen Karol Bielecki und Grzegorz Tkaczyk vom SC Magdeburg unter Vertrag - sie stoßen im nächsten Jahr zu den Löwen.

          Die Eishockey-Adler aus Mannheim sind bereits mehrmaliger Meister

          Beide gehörten zu der polnischen Mannschaft, die Deutschland im WM-Finale in Köln unterlag. Und sie stehen für das Konzept, möglichst jede Position im Team mit zwei Weltklassespielern zu besetzen. Die Löwen könnten damit, sagte ihr neuer Geschäftsführer Thorsten Storm salopp, 2008 im Training fast das WM-Finale nachspielen.

          „Wir werden versuchen, ein deutsches Gesicht zu haben“

          Trotz der ausgeprägten polnischen Komponente soll so etwas wie eine "SG Deutschland" aus den Rhein-Neckar-Löwen entstehen. "Wir werden versuchen, ein deutsches Gesicht zu haben", sagt Storm, der von der SG Flensburg-Handewitt nach Baden wechselte. Maßgeblich dazu beitragen sollen populäre Stars wie Fritz und Schwarzer, die gleichzeitig helfen sollen, als Identifikationsfiguren eine Verbindung zwischen Tradition und Moderne herzustellen. Die Löwen hoffen, damit ihr Stammpublikum, das schon den Weg der SG Kronau-Östringen begleitete, ebenso an sich binden zu können wie die Handball-Kundschaft aus Städten wie Mannheim oder Heidelberg.

          "Wir möchten gern diese Seele mitnehmen", sagt Storm und meint die Wurzeln der Löwen. Er formuliert deren künftiges Credo so: "Wir kommen aus Kronau-Östringen, sind die Löwen und spielen für eine ganze Region." Dass dies ein schwieriger Spagat werden könnte, scheint ihm bewusst zu sein. Er könne nachvollziehen, sagt Storm, dass es nicht für jedermann einfach zu verstehen sei, dass eine Gemeinschaft, die jahrelang SG Kronau-Östringen hieß, auf einmal unter der Bezeichnung Rhein-Neckar-Löwen firmiere. Aber diese Bezeichnung, das ist für die badischen Handball-Strategen keine Frage, passt besser zu einem ehrgeizigen Projekt als ein sperriger Vereinsname.

          Löwen und Adler bilden Allianz

          Um ihre Ziele zu verwirklichen, stockten die Löwen ihren Etat auf fast sechs Millionen Euro auf; sie sind damit nicht mehr weit entfernt vom THW Kiel, der mit einem Budget von schätzungsweise 6,5 Millionen Euro arbeitet. Uwe Schwenker, der Kieler Manager, glaubt jedoch, dass die Löwen jetzt schon nicht nur glänzende Perspektiven hätten, sondern auch die "wirtschaftlich besten Rahmenbedingungen". Diese Einschätzung zielt nicht zuletzt auf die 14.000 Zuschauer fassende SAP-Arena, die auch für Storm "das Nonplusultra" in Deutschland ist. Die Löwen sollen bereits 3000 Dauerkarten abgesetzt haben; überdies sind alle 40 Logen ausverkauft. Indizien dafür, dass auch Handball ein bedeutender Geschäftszweig werden könnte in Mannheim, der Stadt des deutschen Eishockey-Champions.

          Die Löwen und die Adler bildeten, sagt Daniel Hopp, der Geschäftsführer der SAP-Arena, "das Rückgrat" dieser Halle. Der Sohn des SAP-Mitbegründers Dietmar Hopp mischt überall mit - bei den Adlern wie bei den Löwen, in deren Beirat er sitzt. "Am Ende der Kette", behauptet deshalb der Kieler Schwenker über den Handball-Emporkömmling aus Mannheim, "steht die Familie Hopp." Und mit Verweis auf 1899 Hoffenheim, das Dietmar Hopp in die Fußball-Bundesliga hieven möchte, sagt Schwenker: "Da kann man sich an fünf Fingern abzählen, was mit den Löwen passieren wird." Deren Hauptsponsoren sind SAP - und der angeblich millionenschwere Hockenheimer Unternehmer Jürgen B. Harder, der eine gewisse Aufmerksamkeit im Lande durch die Liaison mit Franziska van Almsick erregt.

          Schon titelreif?

          Storm schwant, dass die Rhein-Neckar-Löwen - wie der FC Bayern München im Fußball - mit ihren außergewöhnlichen Anstrengungen Neid und womöglich auch Kritik in Handball-Deutschland hervorrufen könnten. "Das wird natürlich kommen", sagt er, "vor allem, wenn wir dem einen oder anderen näher auf die Pelle rücken." Dennoch erwartet er, dass "wir Fans in ganz Deutschland haben werden". Storm erzählt, dass Schwenker schon zu ihm gesagt habe: "Auf Dauer seid ihr nicht zu stoppen." Die Mannheimer, für die Storm einen Dreijahresplan erstellt hat, wähnen die Konkurrenz etwa aus Kiel aber noch im Vorteil. "Man kann nicht erwarten", sagt der neue Mannheimer Macher, "dass man innerhalb von zwei, drei Monaten etwas aufholt, was andere über Jahre hinweg aufgebaut haben."

          So ist von der Meisterschaft vorläufig nicht die Rede bei den Löwen. "Vielleicht", sagt Storm, "sind wir schon im Europapokal titelreif." Der Eroberungsfeldzug kann auf alle Fälle beginnen. Der Hüne Roggisch hat es demonstriert - als eine der neuen Handball-Speerspitzen aus dem Süden der Republik.

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