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Handball : Kiel und Flensburg kämpfen um die Krone

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Dominik Klein und der THW Kiel holen aus zum großen Wurf Bild: dpa

Zweieinhalb Monate nach dem WM-Triumph wird in ein neues Kapitel Handball-Geschichte geschrieben. Mit der SG Flensburg-Handewitt und dem THW Kiel stehen sich zum ersten Mal zwei deutsche Mannschaften im Finale der Champions League gegenüber.

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          An einem sonnigen Montag im August 2006 stellte der THW Kiel wie in jedem Jahr seine neuen Spieler vor. Es war ein Vormittag der guten Laune. Noch nie hatte sich der deutsche Handballmeister so verstärkt, noch nie war er derart an die Grenzen der finanziellen Möglichkeiten gegangen, um endlich den großen Traum von der Champions League zu erfüllen.

          Zwei Weltstars des Handballs hatte Manager Uwe Schwenker im harten Wettbewerb mit spanischen Klubs an die Förde transferiert: Torwart Thierry Omeyer und den Rückraumspieler Lars Krogh Jeppesen. Für die Fotografen stellte sich der dritte Neue hinzu, der junge deutsche Nationalspieler Dominik Klein. Es war an der Zeit für vollmundige Aussagen, denn nie schienen die Aussichten besser, den wichtigsten kontinentalen Titel zu holen. Doch der skeptische Kieler Trainer Zvonimir Serdarusic blieb zurückhaltend. Er sagte: "Mit diesem Kader müssen wir zwar etwas weniger auf den lieben Gott hoffen. Aber um die Champions League zu gewinnen, werden wir seine Hilfe immer noch gebrauchen."

          Ohne Stefan Lövgren

          Wieder einmal hat Serdarusic recht behalten. Denn vor den bedeutsamsten Spielen der Vereinsgeschichte im historischen deutschen Finale der Champions League gegen die SG Flensburg-Handewitt an diesem Sonntag (17.30 Uhr, im FAZ.NET-Liveticker) Flensburg und dem darauffolgenden Sonntag in Kiel fehlt in Stefan Lövgren der wichtigste THW-Akteur. Der 36 Jahre alte Schwede hat sich am vergangenen Sonntag beim Pokalsieg gegen die SG Kronau/Östringen an den Adduktoren verletzt.

          Nach Ersatzspielmacher Viktor Szilagyi, Kreisläufer Marcus Ahlm, Lars Krogh Jeppesen und Ersatztorwart Henning Fritz ist Lövgren der fünfte gewichtige Ausfall in dieser Saison. Serdarusic sagte: "So viel Pech kann man eigentlich nicht haben. Gegen Flensburg ist für uns ohne Lövgren kaum etwas drin. Der eine oder andere Spieler kann für zweimal fünf oder zweimal zehn Minuten auf der Position aushelfen. Aber nicht für zweimal 60 Minuten. Wir können ihn nicht ersetzen." Verzweiflung machte sich breit in Kiel: Seit 1993 versucht Serdarusic die Champions League an die Förde zu holen, einmal scheiterte er erst im Finale, 2000 war das gegen den FC Barcelona.

          In der Trainergilde der Ritterschlag

          Serdarusic würde es nie so sagen, aber er verzehrt sich nach diesem Titel, der ihm nach neun deutschen Meisterschaften noch fehlt. In der Trainergilde ist der Gewinn der Champions League der Ritterschlag. Natürlich wird Serdarusic nicht aufgeben. Zwei Tage hatte die Mannschaft nach dem Pokalsieg frei, am Mittwoch begann die Vorbereitung auf Flensburg. Serdarusic ist ein Disziplinfanatiker und Taktikfuchs, er empfand die neue Lage sofort als Herausforderung. Alternativen bleiben keine.

          Vier Stammspieler fallen aus, vor allem die Achse Lövgren-Ahlm wird vermisst, die hinten wie vorn Garant für den Meistertitel 2006 war. Immer wieder hat Serdarusic in den vergangenen Tagen die Aktionen seines Not-Rückraums geprobt: Klein in der Mitte, daneben Nikola Karabatic und Kim Andersson, am Kreis Pelle Linders. Dazu die Außen Lundström und Kavticnik, Omeyer im Tor. Das dürfte die Start-Sieben gegen Flensburg sein, auf der Bank einzig und allein zwei Feldspieler: Tschepkin für die Abwehr und Zeitz für den Rückraum. Es wäre Serdarusics größte Leistung, holte der THW mit den letzten Aufrechten die Champions League.

          Letzte Chance für Flensburg

          Faszinierend, dass das Selbstbewusstsein schon am Freitag wieder groß war: "Wir kennen seit Mittwoch die Marschroute des Trainers", sagt der 23 Jahre alte Klein, "wir haben so viel geschafft, das schaffen wir jetzt auch noch. Ein angeschlagener Boxer ist schwer auszurechnen." Der THW wird sich gegen den ewigen Rivalen in freier Improvisation üben müssen. In den Kieler Sorgen ist untergegangen, dass auch Flensburg ohne einen wichtigen Spieler antreten muss. Spielmacher Ljubomir Vranjes ist nach seiner Roten Karte aus dem Halbfinal-Rückspiel bei CBM Valladolid gesperrt. Doch bei der SG steht fähiger Ersatz bereit. Der Däne Joachim Boldsen wird den Angriff der Flensburger führen.

          Für die SG Flensburg wird es die letzte Chance sein, den großen Titel in dieser Zusammensetzung zu erringen: Boldsen verlässt den Klub, Jan Holpert beendet seine Karriere, die Außenspieler Stryger und Christiansen hängen noch ein Jahr dran, wollen es aber gemächlicher angehen lassen. Es gibt jede Menge Unruhe im Flensburger Umfeld, in dem sich fast alles neu formiert und neue Allianzen geschmiedet werden.

          Manager Thorsten Storm wechselt zur SG Kronau. Bei Trainer Kent-Harry Andersson halten sich hartnäckig die Gerüchte, dass es seine vorerst letzte Saison als Handballtrainer sein könnte: Der 57 Jahre alte Schwede laboriert an den Folgen einer Tumoroperation am Innenohr im vergangenen Sommer. Er ist längst noch nicht der Alte, wirkt angeschlagen, weniger wach und souverän. Andersson sagt: "Die Meisterschaft und den Pokal haben wir 2004 schon geholt. Für mich wäre die Champions League das Größte." Es wäre der ideale Zeitpunkt für ihn, nach vier erfolgreichen Jahren in Flensburg aufzuhören.

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