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Handball-Kapitän Markus Baur : Einer wie Heiner - nur ohne Schnauzbart

Fast wie Vater und Sohn: Heiner Brand (l.) und Markus Baur Bild: dpa

Es ist ein beispielloser Fall im deutschen Sport. Markus Baur ist kein Vereinsspieler mehr, führt aber das DHB-Team zur Handball-EM, die an diesem Donnerstag beginnt. Der treue Begleiter von Trainer Heiner Brand steht nochmal vor turbulenten Tagen.

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          Markus Baur hat meist einen sehr wachen Blick, er wirkt damit fast ein bisschen angriffslustig. Es lässt sich aber nicht sagen, dass es schwer wäre, auf Baur zuzugehen. Er ist ein aufmerksamer, geduldiger Zuhörer, und er geht auch auf Fragen ein, die ihm ein wenig seltsam vorkommen mögen. Neulich in Damp war das beispielsweise so, wo die deutsche Handball-Nationalmannschaft ein Trainingslager bezogen hatte und auch einen Vormittag lang Öffentlichkeitsarbeit betrieb.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Die Weltmeister redeten an der Ostsee über sich, über das Gestern und das Morgen - und Baur sollte einer jungen Journalistin die Rolle des Spielgestalters im Handball erklären. Es ging um das Abc des Handballs, Baur dürfte verwundert gewesen sein, er ist andere Fragen gewöhnt - aber er wich nicht aus.

          Vom Spieler zum Spielertrainer zum Trainer

          So beschrieb er seine Rolle, die er im Nationalteam weiter einnehmen wird, obwohl es den Handballspieler Baur eigentlich gar nicht mehr gibt. Bundestrainer Heiner Brand baut bei der Europameisterschaft in Norwegen, die an diesem Donnerstag mit der Partie gegen Weißrussland beginnt (17.15 Uhr / Liveticker Handball-EM), auf einen Mann, der in keinem Verein mehr aktiv ist. Mehr noch: Selbst auf die Teilnahme an den Olympischen Spielen im August in Peking kann sich Baur noch Hoffnungen machen - ein beispielloser Fall im deutschen Sport.

          Bis vor kurzem war Baur noch in der Schweiz tätig, er hatte bei Pfadi Winterthur eine Doppelfunktion übernommen: Baur, 36 Jahre alt, war Spielertrainer. Inzwischen ist er nur noch Trainer. Nach der EM soll er helfen, den TBV Lemgo in der Bundesliga weiter nach vorn zu bringen. Er wird sich dabei auch um Michael Kraus kümmern, der im Nationalteam schon von sich reden machte - ebenfalls in der Mitte des Rückraums.

          „Ich stehe voll im Saft, wie jeder andere auch“

          Dass Brand immer noch auf Baur setzt, zeigt seine Wertschätzung für einen Mann, der an allen großen Handball-Erfolgen der Deutschen in den vergangenen Jahren beteiligt war. Baur hat sich dabei zum Alter Ego Brands entwickelt, er verinnerlichte die Handball-Philosophie des Gummersbachers - und er setzt Brands Vorgaben in zentraler Position um. Baur ist sozusagen Brand II - nur ohne Schnauzbart.

          „Markus“, sagt Brand, „weiß alles über Taktik, und er verfügt über die Fähigkeit, Situationen frühzeitig zu erkennen.“ Deswegen ist der künftige Lemgoer Handball-Lehrer auch immer noch so wichtig für die deutsche Handballgemeinschaft. Und deswegen wird er auch bei der EM wieder die Leitfigur der Deutschen sein, die zunächst in Bergen auf Weißrussland, Ungarn und Spanien treffen. Baur ist für diese Aufgabe gerüstet: „Ich stehe voll im Saft, wie jeder andere auch.“

          „Ich gehe davon aus, dass er es schaffen wird“

          Bei Olympia liegt der Fall natürlich anders. Es ist noch eine Weile hin bis Peking. Und es wird die Frage sein, ob der in die Jahre gekommene Baur in einigen Monaten noch den Anforderungen, die an einen Nationalspieler gestellt werden, gerecht wird - ohne jede Spielpraxis. Brand selbst spricht von einer Gratwanderung. Aber er glaubt, die Verdienste Baurs um den deutschen Handball würdigen zu müssen - er stellt ihm deshalb einen Platz für Peking in Aussicht. „Ich bin es ihm schuldig“, sagt der Bundestrainer, „dass ich ihm die Chance gebe.“

          Er verweist darauf, mehr als zehn Jahre „sehr vertrauensvoll“ mit Baur, der nicht zuletzt ein sicherer Siebenmeterschütze ist, zusammengearbeitet zu haben. Brand hat jedoch auch gesagt, dass es „keine Extrawurst“ für den Mann geben werde, der ihm als Handballer sehr nahe steht. Er fordert „absolute Fitness“, und er sagt: „Nur die Leistung kann entscheiden.“ Er müsse da, trotz aller Sympathie für Baur, Profi sein. Brand erzählte unlängst in Damp jedoch auch, dass er Baur zutraue, sich körperlich noch lange in Schuss zu halten. „Ich gehe davon aus, dass er es schaffen wird.“

          Handarbeiter Baur wird das Kind schon schaukeln

          Baur selbst mag sich mit Olympia noch gar nicht beschäftigen. „Das ist noch so weit weg.“ Die bevorstehende Prüfung verlangt jetzt ohnehin alle Konzentration. Der WM-Titel verpflichtet schließlich - und die EM gilt mit ihrem komprimierten Programm als fast noch schwerer als eine Weltmeisterschaft oder Olympia. Zuletzt, 2006 in der Schweiz, waren die Deutschen EM-Fünfte - nachdem sie 2004 in Slowenien den Gipfel in Europas Handball erklommen hatten.

          Baur, der treue Begleiter Brands, wird sich auf turbulente Wochen einrichten müssen. Er geht auf eine sportliche Abenteuerreise - und dazu erwarten seine Frau und er zum dritten Mal Nachwuchs. Aber vermutlich wird Baur, ein Meister der Handarbeit, das Kind schon schaukeln.

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