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Handball-Kalender : Puzzlespiel ohne Vorlage

  • -Aktualisiert am

Bange Frage im Handball: Wann erfolgt der Anwurf? Bild: Imago

Im Handball haben die nationalen Ligen absoluten Vorrang. Die internationalen Verbände verkürzen ihre Wettbewerbe. Doch über allem schwebt die bange Frage, wann es überhaupt weitergeht.

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          Aus Sicht der Handball-Bundesliga waren es begrüßenswerte Entscheidungen, die Ende vergangener Woche in Wien getroffen wurden. Denn durch viele Absagen auf europäischer Ebene bekommt die Bundesliga zeitlich mehr Möglichkeiten, ihre vermutlich hochkomplizierte Spielzeit 2020/21 auf die Beine zu stellen.

          Schon seit Beginn der Corona-Pandemie ist klar, dass es das Bestreben des Europäischen Handballverbandes (EHF) und des Weltverbandes (IHF) ist, die nationalen Ligen in der Krise zu stärken. Alle internationalen Turniere und Spiele stellen sich gerade hinten an, denn wenn es Vereinspleiten gäbe und die Ligen ihre Schlag- und Zugkraft verlören, büßte das ganze Produkt Handball deutlich an Qualität ein. „Die Klubs müssen weiterhin oberste Priorität haben“, sagte Frank Bohmann, der Geschäftsführer der Handball-Bundesliga-Vereinigung HBL. Die Saison in Deutschland war am Dienstag endgültig abgebrochen worden. Start der Serie 2020/21 soll der 1. September sein. „Es war eine logische Konsequenz, dass zahlreiche internationale Spiele abgesagt wurden“, sagte Dierk Schmäschke, der Geschäftsführer der SG Flensburg-Handewitt: „Wenn es schon in Deutschland schwierig ist, Handballspiele auszutragen, wird es unter internationalen Gesichtspunkten noch schwieriger, weil es zusätzlich Reisebeschränkungen gibt.“

          Das Exekutivkomitee der EHF blies am Freitag die Achtel- und Viertelfinalspiele der Champions League ab. Das „Final Four“-Turnier soll unverändert am letzten Wochenende des Jahres in Köln stattfinden. Dorthin hatte die EHF ihre wichtigste Veranstaltung auf Vereinsebene schon vor einigen Wochen geschoben. Teilnehmen sollen die beiden Ersten der Champions-League-Gruppen A und B. Das sind der THW Kiel, Telekom Veszprem, der FC Barcelona und Paris St-Germain. „Unsere Mannschaft hat eine herausragende Vorrunde gespielt und sich mit dem Gruppensieg nach 14 Spieltagen die Teilnahme verdient“, sagte Viktor Szilagyi, der Kieler Geschäftsführer.

          Er und sein Verein sind die Leidtragenden der Entscheidungen: Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning.

          Die Norddeutschen hatten die Achtelfinalspiele als Gruppensieger übersprungen und wären im Viertelfinale auf Porto oder Aalborg getroffen. Die SG Flensburg-Handewitt hätte ihr Achtelfinale gegen Montpellier austragen müssen, schaut nun aber in die Röhre. Dazu sagte Schmäschke: „Es ist eine Kompromisslösung, die weh tut. Aber wir müssen persönliche Befindlichkeiten zurückstellen. Alle unsere Anstrengungen und Überlegungen gelten der nächsten Saison.“ Es war bei allen Äußerungen herauszuhören, dass es erhebliche Zweifel gibt, ob das Champions-League-Final-Four überhaupt ausgetragen wird.

          Bob Hanning war mit seinen Berliner Füchsen jüngst gleich zweimal von unangenehmen Entscheidungen betroffen. Erst waren die Berliner in der Quotiententabelle der HBL hinter den Rhein-Neckar Löwen gelandet und hatten ihren fünften Platz verloren. Dann strich die EHF am Freitag das Final Four im EHF-Pokal, den kleineren europäischen Wettbewerb. Das hatten die Füchse in der Schmelinghalle nach der Verschiebung von Anfang März nun Ende August ausrichten wollen. Doch in Berlin sind Veranstaltungen mit vielen Zuschauern bis Ende Oktober untersagt. „Dies ist der nächste wirtschaftliche Schaden für die Füchse, aber aufgrund der Situation leider nicht vermeidbar. Wir werden jetzt einen Antrag stellen, um im nächsten Jahr einen EHF-Startplatz zu bekommen. So erhalten wir die Möglichkeit, uns wieder für die Ausrichtung zu bewerben“, sagte Geschäftsführer Hanning. Weil der EHF-Pokal abgebrochen ist, werden auch die anderen deutschen Teilnehmer Magdeburg, Melsungen und Löwen keine Spiele mehr dort bestreiten. Sie alle spielten wie die Füchse aktuell in der Gruppenphase des EHF-Pokals. Gefolgt wären Viertelfinalspiele.

          Neben dem vermutlich engen nationalen Kalender – sollte in den Ligen dann wieder gespielt werden – sitzt der EHF auch ein neuer Medien- und Vermarktungsvertrag mit anderen Turnierformaten im Nacken, der von der nächsten Saison an greift. Es war also nicht so einfach möglich, Spiele aus dieser Saison in den nächsten Herbst zu schieben. Betroffen von den Ausfällen sind auch die Nationalmannschaften. Die Spielerinnen von Bundestrainer Henk Groener müssen ihre Qualifikation für die Europameisterschaft in Dänemark und Norwegen Anfang Dezember nicht beenden. Sie sind auf der Grundlage des Abschneidens bei der vergangenen EM teilnahmeberechtigt.

          Und Alfred Gislason muss weiter auf sein erstes Spiel als Männer-Bundestrainer warten. Eigentlich standen im Juni Qualifikationsspiele für die WM Anfang 2021 in Ägypten gegen die Ukraine an. Auch diese setzte die EHF ab und entschied, dass die besten europäischen Mannschaften der vergangenen EM in Schweden, Norwegen und Österreich teilnehmen dürfen. „Diese pragmatische Entscheidung der EHF schafft ein wenig Klarheit und sorgt dafür, dass wir in der kommenden Spielzeit keine zusätzlichen Termine in den Spielplan unserer Ligen integrieren müssen“, sagte Mark Schober, der Generalsekretär des DHB. Verschoben wurden auch die Qualifikationsturniere für die Olympischen Spiele 2021 in Tokio, und zwar auf März 2021.

          Doch auch bei der Frauen-EM und der Männer-WM stehen erhebliche Zweifel im Raum, ob sie überhaupt ausgetragen werden. Die notwendigen Reisen sind nur ein Teil dieser Skepsis. Tatsächlich käme vielen Bundesliga-Managern und Trainern eine Absage der Weltmeisterschaft entgegen, könnte stattdessen die nächste Saison in der Bundesliga zwischen dem 2.Januar und dem 30.Juni 2021 ausgetragen werden.

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