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Handball : Jichas Suche nach dem perfekten Spiel

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Alleskönner am Ball: Filip Jicha spielt seine Stärken nicht nur im Rückraum aus Bild: dpa

Filip Jicha ist in Kiel zum kompletten Handballprofi gereift. Im Nationalteam spielt er eine ganz andere Rolle als beim THW.

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          Das Spiel war gerade zehn Minuten beendet, der Schweiß tropfte ihm vom Gesicht, und Filip Jicha pulte sich Harz von den Händen, als ihm zwei bemerkenswerte Sätze herausrutschten: „Ich warte immer noch auf das perfekte Spiel. Idealerweise wäre es das letzte meiner Karriere.“

          Jicha hatte an diesem Dezember-Abend gerade eine Partie abgeliefert, die der Vollkommenheit nahekam - beim Sieg in Flensburg traf er aus dem Rückraum, vom Kreis, aus sieben Metern und nach einem Gegenstoß. Er dirigierte die Angriffe der Kieler, wenn er musste, und packte in der Abwehr zu, wenn es nötig war. War das der beste Jicha, den es je gab?

          Es ist immer schwierig mit den Superlativen; Jicha wird im April 30 Jahre alt, da bleibt noch genug Zeit für Steigerungen. Aber gemerkt hat der Kieler Handballprofi schon, was in den vergangenen 18 Monaten mit ihm geschehen ist. Der reine Rückraumschütze hat sich zu einem kompletten Handballspieler verändert. Auch für diese Entwicklung fand Jicha in den kalten Gängen der Campushalle den passenden Satz: „Ich bin universal geworden.“

          Filip Jichas Suche nach Perfektion dauert an. Seit er 2007 für eine ungewöhnlich hohe Ablösesumme von Lemgo nach Kiel wechselte, hat er sich Stück für Stück verbessert. Tore werfen konnte er dank seiner Kraft und seiner Größe (201 Zentimeter) schon immer. Der ehemalige Kieler Trainer Zvonimir Serdarusic brachte ihm die Abwehrarbeit bei. Unter Serdarusic wurde Jicha schneller auf den Beinen. Im Angriff hatte er zunächst einen vor sich, der alles besser konnte, der vom Aussehen, der Leistung und der Ausstrahlung her eher zum Star taugte - Nikola Karabatic.

          Bisweilen ist der Tscheche nur durch unfairen Körpereinsatz auszubremsen

          Es kommt nicht von ungefähr, dass Jicha seit Karabatics Wechsel nach Montpellier 2009 den größten Sprung gemacht hat: Unter Trainer Alfred Gislason ist Jicha der Mann für alle Fälle geworden. Gislason sagt: „Filip beschäftigt sich sehr viel mit Taktik. Er will das Spiel verstehen. Er könnte auch alle unsere Spielzüge als Rechtsaußen spielen.“ Mehr Lob geht nicht für einen Trainer, dem Superlative fremd sind.

          Gislason war es, der Ende November beim Sieg in Magdeburg den Kreisläufer Jicha erfand - als er an den Kreis rückte und traf, erlahmte der Widerstand des SCM. Kiel gewann damals das erste von sechs harten Spielen nacheinander: Magdeburg, Montpellier, Flensburg, Hamburg, Kopenhagen, Berlin. Sechs Siege, Bundesliga-Startrekord mit 36:0 Punkten, Pokal-Viertelfinale erreicht, vorzeitig im Achtelfinale der Champions League.

          Nicht nur für die Tschechen, sondern auch für den THW Kiel ist Jicha eine Stütze

          „Wir haben den schwierigsten Monat der Saison klasse hinter uns gebracht“, sagt Jicha, der es in allen Partien wieder vom Kreis aus probieren durfte. Er spielt auf höchstem Niveau und ist bester Kieler Torschütze. Eine Pause mag er sich nicht gönnen. Nur, wenn es (ihm selbst) sinnvoll erscheint. Gislason erzählte nach dem Sieg in Flensburg eine schöne Anekdote, die einerseits zeigt, wie sehr Jicha mitdenkt - und andererseits illustriert, wie wenig beim THW der Einzelne zählt: Jicha hatte sich früh zwei Zeitstrafen eingehandelt. Nach der dritten sieht man Rot.

          Um das nicht zu riskieren, wollte er auf die Bank und erst in der heißen Phase des Spiels wiederkommen. Gislason sagte: „Du gehst nicht auf die Bank. Du spielst. Wir haben auch ohne dich schon Spiele gewonnen.“ Damit konfrontiert, sagt Jicha nur grinsend: „Der Trainer hat immer recht.“

          Zwei Stützen des Meisters: Jicha und der französische Torwart Thierry Omeyer

          Er füllt die Rolle als Führungsspieler eben gern aus. Für unverzichtbar hält sich Jicha deshalb nicht. „Ich freue mich, wenn ich der Mannschaft helfen kann. Es ist gut für mich, dass der Trainer mich auf verschiedene Positionen stellt. Meine Philosophie ist, dass ich mich in jedem Alter verbessern möchte.“ Jicha passt perfekt ins Kieler System: ein Star mit Benehmen, ein Kerl mit Mannschaftsgeist.

          Auf dem Feld einer, der sich rotgesichtig aufopfert und im größten Stress die richtigen Entscheidungen trifft. Als „Welthandballer 2010“ einer der Superstars dieser Sportart, durchschreitet Jicha seine Karriere ohne Skandale oder Geschichtchen. Mit Frau und Tochter wohnt er bei Kiel, spielt gern Golf und ist auch dort auf der Suche nach Perfektion.

          Erfolgshungrig: Jicha und seine Mannschaftskameraden feiern im Sommer 2010 die deutsche Meisterschaft

          Bei der nächsten Kontinentalmesse seiner Sportart wird Filip Jicha wieder zeigen können, welchen Reifegrad er erreicht hat. Mit Tschechien - dem deutschen Gruppengegner am 15. Januar 2012 im serbischen Nis - spielt er eine ganz andere Rolle als mit dem THW. Die Tschechen gehen als Außenseiter in die Europameisterschaft. Oft hat Jicha im Nationaltrikot schon zu viel probiert und wollte mit dem Kopf durch die Wand.

          Es wird spannend sein zu sehen, wie der beste Handballspieler dieser Bundesliga-Hinrunde versucht, sein Spiel aus einer Position der Schwäche heraus zu vervollkommnen. Erwartet wird in der Heimat nämlich, dass Jicha die Auswahl im Alleingang in die Hauptrunde führt. Er selbst hat diese Erwartungen schon geschmälert: „Ich mache mir keinen Druck. Wenn andere besser sind, kann ich das nicht ändern.“ In Kiel fände es keiner tragisch, wenn Filip Jicha schon nach drei Spielen wieder nach Hause dürfte.

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