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Handball in Lemgo : Dem „TBV Deutschland“ gehen die Nationalspieler aus

  • -Aktualisiert am

Vor dem Absprung: Nationalspieler Holger Glandorf wird den TBV Lemgo verlassen Bild: picture alliance / dpa

Üppige Gehälter, wenig Leistung: Das Lemgoer Handball-Konzept ist gescheitert. Der Hauptsponsor kürzt die Mittel, nun hat der Meister von 2003 Geldsorgen. Und wichtige Spieler verlassen den TBV, der auch sportlich nur noch Mittelmaß ist.

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          Man kann noch nicht sagen, ob Volker Zerbes Bettelbrief eine gute Idee war. Er hat auf jeden Fall dafür gesorgt, dass man wieder freier atmet beim TBV Lemgo. Denn nun sind sie rausgerückt mit der Wahrheit – der deutsche Handballmeister von 2003 hat Geldsorgen. Eine ganze Anzeigen-Seite leistete sich der TBV vor ein paar Wochen in der „Lippischen Landeszeitung“ und bat darin um die Unterstützung der Region. Geschäftsführer Zerbe sagt: „Wir wollten alle wachrütteln, um weiterhin um die europäischen Plätze mitspielen zu können.“

          Weil der Hauptsponsor und Mehrheitsgesellschafter, der Nahrungsmittelhersteller Heristo, zur nächsten Serie die Mittel kürzt, steht der TBV Lemgo vor einer ungewissen Zukunft. Längst hat der Klub den Anschluss verloren: im Mittelfeld der Tabelle dümpelt die Mannschaft von Trainer Volker Mudrow herum. Spiele wie an diesem Mittwoch beim Tabellenletzten in Melsungen (20.15 Uhr / FAZ.NET-Handball-Bundesliga-Liveticker) waren früher sichere Siege. Jetzt hat der TBV nicht nur Kiel, Hamburg, Mannheim und Flensburg aus den Augen verloren, sondern sieht sich von Göppingen, Gummersbach und womöglich bald vom nahen Nettelstedt überholt.

          Wie ernst die Lage beim früheren Vorzeigeverein ist, zeigte sich in der vergangenen Woche, als der TBV vermeldete, dass man Holger Glandorf zur nächsten Saison an die SG Flensburg abgeben werde. Die etwa 35.000 Euro brutto Gehalt im Monat kann sich der Verein nicht mehr leisten. Zerbe sagt: „Ein Angebot wie vor zwei Jahren an ihn ist nicht mehr darstellbar.“

          Ein Bild aus vergangenen Tagen: Im Mai 2010 gewann der TBV Lemgo den EHF-Pokal, nun ist er in großer Not

          „Die Stars haben nicht den Erfolg gebracht“

          Damals buhlten alle Spitzenklubs um den wurfstarken Rückraumspieler, Lemgo erhielt den Zuschlag: dort gab es einen großzügigen Geldgeber, dort spielte die halbe Nationalmannschaft, und die Führung des TBV um die ehemaligen Auswahl-Stars Daniel Stephan, Markus Baur und eben Zerbe sollte für Stetigkeit und Spitzenhandball beim „TBV Deutschland“ bürgen. So viel zum Plan, den Meister von einst zu alter Blüte zu führen.

          Inzwischen ist Baur entlassen, Stephan gegangen und Zerbe allein zu Haus. In Michael Kraus, Lars Kaufmann und demnächst Holger Glandorf kehren die Spitzenspieler dem TBV den Rücken. Allerdings hatten und haben sie alle drei wenig zu geben – Kraus war zwar maßgeblich am Sieg im EHF-Pokal im vergangenen Sommer beteiligt, doch den großen Umschwung in der Liga verpasste der TBV. Zerbe sagt: „Die Stars allein haben nicht den gewünschten Erfolg gebracht.“

          Es ist eher ein strukturelles Problem bei den Lemgoern: In der Szene ist bekannt, dass man beim TBV mit einem Minimum an Einsatz gutes Geld verdienen kann. Der harte Handballalltag spielt sich woanders ab. Als Baur die Mannschaft in der vergangenen Saisonvorbereitung straffer führen wollte, scheiterte er letztlich an der Bequemlichkeit, die sich im Kader breitgemacht hatte. Danach übernahm der biedere Mudrow wieder das Team und hat Spieler mit besten Anlagen keinen Schritt weitergebracht: Spielmacher Martin Strobel, die Kreisläufer Christoph Theuerkauf und Sebastian Preiß oder der Rückraumspieler Rolf Herrmann – allesamt hoffnungsvolle Nationalspieler.

          Fynn Holpert als pikante Personalie

          Auch der ehemalige Kapitän der DHB-Auswahl, Florian Kehrmann, zog es vor, im beschaulichen Lipperland zu bleiben, statt die Laufbahn in Kiel oder Hamburg womöglich mit einem Champions-League-Titel zu krönen. So haben sie sich selbst eingelullt beim TBV, mit großen Namen und üppigen Verträgen, aber immer schwächeren Leistungen. Zerbe sagt: „Die Champions League ist mittelfristig nicht mehr realistisch. Wir müssen das Miteinander wieder in den Vordergrund stellen.“

          Pikant ist, dass in Fynn Holpert, früher Manager des TBV, bei Heristo als Sportverantwortlicher arbeitet. Eigentlich hatten sie beim TBV gedacht, nun mit dem kurzen Draht zum großen Geld ausgestattet zu sein, hatte Holpert doch vor seinem Wechsel zu Heristo im Juli 2009 noch von den Möglichkeiten für seinen Herzensverein geschwärmt. Nun senkt er den Daumen – am liebsten würde Heristo die Trikotbrust der Lemgoer hergeben, heißt es.

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