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Handball : Hausgemachte Pleite

  • -Aktualisiert am

Der Gesichtsausdruck sagt alles: Bundestrainer Martin Heuberger Bild: dpa

Das deutsche Handball-Team gewinnt zwar klar gegen Israel. Aber auf dem Weg zur Europameisterschaft dürfte das nichts nutzen. Was wird aus Bundestrainer Heuberger?

          Natürlich war das Wunder von Brünn ausgeblieben. Nur ein Sieg der schon qualifizierten Mannschaft von Montenegro beim Auswärtsspiel in Tschechien hätte der Auswahl des Deutschen Handball-Bundes doch noch den zweiten Rang in der Gruppe und damit einen Platz bei der Europameisterschaft 2014 in Dänemark verschafft. Auf eine Benachrichtigung über die Zwischenstände aber hatte Bundestrainer Marin Heuberger verzichtet. Niemand hatte an eine Überraschung geglaubt, und so erledigte das deutsche Team zwar seine Aufgabe beim 38:19 gegen Israel, aber weil die Tschechen 30:25 gegen Montenegro gewannen, nutzte dieser letzte Sieg nichts.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Die Frankenstolz-Arena in Aschaffenburg wurde so zum zweiten Male in einer Woche zum Schauplatz einer historischen Pleite. Am vergangenen Wochenende war hier der TV Großwallstadt zum ersten Male aus der Bundesliga abgestiegen, nun verpasste an gleicher Stätte die Nationalmannschaft vermutlich erstmals die Qualifikation für eine Europameisterschaft. Es bleibt noch eine Resthoffnung, die aber verschwindend klein ist. Abhängig von sehr unwahrscheinlichen Ergebnissen in drei anderen Gruppen an diesem Sonntag, könnte Deutschland noch als bester Gruppendritter nach Dänemark kommen. Ansonsten hätte das deutsche Team nach den Olympischen Spielen von London innerhalb von einem Jahr das zweite Großereignis verpasst.

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          Unweigerlich muss man sich beim Deutschen Handball-Bund (DHB) die Frage stellen, ob der wichtigste sportliche Posten des Verbandes noch richtig, zukunftsträchtig und erfolgversprechend besetzt ist. Die Kritik an Bundestrainer Martin Heuberger fällt verhalten aus - seine großen Erfolge mit dem deutschen Nachwuchs sind nicht wegzudiskutieren; fünf Spieler des aktuellen Kaders hat Heuberger als Junioren-Bundestrainer betreut.

          Doch die bekannten Probleme des deutschen Handballs bleiben: die schlechte Anschlussförderung der jungen Spieler, die Tatsache, dass die großen Klubs auf den entscheidenden Positionen erfahrene Ausländer einsetzen, die Unlust vieler deutscher Spieler, sich neben Verein und Familie auch noch für den DHB zu zerreißen. „Ich kann jeden Spieler verstehen, der nach fast 80 Spielen im Jahr sagt: Ich mache eine Pause von der Nationalmannschaft, ich will meine Kinder auch mal sehen“, sagte der ehemalige Nationalspieler Torsten Jansen, Weltmeister von 2007. Und was er auch sagt: „Beim Verband will man den Umbruch, man hat sich auf diesen Trainer und diesen Kader festgelegt, dann muss man es auch ertragen, wenn es nicht läuft.“ Doch ganz so einfach ist es nicht.

          Heuberger badet auch aus, was Brand ihm hinterlassen hat

          So badet Heuberger nun das aus, was sein Vorgänger Heiner Brand ihm hinterlassen hat: eine Mannschaft, die seit dem WM-Titel 2007 nur halbherzig weiterentwickelt wurde, wird nun von Heuberger mit Profis bestückt, die mit wenigen Ausnahmen weder von Spitzenklubs kommen noch erfahren in engen Spielen sind. Viel zu lange hat Brand den erfahrenen Cracks vertraut und das Risiko gescheut. Aus Heubergers Sicht ist sein Handeln konsequent: Er spielt seit Juli 2011 mit dem, was die Bundesliga ihm zur Verfügung stellt. Aber Heuberger hat diesem Team zumindest in der EM-Qualifikation nie die notwendigen Impulse von außen geben können.

          Am Ende des Spiels in Montenegro brach seine Mannschaft einfach auseinander: das Problem einer flachen Hierarchie, die Heuberger so schätzt. Da war dann niemand mehr, der vorausging, der sich wehrte. Man kann diesen Befund sachlich diskutieren, ohne gleich mit der Führungsspieler-Debatte zu beginnen. Fakt ist: Kapitän Oliver Roggisch hat seine Form der WM in Spanien wieder verloren, Spielmacher Michael Haaß ist einfach zu ruhig, wenn es drauf ankommt, und Torwart Silvio Heinevetter wirkt nach einer langen Saison ausgelaugt. Einen selbst aufgebauten Chef, einen verlängerten Arm, den kann Heuberger nicht vorweisen.

          Andererseits ist die Zeit auch sehr kurz, die die Spieler bei Lehrgängen zusammen verbringen - stets rufen die Vereine, weil ja so viele Spiele anstehen. So ist die ganze aktuelle Pleite der Nationalmannschaft auch eine hausgemachte Krise, die einen Ursprung in der schlechten Abstimmung zwischen Klubs und Verband hat.

          Keine Jobgarantie für Heuberger

          Weil das alles beim DHB jeder weiß, fällt die Kritik am verantwortlichen Trainer schwer. Aber der größte Handballverband der Welt kann es sich weder finanziell noch vom Image her erlauben, nun bei der EM und - wegen der schweren Gegner in den folgenden Qualifikationen - womöglich auch bei der WM 2015 in Qatar und bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro zu fehlen. Schon im November beginnen die Vorqualifikationen für die WM, dort warten schlagbare Gegner wie die Türkei oder Belgien. Es ist schwer vorstellbar, dass das neue DHB-Präsidium (Ende September wird auf dem Bundestag in Düsseldorf gewählt) dann noch dem alten Trainer vertraut.

          Der wahrscheinliche neue Präsident Bernhard Bauer hat schon gesagt, dass es keine Jobgarantie für Heuberger gebe. Und Bob Hanning, Manager der Berliner Füchse, neuer starker Mann beim DHB und designierter Vizepräsident, hat ohnehin einen größeren Umbau hin zu mehr Professionalität vor. Da in Christian Schwarzer und Markus Baur zwei Weltmeister von 2007 als DHB-Nachwuchstrainer im Verband gebunden sind, wäre ein geräuschloser und kostengünstiger Wechsel zu ihnen als neue Trainer-Doppelspitze der Nationalmannschaft jederzeit denkbar. Schwarzer als Mann klarer Worte und Motivator, Baur als Mann für Taktik und Talenteinbau: eine charmante Lösung. Und nimmt man noch Stefan Kretzschmar hinzu, den Hanning gern als eine Art Oliver Bierhoff des Handballs aufbauen würde, hätte man ein Trio, dem man die Trendwende zutrauen kann. All das wird nun in der langen Sommerpause zu diskutieren sein.

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