https://www.faz.net/-gtl-6wk99

Handball-EM : Verblasste Hoffnung

  • -Aktualisiert am

Das „Wintermärchen“ 2007: Mit Goldkronen aus Pappe und Schnauzbärten feierten die deutschen Handballer Bild: dapd

Nach dem WM-Triumph vor fünf Jahren ging es bergab für den deutschen Handball. Wenig spricht dafür, dass die Nationalmannschaft bei der EM in Serbien die düsteren Wolken vertreiben kann.

          4 Min.

          Neulich hat Pascal Hens in lockerer Plauderatmosphäre erzählt, dass der Film „Projekt Gold“ zwar in seinem DVD-Regal steht, er sich bislang aber nur Ausschnitte angesehen hat. Als Erinnerung an das Wintermärchen von 2007 braucht er den Streifen nicht: „Ich kann aus dem Kopf abrufen, wie es damals war“, sagte Hens, „und manchmal tue ich das auch - weil es so geil war.“

          Fünf Jahre ist es her, dass die Deutschen im Weltmeisterschafts-Finale von Köln gegen Polen gewannen und später mit Goldkronen aus Pappe und angeklebten Schnauzbärten feierten. Der Film zeichnet die Stationen bis zum Endspiel-Triumph sehr schön nach. Er lief damals sogar in den Kinos, und der Handball mit seinen Tag für Tag aufs Neue gelieferten Nervenduellen war im Januar 2007 in aller Munde. Würde diese urdeutsche Sportart vielleicht sogar an die Beliebtheit des Fußballs heranreichen?

          Zwei der alten Riege: Roggisch (l.) ist noch im Team, Baur nicht mehr
          Zwei der alten Riege: Roggisch (l.) ist noch im Team, Baur nicht mehr : Bild: AP

          Mancher Begleiter des Handballs, auch mancher Funktionär beim Deutschen Handball-Bund (DHB), verstieg sich zu dieser These - die falscher nicht hätte sein können, wie die düstere Gegenwart zeigt. Fünf Jahre nach dem Wintermärchen in deutschen Hallen, das auf das Sommermärchen der Fußball-WM 2006 folgte und eine nie dagewesene Begeisterung für den Handball entfachte, sind die Erwartungen der Teams von DHB und DFB komplett verschieden: Während die Fußball-Nationalmannschaft mit ihrem schier unerschöpflichen Talente-Pool im Sommer nach dem Titel greift, wollen die Handballer bei der EM vom 15. Januar in Serbien nur den Abwärtstrend stoppen, der sich aus den Ergebnissen bei den letzten Großveranstaltungen ablesen lässt.

          Die Qualifikation wäre „ein Wunder“

          Seit 2007 sind die Plazierungen immer schwächer geworden. Bei der WM in Schweden vor einem Jahr wurde Deutschland Elfter. Das war eine Blamage für den größten Handballverband der Welt. Ein Ausrutscher war es nicht. Während Nationen wie Frankreich, Dänemark, Spanien und Kroatien enteilt sind und schon lange nicht mehr gegen die Deutschen verlieren, bewegen sich früher unterlegene Länder wie Ungarn, Island, Tschechien oder Schweden auf einem ähnlichen Niveau wie die DHB-Auswahl. Deswegen formuliert der neue Bundestrainer Martin Heuberger seine Ziele auch nur sehr vorsichtig: „Wir wollen in Serbien besser spielen als zuletzt und eines der Olympia-Qualifikationsturniere erreichen“, sagt Heuberger. Mit etwas Glück könnte Rang neun genügen, um an einer der drei Spielberechtigungsrunden für London im April teilnehmen zu dürfen.

          Was für das Team um Pascal Hens tatsächlich möglich ist in einer kniffligen Vorrundengruppe mit Schweden, Tschechien und Mazedonien, das wird in der Handball-Szene zurückhaltend beurteilt. Die Olympia-Qualifikation wäre „ein Wunder“ hat Bob Hanning gesagt, der Manager der Berliner Füchse. Frank Bohmann, Geschäftsführer der Handball-Bundesliga, sagt: „Man sollte von dieser Mannschaft nicht zu viel erwarten.“ Stefan Kretzschmar meint gegenüber dieser Zeitung: „Ich halte es im Idealfall für möglich, ins Halbfinale zu kommen. Ich halte es aber auch für möglich, dass wir in der Vorrunde ausscheiden.“

          Im niedersächsischen Barsinghausen hat Heuberger seine Spieler in diesen Tagen versammelt. Dreimal am Tag wird trainiert. Zwei Tests gegen Ungarn bilden den Abschluss der Vorbereitung, der erste am Samstag in Bremen wurde beim 36:33-Sieg souverän absolviert. Das Ganze wirkt weniger gehetzt als sonst: Die Liga hat auf den letzten Vorrundenspieltag im alten Jahr verzichtet, um den Spielern etwas mehr Ruhe und dem Bundestrainer etwas mehr Zeit zu geben. In der Liga weiß man, welche Zugkraft eine starke Nationalmannschaft hat. Fernsehzeiten bei den Öffentlich-Rechtlichen bekommt der Handball nur, wenn die Nationalmannschaft spielt. Deswegen ruhen trotz aller Sorgen viele Hoffnungen auf einem Team, das mit den Weltmeistern von 2007 nichts mehr gemein hat: Nur Pascal Hens, Holger Glandorf und Oliver Roggisch sind vom Stamm der WM-Helden noch dabei.

          Zum Haareraufen? Pascal Hens und die deutschen Handballer starten in die EM
          Zum Haareraufen? Pascal Hens und die deutschen Handballer starten in die EM : Bild: REUTERS

          Spielmacher Markus Baur und Kreisläufer Christian Schwarzer arbeiten als Trainer, Rechtsaußen Florian Kehrmann und Linksaußen Thorsten Jansen wurden von Heubergers Vorgänger Heiner Brand nicht mehr eingeladen, der Kieler Christian Zeitz hat keine Lust mehr auf die Nationalmannschaft. Torwart Henning Fritz spielte nie mehr auf dem Niveau von 2007, und sein Vertreter Johannes Bitter pausiert, weil er mehr bei der Familie sein will. Michael Kraus ist nach seiner langen Verletzung nicht rechtzeitig fit geworden. Von den Spitzenteams Kiel und Hamburg sind nur drei Profis dabei: Dominik Klein, Christian Sprenger und Hens. Die größte Not herrscht auf den zentralen Positionen: Als Spielmacher sollen es der Göppinger Michael Haaß und der Lemgoer Martin Strobel richten, am Kreis stehen Christoph Theuerkauf und Patrick Wiencek bereit - vor keinem der vier müssen sich die großen Handballnationen fürchten.

          Vor allem in der Abwehr zupacken

          Eine große Wahl hat Heuberger nicht. Obwohl der deutsche Nachwuchs regelmäßig Titel gewinnt, gelingt keinem Talent der Durchbruch bei einem großen Bundesligaklub, weil dort fertige, ausländische Spieler vorgezogen werden. Alle Sorgen seines Vorgängers nimmt Heuberger mit in sein erstes großes Turnier: Wer soll diese Mannschaft in der Art eines Christian Schwarzer führen? Hierarchie und Teamgeist müssen sich noch herausbilden. Äußerst fraglich, ob dieses Team auf der Suche nach einer inneren Ordnung die Stressfestigkeit für eine EM mitbringt.

          Die Deutschen sind keine Träumer. Auch 2007 gewannen sie nicht, weil sie brillierten. In den Tagen von Barsinghausen hat der formstarke Flensburger Glandorf gefordert: „Wir müssen uns auf unsere alten Tugenden besinnen: Wille, Kampf, Leidenschaft. Dann werden wir Erfolg haben.“ Dass den deutschen Ballwerfern einmal die richtige Einstellung zum Beruf fehlen würde, hätte man nie erwartet - doch Brand trat letztlich wegen der fehlenden Bereitschaft seiner Spieler zurück, sich zu quälen.

          Zusammenstehen, nicht aufgeben, vor allem in der Abwehr zupacken und vorn die Spielzüge spielen, die der Trainer angesagt hat: Sollte die DHB-Auswahl zum Kleingedruckten des Handballs zurückkehren, könnten in Serbien die düstersten Wolken vertrieben werden. Auch wenn keiner auf die Idee käme, dann von einem neuen Wintermärchen zu sprechen.

          Der komplizierte Weg nach London

          Um eines der drei Qualifikationsturniere im April zu erreichen, müsste Deutschland in Serbien zu den zwei besten Teams gehören, die sich bisher weder direkt für die Olympischen Spiele in London noch für eines der Turniere qualifiziert haben. Neben Weltmeister Frankreich gehören sechs Teams bei der EM zu denjenigen, die schon qualifiziert sind oder an einer der Ausscheidungsrunden teilnehmen: Dänemark, Ungarn, Spanien, Island, Schweden, Kroatien. Sollten alle sieben Teams vor Deutschland landen, reichte der neunte Platz, um bei einem der Qualifikationsturniere dabei zu sein. In Dänemark, Spanien und Schweden spielen im April jeweils vier Länder um die letzten sechs Tickets für London. Doch es ginge auch ohne Umwege: Würde Heubergers Mannschaft das Finale der EM am 29. Januar gewinnen, wäre sie als Europameister direkt für die Olympischen Spiele qualifiziert.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Joachim Löw darf Bundestrainer bleiben.

          Krise des DFB-Teams : Rätselhaftes Vertrauen in Löw

          Es erstaunt, wie selbstgewiss das DFB-Präsidium seiner offenbar unantastbaren Bundestrainer-Institution einen Wandel im Handumdrehen zutraut. Scheitert Joachim Löw wieder, ist auch die Führung des Verbandes gescheitert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.