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Handball-EM-Qualifikation : Sieg über die Zweifel

  • Aktualisiert am

Aus Prinzip umstritten: Bundestrainer Martin Heuberger Bild: dpa

Erst eine Pleite, dann ein Erfolg über Tschechien: Beim Handball-Nationalteam geht es weiter turbulent zu. Die EM-Teilnahme bleibt nach dem 28:23 für die Deutschen möglich.

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          Immer wieder mal Gegenwind, manchmal sogar heftige Turbulenzen: Martin Heuberger kennt sich damit aus. Er hat solche Situationen schon öfter erlebt, zum Beispiel vor einigen Monaten, vor der Weltmeisterschaft in Spanien: „Da war noch nicht ein Spiel gespielt, da diskutiert man schon über den Trainer.“ Manchmal hatte es sogar den Anschein, als basierten Vorbehalte gegen den Handball-Bundestrainer einfach auf seiner Herkunft. „Ich spreche vielleicht nicht unbedingt perfektes Hochdeutsch“, sagt der Schutterwalder, „ich habe auch nicht 250 Länderspiele gemacht.“ Teilweise störte ihn somit die Kritik, „das tut natürlich schon weh“.

          Er hatte sich dann zum Selbstschutz in Verdrängung geübt, „sonst zermürbt es einen“. Und versucht, seinen Weg zu gehen, mit aller Konsequenz. Wie in diesen Tagen, als Heuberger und sein Team wieder attackiert wurden. Als sich die Lage im deutschen Handball, die sich durch Platz fünf bei der WM in Spanien deutlich entspannt hatte, wieder zuzuspitzen schien. Als Alles-oder-nichts-Szenarien entworfen wurden. Am Sonntag in Halle in Westfalen gelang den Deutschen dann ein gewisser Druckausgleich vor fast 10.000 Zuschauern: Sie siegten in der Qualifikation zur Europameisterschaft 2014 in Dänemark 28:23 über Tschechien, trotz eines holprigen Starts. Das Ziel ist damit zwar noch nicht erreicht, demnächst müssen auch noch Montenegro und Israel bezwungen werden. Heuberger sagte jedoch in Halle: „Wir sind halbwegs im Soll.“

          Natürlich wäre es ein Desaster für den deutschen Handball, würde er an dem europäischen Championat nicht teilnehmen. Schließlich hat der Weltmeister von 2007 bereits Olympia in London verpasst und damit einen erheblichen Imageschaden erlitten. Soll die Weltspitze tatsächlich wieder erreicht werden, müssen sich die Deutschen - und vor allem die jüngeren Spieler - bei größeren Turnieren mit der Konkurrenz messen. Und Heuberger will weiter auf Talente setzen, so wie er es bereits in Spanien getan hatte. „Die Mentalität dieser Mannschaft hat mir außerordentlich gut gefallen“, sagt der Bundestrainer, er preist den „guten Charakter“ der Jungen.

          Gut durchgesetzt: Steffen Weinhold erzielt sechs Tore
          Gut durchgesetzt: Steffen Weinhold erzielt sechs Tore : Bild: dpa

          Vor wenigen Tagen in Brünn aber, beim 22:24 gegen die Tschechen, war nicht allzu viel zu sehen von einer stabilen Gemeinschaft. Und Heuberger konstatierte ernüchtert: „Wir haben vor allem im Angriff den Kopf verloren.“ Am Sonntag war er zufriedener: „Der Rückraum war viel effektiver.“ Steffen Weinhold und Sven-Sören Christophersen waren mit jeweils sechs Toren die besten Schützen. Und Torhüter Silvio Heinevetter parierte prächtig.

          Nicht zuletzt der Verzicht auf die Flensburger Holger Glandorf und Lars Kaufmann, die auch in Spanien fehlten, hatte für neue Diskussionen über Heubergers Personalpolitik gesorgt. „Es wird viel spekuliert“, sagt der Bundestrainer dazu, „aber das sind doch alles Hirngespinste.“ Der rückkehrwillige Glandorf befindet sich zur Zeit in bestechender Form, er lieferte im Verein mehrere Belege dafür. Ihn und Kaufmann vorläufig trotzdem nicht zu berücksichtigen, scheint Heuberger zumindest im deutschen Team nicht angekreidet zu werden.

          Heuberger will perspektivisch handeln

          Grundsätzlich finde ich, dass man dem Bundestrainer vertrauen sollte“, sagte Oliver Roggisch, wegen einer Verletzung ein Abwehrchef außer Dienst, gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. „Wir haben eine gute WM ohne die beiden gespielt, da hat sich ein Team herausgebildet. Nun war einfach keine Zeit, sich mit den beiden einzuspielen.“ Roggisch glaubt jedoch, dass die Tür für die beiden Flensburger nicht geschlossen bleibt. „Beide kriegen wieder eine Chance. Das hat der Bundestrainer entschieden, und das sollte man akzeptieren.“

          Heuberger, dessen Vertrag im kommenden Jahr ausläuft, betont stets, perspektivisch zu handeln. Mit Blick auch schon auf die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro. Das, sagt er, sei ein wichtiges Ziel für den deutschen Handball. Und für seine jungen Kräfte. „Es lohnt sich, ihnen Vertrauen zu geben“, sagt Heuberger, „sie zahlen es in der Regel zurück.“ Es geht um einen Umbruch im Nationalteam, den er schon vor Spanien eingeleitet hatte. „Das ist eine gewisse Stärke von mir.“

          „Ich bin aber keiner, der da vorprescht“

          Er hat sich, unbestritten, bereits einige Meriten erworben, wurde etwa in den Jahren 2009 und 2011 mit den deutschen Junioren Weltmeister. Und muss nun dennoch, als Nachfolger der Ikone Heiner Brand, häufig gegen Zweifel kämpfen. Heuberger ist mit der öffentlichen Wahrnehmung seiner Person nicht immer einverstanden. Und sagt: „Als Bundestrainer muss man damit leben. Wichtig ist, dass ich mit der Mannschaft klar komme, dass sie meine Philosophie versteht.“

          Da ist erst mal selbst die Frage über seine Zukunft beim Deutschen Handball-Bund (DHB) zweitrangig. Natürlich würde der Schutterwalder seine Arbeit gerne über 2014 hinaus fortsetzen - vorausgesetzt, Deutschland ist in Dänemark dabei. „Ich bin aber keiner, der da vorprescht“, sagt Heuberger: „Entweder kommt der DHB auf mich zu - oder nicht.“ Mit seinen Vorstellungen ist der Verband ja vertraut. Auch wenn Heuberger sie auf seine ganz spezielle Art artikuliert. Mit Ortenauer Zungenschlag.

          Deutschland - Tschechien 28:23 (15:12)

          Deutschland: Lichtlein (TBV Lemgo), Heinevetter (Füchse Berlin) - Kneer (SC Magdeburg), Wiencek (THW Kiel) 4, Reichmann (HSG Wetzlar) 1, Dissinger (Kadetten Schaffhausen), Theuerkauf (HBW Balingen-Weilstetten), Groetzki (Rhein-Neckar Löwen) 5, Weinhold (SG Flensburg-Handewitt) 6/2, Strobel (TBV Lemgo) 1, Schmidt (HSG Wetzlar) 2/2, Fäth (HSG Wetzlar), Haaß (Frisch Auf Göppingen) 1, Pfahl (VfL Gummersbach) 1, Klein (THW Kiel) 1, Christophersen (Füchse Berlin) 6
          Tschechien: Galia, Stochl - Hrstka, Becvar 1, Jurka 1, Kubes, Motl 2, Jicha 8/5, Sulc, Sobol 1, Horak 4, Mraz, Juricek 4, Strzinek 2, Dostalik, Kasal
          Schiedsrichter: Leifsson/Palsson (Island)
          Zuschauer: 9500
          Strafminuten: 4 / 10

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