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Handball-EM : Erster Dämpfer für die deutschen Weltmeister

  • -Aktualisiert am

Kein Durchkommen in der spanischen Abwehr: Markus Baur Bild: AP

Gegen Spanien musste Deutschland bei der Handball-EM die erste Niederlage hinnehmen. Das Team von Heiner Brand verlor nach schwacher Vorstellung 22:30. Damit nimmt der Weltmeister nur zwei Punkte mit in die Hauptrunde.

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          Pascal Hens blieb gar nicht mehr stehen, er verschwand sofort in der Kabine. Kein Wort über das, was gerade geschehen war in der Haukelandshallen von Bergen - zu groß war offensichtlich die Enttäuschung über die erste Niederlage Deutschlands bei der Europameisterschaft, es war ja auch ein herber Rückschlag (Siehe auch: Handball: Ergebnisse und Tabellen).

          Rainer Seele
          Sportredakteur.

          Die Deutschen hatten sich zwar durch das 28:24 über Ungarn am Samstag vorzeitig für die Hauptrunde qualifiziert, nach dem 22:30 gegen Spanien am Sonntag ziehen sie jedoch nur mit einem Polster von zwei Punkten nach Trondheim weiter. Sie treffen dort von Dienstag an auf Frankreich, Island und Schweden - ein hartes Programm für die deutsche Mannschaft, die bisher vor allem im Angriff den Erwartungen nicht gerecht wurde. Bundestrainer Heiner Brand behauptete am Sonntagabend trotzdem, dass sich für ihn an der Ausgangslage nichts geändert habe. Er verlangte nur eines: eine „enorme Verbesserung“ in der Offensive.

          „Die Spanier haben uns bei Gegenstößen überlaufen“

          Schon gegen die Ungarn hatte der Weltmeister sehr unpräzise geworfen, gegen die Spanier hatte er dabei freilich eine noch schlechtere Quote. Nur 35 Prozent seiner Attacken führten zum Erfolg - ein miserabler Wert. Hens erzielte aus dem linken Rückraum lediglich ein einziges Tor; sein Pendant auf der rechten Seite, der Nordhorner Holger Glandorf, kam wenigstens auf vier Treffer. Der Rückraum habe viel zu statisch agiert, monierte Abwehrchef Oliver Roggisch, er habe sich viel zu wenig bewegt. „So ein Spiel“, sagte Roggisch, „dürfen wir uns nicht mehr leisten.“ Der Lemgoer Florian Kehrmann klagte, dass „die Spanier uns mit Gegenstößen überlaufen haben“.

          Ohne Treffsicherheit: Pascal Hens
          Ohne Treffsicherheit: Pascal Hens : Bild: dpa

          Selbst die deutschen Torhüter konnten diesmal kaum überzeugen. Henning Fritz hatte sich zunächst bewähren dürfen, einige Male fuhr er den Spaniern reaktionsschnell in die Parade - danach war aber auch er meist machtlos. In der zweiten Halbzeit wurde Fritz durch Johannes Bitter ersetzt, aber der Hamburger konnte am Sonntag keine Akzente setzen.

          Bitter: „Heute habe ich mich 20 mal geärgert“

          Das war am Tag zuvor noch anders gewesen. Es ging schon auf das Ende des Spiels zu, da drückte Bitter den Ball fest an sich. Er presste ihn an seine rechte Brust wie einen Schatz. Kurz zuvor hatte er wieder einen ungarischen Wurf pariert, Bitter war so etwas sehr häufig gelungen am Samstag. Und wie er dann mit dem Ball umging, konnte als Zeichen dafür betrachtet werden, dass er fast eins gewesen war mit ihm an diesem Tag. Zwar mäkelte der deutsche Torhüter auch ein bisschen, er sagte: „Heute habe ich mich 20 mal geärgert.“ Aber das dürfte doch deutlich überlagert worden sein durch ein anderes Gefühl: durch die Genugtuung darüber, ein großer Rückhalt des Weltmeisters gewesen zu sein.

          Bitter und die Verteidigung: Darauf hatte Bundestrainer Brand sich wenigstens am Samstag verlassen können, damit hatten - anders als gegen Spanien - die Schwächen in der vorderen Reihe noch ausgeglichen werden können. Bitter war der Garant des Sieges über Ungarn - aber generell war die gesamte Deckung der Deutschen meist auf der Höhe, mit Roggisch als zentraler Figur. Dazu hatte wenigstens Linksaußen Torsten Jansen, der fünfmal traf, eine hundertprozentige Ausbeute. Der Hamburger machte darüber allerdings nicht viel Aufhebens. Er hatte dies bereits bei der Weltmeisterschaft 2007 nicht getan, als er ebenfalls einer der zuverlässigsten deutschen Spieler war.

          „Oli ist immer heiß, dann haut er einiges um“

          Eher introvertierte Athleten wie Jansen mitzureißen, ist vor allem die Aufgabe von Roggisch. Am Samstag hatte er diesen Part mit beträchtlichem Aufwand erfüllt, an ihm konnte sich die anderen aufrichten. Die Aggressivität - auch bei der Wortwahl - ist der Trumpf des Mannes von den Rhein-Neckar-Löwen. „Ich lebe davon“, sagt Roggisch. Er räumte jedoch auch ein, dass er es bisweilen mit seinem Einsatz ein wenig übertreibe - er findet freilich, dass dies manchmal doch von Vorteil sei für das Team.

          Roggisch wandelt mit diesem Verhalten allerdings auf einem schmalen Grat: Nicht selten wird er von den Schiedsrichtern des Feldes verwiesen, Zwei-Minuten-Strafen gehören für ihn zum Handball-Alltag. „Oli ist immer heiß, dann haut er einiges um“, sagte Bitter am Samstag salopp über seinen hart zupackenden Kompagnon, von dem er selbst natürlich auch profitiert.

          Roggisch: „Adrenalin ist die beste Schmerztablette“

          Als das Werk schließlich vollbracht und Trondheim erreicht war, wirkte Roggisch zwar ausgepumpt, wirkliches Leiden aber ließ der deutsche Zerstörer nicht erkennen. Der umtriebige Roggisch baut dabei auf ein spezielles Rezept: „Adrenalin ist die beste Schmerztablette.“ Vermutlich ist Roggisch vorläufig unverzichtbar für die Deutschen. Es gibt niemanden in diesem Team, der sich den Widersachern - in der Regel - so energisch entgegenstemmen würde wie er.

          Momentan dürfte Roggisch freilich hauptsächlich als Muntermacher gefordert sein bei einem niedergeschlagenen Weltmeister. Am Sonntag war in Bergen allerdings auch immer wieder die Rede von der Weltmeisterschaft: Die Deutschen hatten damals in der Vorrunde gegen Polen verloren - und sich danach aber nicht mehr stoppen lassen. Daran erinnerten sich die Deutschen nun, und sie glauben, dass diese Geschichte sich in Norwegen wiederholen kann. Das Team werde sich aus dem Loch befreien, sagte Roggisch am Sonntag. Viel mehr, als Trotz zu offenbaren, blieb den Deutschen an diesem Tag auch nicht übrig.

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