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Handball-EM der Frauen : „Wir haben uns mehr durchgequält“

  • -Aktualisiert am

Im Angriff, aber noch nicht richtig in der Angriffs-Rolle: Emily Bölk im Spiel gegen Rumänien Bild: Imago

Die Handball-Frauen haben bei der Europameisterschaft noch nicht zu ihrem Spiel gefunden und werden kritisiert. Warum sind die Deutschen nur so ungeduldig?

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          Es wäre bestimmt nicht bei einem Bummel über Koldings schönen Weihnachtsmarkt geblieben. Gebrannte Mandeln, dänische Gemütlichkeit, als Mitbringsel kleine Weihnachtsmänner aus Filz oder die traditionellen rotweißen Weihnachtsherzen aus Papier: Hier hätten die Handballspielerinnen Momente der Zerstreuung finden können.

          Stattdessen gab einen gemeinsamen Park-Ausflug. Die Grünanlage habe Gerätschaften wie auf einem Abenteuerspielplatz geboten, erzählte Maren Weigel am Mittwoch: „Das war unser Highlight.“ Endlich mal raus aus den Hotelzimmern in der süddänischen Stadt mit ihren 60.000 Einwohnern – von denen die Deutschen abends in der „Sydbank Arena“ aber kaum jemanden wahrnehmen. „Wir sind komplett in der Bubble, wir treffen oder sehen keinen“, sagte Emily Bölk, „aber so muss das ja auch sein, wenn es funktionieren soll.“

          „Wir arrangieren uns alle damit“

          Die Einstellung zu dieser Europameisterschaft in ungewohntem Rahmen ist pragmatisch. Ob Handballspielen so Spaß macht in einem Land, das die Ballwerferinnen mit Sachkunde liebt und allgemein gern feiert, steht auf einem anderen Blatt. „Wir arrangieren uns alle damit“, sagte Bölk. Sie hat in Dänemark gelebt. Sie weiß, dass Handballspiele hier Straßenfeger sind – Karten für das Live-Erlebnis heiß begehrt. Jetzt ist alles anders. Beginnend damit, dass Norwegen als Gastgeber absprang und Deutschland nicht nach Trondheim flog, sondern in Kolding spielt, 80 Kilometer nördlich der Grenze.

          Tatsächlich sind die sterilen Bedingungen des ersten großen Turniers in der Pandemie aber gar nicht das große Thema rund um die Deutschen. Nach einem guten, einem schlechten und einem mäßigen Spiel ist vor dem Start in die Hauptrunde am Samstag gegen Ungarn viel Kritik auf Henk Groeners Team eingeprasselt. Der 60 Jahre alte Bundestrainer sagte zwar, er verspüre keinen Druck von außen, versuchte aber auch gar nicht erst, seine Enttäuschung zu verbergen: „Wir haben uns mehr durchgequält als durchgespielt. Wir haben nicht zu unserem Spiel gefunden. Alle haben mit sich selbst gekämpft – unser Spiel war nicht das Gelbe vom Ei.“ Das gilt besonders für diejenigen, die vorweggehen sollen.

          Orchestriert von der Seitenlinie: Nationaltrainer Henk Groener, hier im November in Stuttgart
          Orchestriert von der Seitenlinie: Nationaltrainer Henk Groener, hier im November in Stuttgart : Bild: dpa

          Doch Bölk, Xenia Smits und Kapitänin Kim Naidzinavicius haben ihre Angriffsrollen bei dieser EM bislang nicht gefunden. Während Smits gegen Polen immerhin in der Abwehr überzeugte und Bölk beim Sieg über Rumänien vier Tore warf, läuft das Turnier an Naidzinavicius trotz ihrer vier Treffer zum Start vorbei. Dass Groener am Ende des entscheidenden Spiels gegen Polen am Montag die Nachrückerin Annika Lott auf der „Königsposition“ im linken Rückraum einsetzte, war so mutig wie überraschend – eine Wahl hatte er nicht. Am Mittwoch beantwortete Groener Fragen zur Form der Führungsspielerinnen ausweichend: „Es wird für sie noch andere Spiele in diesem Turnier geben.“

          Folgen von Corona

          Von Torhüterin Dinah Eckerle wird auch mehr kommen müssen, wollen die Deutschen gegen Ungarn, die Niederlande und Kroatien bestehen. Kreisläuferin Julia Behnke und Rückraumspielerin Shenja Minevskaja, beide wie Eckerle und Bölk im Ausland beschäftigt, waren bislang ebenfalls keine Stützen im Angriff. Behnke hat auf ihre missliche Lage hingewiesen: „Ich habe in diesem Jahr erst zehn Spiele gemacht.“ Emily Bölk selbst hatte Mitte September wegen einer Corona-Infektion ausgesetzt, sie sagte: „Wir haben uns ein Jahr nicht richtig gesehen. Wenn man sieht, was wir vergangenes Jahr spielerisch erreicht haben, sind wir dort noch lange nicht. Unser Anspruch an uns selbst ist ein anderer Level. Es hat viel mit dem Kopf zu tun. Ich selbst bin fit und fühle mich gut – so wie bei anderen Turnieren auch.“

          Groener hat sieben Jahre die niederländischen Frauen trainiert. Der anhaltende Aufschwung in Oranje trägt seine Handschrift. Ähnliche Hoffnungen verbindet der Deutsche Handballbund (DHB) mit ihm. Auch im dritten Jahr seiner Tätigkeit sucht er aber geeignete Frauen für die Spielsteuerung in brisanten Momenten. Dabei ist sein Team weder besonders jung noch unerfahren.

          Spielplan der Handball-WM 2021 in Ägypten

          Um seine Vorstellungen vom Handball durchzusetzen, braucht Groener indes Zeit, damit sich durch das Training Automatismen ausbilden. Was er hatte, war ein Lehrgang im September. Groener sagt: „Uns fehlt Spielpraxis. Wir müssen Selbstverständlichkeit reinkriegen.“ Bei diesem Turnier ist er auch damit beschäftigt, Erwartungen zu dämpfen. Das Halbfinale zu erreichen, fände er angesichts der starken Konkurrenz herausragend. Ihn irritiert die Ungeduld hierzulande; in Norwegen, Russland oder Frankreich gibt es in der Leitung der Nationalteams Stetigkeit über viele Jahre. Staatliche Gelder ermöglichen dort Vollprofitum.

          Jetzt wartet eine ungewöhnlich lange Pause. Inklusive Halbfinale wären es dann ab Samstag vier Spiele in sechs Tagen: „Total unfair“, schimpfte Groener über den Spielplan, „ein Witz.“ Aber: „Vielleicht ist es gut, jetzt die Pause zu haben.“ Bei der WM 2019 in Japan gab es zunächst begeisternde Spiele, ehe die Deutschen am Ende einbrachen.

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