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Handball : "Einarmiger Bandit" im Tor

  • -Aktualisiert am

Nicht einmal drei Jahre nachdem ihm sein Arm bis über den Ellenbogen hinaus abgetrennt wurde, spielt der 27jährige Matthias Thiemann wieder in Deutschlands dritthöchster Spielklasse. Bei den Nicht-Behinderten, versteht sich. Thiemann ist eine feste Größe im Team des niederrheinischen Regionalligavereins TV Korschenbroich, und mit seiner Behinderung hat das überhaupt nichts zu tun.

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          Der Rückraumspieler des Soester TV macht eigentlich alles richtig: Mit einer Körpertäuschung versetzt er die gegnerische Abwehr, er springt kurz vor dem Wurfkreis ab und wirft den Ball ins linke obere Toreck. Doch Matthias Thiemann zeigt sein ganzes Können. Reflexartig reißt der Handballtorwart des TV Korschenbroich den rechten Arm hoch. Der Ball prallt auf: mit einem merkwürdigen, dumpfen Geräusch, so als habe er die Schaumstoffmatte hinter dem Tor getroffen. "Das ist doch nicht wahr", sagt ein fassungsloser Zuschauer. Thiemann hat es gehört. Einen Moment lang blickt er zur Tribüne hinüber, lächelt - und rückt seine "bessere Hälfte" gerade. So nennt er die Prothese aus Schaumstoff und Karbon, die seinen rechten Unterarm ersetzt und die ihm gute Dienste leistet.

          Mit einer Geschwindigkeit von mehr als 100 Kilometer pro Stunde fliegen die Bälle auf Thiemanns Tor, Wochenende für Wochenende. Nicht einmal drei Jahre nachdem ihm sein Arm bis über den Ellenbogen hinaus abgetrennt wurde, spielt der 27jährige Thiemann wieder in Deutschlands dritthöchster Spielklasse. Bei den Nicht-Behinderten, versteht sich. Thiemann ist eine feste Größe im Team des niederrheinischen Regionalligavereins TV Korschenbroich, und mit seiner Behinderung hat das überhaupt nichts zu tun. "Das hier ist Leistungssport, kein Sozialplan", sagt Trainer Michael Hattig. "Hier hat niemand Sonderrechte." Mitleid hat Thiemann auch gar nicht nötig. Nach 20 Spielminuten hat er bereits sieben schwere Würfe pariert, vier davon mit rechts - und das ohne Ellenbogengelenk. Schließlich läßt sich die Prothese nicht knicken, sondern nur wie ein verlängerter Arm auf und nieder bewegen. "Hier gilt das Prinzip Schranke", sagt Thiemann und schmunzelt. Trotz des Handicaps hält er die rechte Seite mittlerweile für seine starke Seite. Trainiert hat er sie jedenfalls genug. Thiemanns rechte Schulter, welche die ganze Wucht der aufprallenden Bälle abfangen muß, ist heute ein Muskelgebirge: das Ergebnis jahrelanger Arbeit in Rehabilitation und Kraftraum, Zeugnis seines unbändigen Willens. "Ich bin ein kranker Handballer", sagt Thiemann doppelsinnig, "aber das war auch vor dem Unfall schon so."

          Es war an einem Samstag nachmittag im März 2001, als der angehende Wirtschaftsingenieur beim Jobben in einem Gartencenter mit dem Arm in den Schredder geriet. "Ich wußte gleich, da ist nichts mehr zu machen, denn die Maschine häckselt auch 16 Zentimeter dicke Bäume", erinnert er sich. Wegen des Schocks spürte er zunächst keine Schmerzen; seine erste Sorge galt daher dem Sport: "Als meine Arbeitskollegen herbeigerannt kamen, habe ich sie gleich gebeten, dem Trainer Bescheid zu sagen, daß ich heute abend nicht zum Spiel kommen kann." Verzweifelt sei er nur in den ersten 24 Stunden nach der Notoperation gewesen, erzählt Thiemann rückblickend. "Am Montag habe ich dann den Schalter umgelegt." Der Arm wachse sowieso nicht mehr an, habe er zu sich gesagt, jetzt müsse das Leben weitergehen. "Ich wollte alles, was ich erreicht hatte, wieder erreichen. Dazu gehörte auch der Sport." Nur zwei Wochen nach der Amputation trainierte Thiemann schon wieder im Fitneßraum der Klinik. "Und als mir der Arzt eines Tages im Scherz sagte: ,Dann bauen wir Ihnen eben eine Prothese fürs Tor', habe ich ihn einfach drauf festgenagelt." Gleich nach der Entlassung aus dem Krankenhaus ging er wieder zum Training: Zunächst ohne Prothese, denn bis die fertig war, dauerte es ein halbes Jahr. Als Thiemann sich dann mit dem künstlichen Arm erstmals wieder ins Tor stellte, trauten sich seine Teamkollegen anfangs nicht, ernsthaft zu werfen - schließlich flog die Prothese bei harten Schüssen schon mal quer durch die Halle. "Der einzige, der damals an Matthias geglaubt hat, war er selbst", sagt Rita Grimm, die Ehefrau des Managers. Doch Thiemann ließ sich nicht unterkriegen. Woche für Woche legte er Sonderschichten im Training ein. Anderthalb Jahre nach dem Unfall gehörte er wieder zum Kader der Regionalliga-Mannschaft. Heute starrt ihn keiner seiner Mitspieler mehr an, wenn er den Armstumpf entblößt und eine rutschfeste Silikonbinde überstreift, um dort die Prothese zu befestigen. "Das ist irgendwie ganz normal geworden", sagt sein Teamkollege Daniel Stix. "Der einzige, der noch über dieses Thema redet, ist Matthias, wenn er Witzchen über sich selbst macht." So hatte der Torwart Anfang des Jahres angekündigt, sich im Karneval als einarmiger Bandit zu verkleiden. "Und die Probleme in meinem Alltagsleben erledige ich sowieso mit links", sagt er grinsend. In Soest ist ihm die gute Laune erst einmal vergangen. Eine Minute vor der Schlußsirene steht der gegnerische Rückraumschütze wieder frei vorm Tor, diesmal zielt er nach rechts unten. Der Ball landet im Netz, Soest hat nun fünf Treffer Vorsprung. Thiemann sitzt geschlagen auf dem Boden, blickt ein paar Sekunden lang konsterniert ins Leere. Aber dann steht er auf. Und als er auf die Tribüne blickt, lächelt er schon wieder.

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