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Handball : Die Sehnsucht der Löwen

  • -Aktualisiert am

Uwe Gensheimer und seinen Kollegen soll endlich der große Wurf gelingen. Bild: dpa

Den Rhein-Neckar-Löwen blieb die nationale Krönung bislang verwehrt. Das soll sich diese Saison ändern. Die Hoffnung darauf scheint in jedem Fall berechtigt.

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          Eine ländliche Idylle im Badischen. Alles an einem Fleck: Kirche, freiwillige Feuerwehr, Schule – und der Handball. Das ist der Ort, an dem die Rhein-Neckar Löwen groß geworden sind, längst eine renommierte Mannschaft, mit Mannheim als sportlicher Heimstatt, die Wurzeln aber liegen in Kronau. Dort wird immer noch trainiert, in einer Halle, die im Jahr 2007 offiziell an die Gemeinde Kronau übergeben worden war als Geschenk der Dietmar-Hopp-Stiftung. Von dort zogen die Löwen jetzt wieder aus, um fette Beute zu machen, endlich.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Die Löwen zeigen Biss, seit langem schon, sie gehören zum Establishment der Bundesliga und sind doch noch unvollkommen. Manche sprechen von einem Fluch, andere von einem Trauma, weil den Badenern bisher eine nationale Krönung verwehrt geblieben ist, trotz enormer Anstrengungen. Hamburg zum Beispiel, die Stadt, in der traditionell der deutsche Pokalsieger gekürt wird: ein Pflaster, das die Löwen inzwischen sehr gut kennen, auf dem ihre Jagd aber immer wieder gebremst wurde. Das Team nahm bereits achtmal am Endturnier um den Pokal teil, und achtmal blieben seine Hoffnungen unerfüllt. Das soll sich nun ändern, in einem Jahr der doppelten Titelchance.

          Der Tabellenführer der Bundesliga, der gute Aussichten auf die erste Meisterschaft hat, wird in Hamburg schon an diesem Samstag, im Halbfinale, eine Art Endspiel haben. Weil der Gegner die SG Flensburg-Handewitt ist, ein Team, mit dem die Löwen einige unangenehme Erfahrungen verbinden. Bloß nicht daran denken, sagt der Sportliche Leiter Oliver Roggisch. Nicht an die Niederlagen gegen die Flensburger und nicht an die schwarze Serie von Hamburg. „Das wäre das Schlimmste, was wir machen könnten.“ Er fordert: „Wir sollten das Ganze genießen.“ Den Zauber des Wochenendes in Hamburg, die Atmosphäre eines Wettbewerbs, die der Löwen-Geschäftsführer Lars Lamade schwärmerisch so beschreibt: „Es ist eines der besten Sportevents überhaupt auf dem Planeten.“ Immerhin kommen die Löwen diesmal als Klassenprimus – und damit mit breiter Brust. „Ich hoffe“, sagt ihr dänischer Trainer Nikolaj Jacobsen, „dass wir mehr in den Beinen und Armen haben als die Flensburger.“ Auch weil die Norddeutschen gerade noch in der Champions League gefordert waren und das bittere Ausscheiden akzeptieren mussten.

          Die SG Flensburg-Handewitt ist auch an diesem Samstag wieder Gegner der Löwen
          Die SG Flensburg-Handewitt ist auch an diesem Samstag wieder Gegner der Löwen : Bild: dpa

          Die Löwen blieben in der Champions League ebenfalls vorzeitig auf der Strecke. Ein Verlustgeschäft auch finanziell. Lamade beziffert das Minus, zustande gekommen nicht zuletzt durch die hohen Kosten in der SAP-Arena, auf etwa 100 000 Euro. Das schmerzt, zumal die Badener wegen Altlasten weiterhin einen Sparkurs verfolgen. Lamade sagt, dass immer noch ein dicker Brocken abzutragen sei; er stammt aus der Zeit, als unter dem Mäzen Jesper Nielsen üppige Gehälter ausgehandelt worden waren.

          Die Rhein-Neckar Löwen, EHF-Pokalsieger von 2013, verfügen dennoch über einen exquisiten Kader, in dem vor allem die Defensive heraussticht; die Badener haben in der Liga die wenigsten Gegentreffer hinnehmen müssen. Zwar können sich die Löwen dem Vernehmen nach keine Spieler leisten, die 40 000 Euro netto im Monat verdienen, wie es in Paris der Fall sein soll, beim künftigen Klub von Löwen-Star Uwe Gensheimer. Trotzdem sind die Badener, die kürzlich einen Spielhallenbetreiber als neuen Hauptsponsor präsentierten, in der Lage gewesen, den begehrten Handballlehrer Jacobsen oder den exzellenten Schweizer Spielgestalter Andy Schmid bis 2020 an sich zu binden sowie den Schweden Andreas Palicka in dieser Woche als zweiten Torhüter zu verpflichten.

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          Lamade, der gerne auf die skandinavische Linie bei den Löwen verweist, spricht von bezahlbaren Preisen auf dem Weg der Konsolidierung. Er selbst wird nach dieser Saison sein Amt niederlegen, wegen neuer Aufgaben beim Software-Konzern SAP, von dem auch seine Nachfolgerin rekrutiert worden ist. Jennifer Kettemann, die mit dem Handball offenbar kaum vertraut ist, nimmt Mitte Mai ihren Dienst bei den Löwen auf, arbeitet jedoch weiterhin bei SAP. Eine „überraschende Entscheidung“, sagt auch Lamade, doch er betont: „Wir sind kein Probierverein. Sie wird das supergut hinbekommen.“

          Der Pokal dagegen ist ein ewiges Probieren gewesen für die Löwen. Das große Glück im neunten Anlauf? Vermutlich in erster Linie eine Kopfsache für ein Team, das oft gestrauchelt ist kurz vor dem Ziel. Aber Lamade, der zu Superlativen neigt und ein wenig auch zu Pathos, ist guten Mutes, dass die Sehnsucht nach nationalem Ruhm nun gestillt wird. „Für Uwe“ etwa, den scheidenden Kapitän. Für die Fans, „damit man sich den Kram nicht mehr anhören muss“, das Gerede vom ständigen Scheitern. Kurzum, als Kronauer Botschaft: „Wir hätten es mittlerweile verdient.“

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