https://www.faz.net/-gtl-vy0w

Handball : Der Reiz der Handgreiflichkeiten

Christian Schwarzer lockt die Massen in die SAP-Arena Bild: dpa

Mehr Zuschauer in der Handball-Bundesliga, gestiegene Präsenz im Fernsehen: Der Werbe-Effekt der WM ist noch nicht verpufft. Und doch muss der Sport um seinen Stellenwert kämpfen: „Gebratenen Tauben fliegen uns nicht in den Mund.“

          3 Min.

          Grau soll der Himmel sein, und die Temperaturen müssen sinken - dann geht es dem deutschen Handball immer besonders gut. Im Winter erlebt er für gewöhnlich seine Hoch-Zeit, in diesen Wochen erwärmt sich die Kundschaft verstärkt für die Bundesliga - vermutlich wird das auch in diesem Jahr wieder so sein.

          Rainer Seele
          Sportredakteur.

          Die Liga rechnet jedenfalls fest damit, dass das Interesse demnächst weiter steigen wird. Schon jetzt freilich ist die Branche im Land des Weltmeisters angeblich sehr zufrieden mit der öffentlichen Wahrnehmung. Die Handball-Bundesliga (HBL) jedenfalls meldet, dass es gegenüber dem Vorjahr zehn Prozent mehr Zuschauer gebe. Die HBL wendet sich damit auch gegen die Kritik von Stefan Kretzschmar, der unlängst von alarmierenden Signalen gesprochen hatte. Kretzschmar, Sportdirektor des SC Magdeburg, behauptete, dass mit der Ausnahme des THW Kiel jeder Verein der Bundesliga unter schwindendem Besucherandrang leide.

          „Stetigen Trend“

          Die HBL kann das nicht verstehen. Die Äußerungen von Kretzschmar seien nicht korrekt, sagte HBL-Sprecher Oliver Lücke am Dienstag. Er findet, dass Liga und Verband derzeit einfach "sexy" seien, und begründet dies nicht zuletzt mit dem Engagement von Unternehmen wie Toyota oder Lufthansa im deutschen Handball.

          Nur Stefan Kretzschmar sieht alarmierende Signale
          Nur Stefan Kretzschmar sieht alarmierende Signale : Bild: dpa

          Ein Boom also in der nationalen Zunft? So weit will die HBL nicht gehen: Ihr Geschäftsführer Frank Bohmann spricht lieber von einem Wachstumsgeschäft, von einer kontinuierlichen Aufwärtsentwicklung. "Es gibt keine Anzeichen dafür", sagt Bohmann, "dass wir mit irgendeiner Depression zu kämpfen hätten." Auch die Kölner Agentur "Sport + Markt" will einen "stetigen Trend" im Handball, einem Sport mit allerlei Handgreiflichkeiten, erkannt haben. Es gebe keine Indizien, heißt es bei den Marketingspezialisten, dass der Effekt der Weltmeisterschaft zu verpuffen drohe.

          Kiel als Krösus

          Krösus in der Liga, die in der vergangenen Saison insgesamt 1,5 Millionen Fans in die Hallen gelockt hatte, ist - wen mag es wundern - immer noch der THW Kiel. Nach einer Statistik der "Handballwoche" führen die Norddeutschen die Zuschauertabelle mit einem Schnitt von 10.291 Besuchern pro Heimspiel an. Dicht dahinter folgen die Rhein-Neckar-Löwen, die offenbar durch die Weltmeister Henning Fritz, Oliver Roggisch oder Christian Schwarzer ebenfalls eine große Anziehungskraft ausüben. Die SAP-Arena in Mannheim war bisher mit 10.000 Handball-Sympathisanten gefüllt. Auch mit Hilfe dieser Einnahmen können die Badener weiter aufrüsten: Gerade gaben sie die Verpflichtung des Isländers Gudjon Valur Sigurdsson bekannt, der jedoch beim VfL Gummersbach noch bis 2009 unter Vertrag steht.

          Am wenigstens Zuspruch hat die MT Melsungen. Ihr Durchschnittswert, auf die Klientel bezogen, liegt bei 1941. Allerdings dürften die Melsunger demnächst einen kleinen Sprung nach vorne machen. Am zweiten Weihnachtsfeiertag werden sie ihren Stammsitz verlassen und in Kassel gegen den THW Kiel antreten: In der Rothenbach-Halle der Messe Kassel stehen insgesamt 4300 Plätze zur Verfügung. Innerhalb 55 Minuten, ließen die Melsunger unlängst wissen, waren alle Tickets für das Duell mit den Kielern verkauft - pathetisch ist von einem "Handball-Weihnachtsmärchen" die Rede.

          Spitze gegen Kretzschmar

          Dass mit dem Handball deutscher Art ein Geschäft zu machen ist, glaubt die HBL auch durch die erweiterte Präsenz im Fernsehen belegen zu können. Bis zu 940.000 Handballfans sahen etwa Anfang November den Sieg des HSV Hamburg in Kiel - das DSF erzielte damit mit einem Handballspiel die drittbeste Reichweite seit Beginn der Übertragungen im Jahr 1995. Bohmann mahnt dennoch, dass sich der Handball weiterhin "total bemühen" müsse - "die gebratenen Tauben fliegen uns nicht in den Mund".

          Als mögliche Störfaktoren gelten die ausufernden Europa-Pokal-Wettbewerbe. Die große Zahl der Spiele, so Bohmann, stellten nicht nur eine besondere Belastung für die Spieler, sondern auch einen finanziellen Druck für die Anhängerschaft dar. Manches Turnier, etwa die Vereins-Europameisterschaft, sähe Bohmann am liebsten abgeschafft. Nicht alles also ist stimmig im Handball, gleichwohl scheint die nationale Szene Konjunktur zu haben. Und so mag sich Bohmann eine Spitze gegen den ehemaligen Handball-Popstar und jetzigen Funktionär Kretzschmar nicht verkneifen. Früher, sagt er, habe Kretzschmar die Hand aufgehalten, heute müsse er sich darum bemühen, Geld zu besorgen. "Wahrscheinlich merkt er jetzt, wie schwer das ist."

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sieht den Fehler nicht bei sich: Olaf Scholz Ende April

          Cum-Ex : Schweigen über Steuertricks

          Alle Parteien begrüßen die höchstrichterliche Entscheidung zu Cum-ex, da die verwerfliche Praxis doch den Staat Milliarden gekostet hat. Der Bürger darf sich weiterhin fragen, wie es dazu kommen konnte.
          Guckloch: Blick auf die Altstadt Jerusalems mit dem Tempelberg

          Muslimisch-Jüdischer Dialog : Koscher oder halal?

          Ein muslimisch-jüdisches Paar bietet Anlass zu Projektionen. Ihre Ehe ist kein politisches Projekt – und führt doch in etliche Konfliktfelder. Davon berichten unsere beiden Kolumnisten von nun an in „Muslimisch-jüdisches Abendbrot“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.